Künstler verlässt Solingen

Barfuß mit Hut: So kennen ihn die Solinger

„Möbel, Bilder und Schnickschnack“ – Régis Noël will alles verkaufen, bevor er der Klingenstadt den Rücken kehrt. Foto: Christian Beier
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„Möbel, Bilder und Schnickschnack“ – Régis Noël will alles verkaufen, bevor er der Klingenstadt den Rücken kehrt.

Künstler Régis Noël sucht die Veränderung und ein Leben näher an der Natur.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Die Koffer sind noch nicht gepackt, mit denen Régis Noël und seine Frau Helena Anfang 2022 in ein neues Leben reisen wollen. Aber, dass es nicht mehr als einer für jeden sein wird, steht fest: „Wir lassen alles hinter uns und starten neu durch“, sagt der Mann mit dem scheinbar angewachsenen Hut und schlägt die Beine auf dem abgewetzten Sofa in seinem Atelier übereinander, so dass der Blick auf seine Füße fällt. Wie immer ist Régis Noël barfuß – sein zweites Markenzeichen.

Der Gedanke, noch einmal neu anzufangen, ruhiger und anders, wachse schon länger in ihm, erzählt der 64-Jährige. „Aber es war immer etwas los und so habe ich von Projekt zu Projekt gelebt, gerne und mit Herzblut.“ Die Güterhallen als Künstlerkolonie seien schließlich seine Kinder, deren Aufbau und Entwicklung er gemeinsam mit anderen federführend vorangetrieben hatte.

„2003 wurde der Verein gegründet. 2006 sind die ersten Ateliers bezogen worden.“ Wie auch Peter Amann und später Janine Werner bezog er sein Atelier nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Wohnen. Es gab selten eine scharfe Trennung zwischen beidem. „Ich weiß nicht, wie viele Gespräche ich in all den Jahren von der Rampe herunter mit Vorübergehenden geführt habe“, erinnert er sich gerne.

Dazu gab es seine Malschule, die er bereits in seinen Jahren in Aufderhöhe gegründet hatte. Dort hatte er mit Familie in einem Reihenhaus gelebt, bevor er mit dem Güterhallen-Atelier neu durchstartete. Jetzt geht auch diese Lebens-Phase zu Ende. „Die Zeit in den Güterhallen war erfüllend und reich“, sagt Régis Noël. Er schaue glücklich und auch mit ein wenig Stolz zurück auf das, „was wir als Künstler hier in Solingen geschaffen haben. Einen lebendigen pulsierenden Ort voller Kreativität und Lebensfreude“. Mit Corona wurde es anders für ihn und seine Frau Helena. „Der Lockdown, diese Zwangspause, das Leben ohne Trubel, ohne viele Leute war zunächst schmerzhaft und ungewohnt. Und dann haben wir gespürt: Es geht. Und es geht gut“, versucht er seine Beweggründe für die nun kommende umwälzende Veränderung zu beschreiben. Ein Schritt, der ihm nicht leicht fällt. Er lache und weine gleichzeitig, sagt er. Der Abschied von den vielen wunderbaren und ihm liebgewordenen Menschen in Solingen tue weh. Auch seinen Status als stadtbekannter und gut vernetzter Künstler aufzugeben, sei keine Kleinigkeit. Und dennoch: Die Ambition, sich neu aufzustellen, sich von Altem zu befreien und etwas zu wagen, ist stärker als die Wehmut.

Er schaut nach vorne: „In eine Zukunft, in der wir nahe an der Natur leben“, sagt er mit versonnenem Blick. „Wir möchten es ruhiger haben, als es hier war, nicht mehr so im Rampenlicht sein.“ Allerdings bleibt es da, wo ich bin, nie lange ruhig“, fügt er augenzwinkernd hinzu. In seinem Atelier in den Güterhallen sieht es aktuell noch turbulenter und bunter aus als sonst: „Alles wird verkauft, Mobiliar, Bilder, Schnickschnack“, sagt er. „Wir nehmen nur den Hund, Musikinstrumente und meine Lieblingspinsel mit“. Wer also Lust auf ein Souvenir hat, kann sich mit ihm via Facebook in Verbindung setzen.

Der Neustart beginnt bei null. Tatsächlich kenne er nicht einmal die neue Wohnung in Zurndorf in Österreich in der Nähe der Grenze zu Tschechien und der Stadt Bratislava, obwohl der Vertrag unterschrieben sei. Wer die über 1000 Kilometer bis zu seinem künftigen Domizil nicht scheue, sei jederzeit herzlich willkommen, sagt er. Und lächelt – verschmitzt und wehmütig gleichzeitig.

Güterhallen

Ort: Die ehemaligen Güterhallen des alten Hauptbahnhofs wurden 2006 zu einem Zentrum für Kunst, Handwerk und Wohnen in 16 Ateliers. Seitdem haben sie sich als Ort für Ausstellungen, Konzerte, Stadtfeste und Kleinkunst sowie als Location für Firmen- und Privatfeiern etabliert.

Verein: Seit zehn Jahren arbeitet der Verein autark. Die Künstler haben neben ihrer eigenen Arbeit in den Ateliers ein einzigartiges kulturelles Angebot geschaffen und ein weitreichendes Netzwerk aufgebaut. Die familiäre Atmosphäre in den Ateliers ist ein Kennzeichen der Güterhallen.

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