Unterlassene Hilfeleistung

Autofahrer lassen Rentner einfach liegen

Lothar Hofmann zeigt auf der Klingenstraße die Stelle in Höhe des Volksgartens, wo er nach einem Sturz minutenlang reglos liegen blieb. Zahlreiche Autofahrer hätten seine Notlage einfach ignoriert.
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Lothar Hofmann zeigt auf der Klingenstraße die Stelle in Höhe des Volksgartens, wo er nach einem Sturz minutenlang reglos liegen blieb. Zahlreiche Autofahrer hätten seine Notlage einfach ignoriert.

Nach einem Sturz auf der Klingenstraße erfuhr Lothar Hofmann erst mal keine Hilfe. Das schockiert ihn nach wie vor.

Von Kristin Dowe

Solingen. Lothar Hofmann erinnert sich an die Situation, als sei es gestern gewesen: An einem sonnigen Tag im August sei er vormittags auf der Klingenstraße zu Fuß unterwegs gewesen und plötzlich unglücklich gestürzt. „Ich muss wohl auf irgendwas ausgerutscht sein“, vermutet er – mit dem Ergebnis, dass er minutenlang mitten auf der Fahrbahn lag und sich nicht bewegen konnte. „Ich war wie in einer Schockstarre und konnte mich auch nicht bemerkbar machen.“ Die anderen Autofahrer konnten den 69-Jährigen hingegen gar nicht übersehen. „Die kurvten alle regelrecht um mich herum, ohne zu helfen“, sagt er immer noch fassungslos.

Geschätzt zehn bis zwölf Fahrzeuge hätten ihn buchstäblich links liegenlassen, ohne Hilfe anzubieten. „Die Autos haben mich teilweise nur um Haaresbreite verfehlt. Da hatte ich wirklich große Angst.“

Zu Hofmanns Glück entdeckte ihn schließlich ein Anwohner, half ihm wieder auf die Beine und bot ihm ein Glas Wasser an. Größere Verletzungen hatte er sich bei seinem Sturz zwar nicht zugezogen, doch hänge ihm diese Erfahrung und das Verhalten der Autofahrer an jenem Tag immer noch nach. Mit seiner Geschichte wolle er Aufmerksamkeit schaffen und Menschen dafür sensibilisieren, andere in Notsituationen nicht im Stich zu lassen. „Wenn ich mich irgendwo verspäte, weil ich jemandem geholfen habe, ist das ja wohl eine gute Entschuldigung.“

Und Erste Hilfe zu leisten ist nicht nur aus moralischen Gründen geboten, sondern eine gesetzliche Pflicht – anderenfalls macht man sich strafbar, erinnert Jan Battenberg, Sprecher der Polizei Wuppertal: „Wer eine hilfsbedürftige Person findet, muss erst mal Kontakt zu ihr aufnehmen und dann den Notfall unter der Nummer 112 oder der 110 melden. Wenn jemand besorgt ist, bei der Ersten Hilfe etwas falsch zu machen, kann er sich auch telefonisch bei der Aufnahme des Notfalls von einem sachkundigen Mitarbeiter der Feuerwehr oder Polizei anleiten lassen.“ Die Sorge, für eventuelle „Fehler“ bei der Hilfeleistung später womöglich belangt zu werden, sei extrem gering.

„Man sollte seine Kenntnisse in Erster Hilfe regelmäßig auffrischen.“

Dr. Thorsten Böth, DRK Solingen

Belastbare Zahlen zu Fällen unterlassener Hilfeleistung gibt es kaum: Im vergangenen Jahr hatte die Polizei in Solingen sieben, 2020 keinen und 2019 acht Strafanzeigen wegen dieses Delikts zu verzeichnen. Wie hoch die Dunkelziffer durch nicht zur Anzeige gebrachte Fälle ist, darüber kann man nur spekulieren, wenn man Lothar Hofmanns individuelle Erfahrung in Betracht zieht. „In jedem Fall ist unterlassene Hilfeleistung ein Offizialdelikt – das heißt, die Polizei oder Staatsanwaltschaft ist verpflichtet, sie von Amts wegen her zu verfolgen, sobald sie Kenntnis davon erlangt“, erklärt Rechtsanwalt Jochen Ohliger die rechtliche Lage. „Dementsprechend müsste auch in diesem Fall ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden. Ob das erfolgversprechend ist oder nicht, sei mal dahingestellt.“

Generell beschäftigten sich viele Menschen zu selten mit dem Thema Erste Hilfe, beobachtet Dr. Thorsten Böth, Kreisgeschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Solingen. „Diese Unsicherheit kann man leicht beseitigen, indem man seine eigenen Erste-Hilfe-Kenntnisse zur Vorbereitung auf den Ernstfall regelmäßig auffrischt. Das DRK empfiehlt alle zwei bis drei Jahre einen Erste-Hilfe-Auffrischungskurs, um im Ernstfall über die nötige Handlungssicherheit zu verfügen.“

Hintergrund

Auffrischungskurse in Erste Hilfe, speziell auch zum Thema Erste Hilfe am Kind, bietet das DRK Solingen in seinen Räumen an der Burgstraße 105 an. Termine und weitere Informationen gibt es online auf den Seiten der Einrichtung.

Standpunkt von Kristin Dowe: Moralische Pflicht

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Ich habe keine Zeit. Irgendjemand wird schon helfen. Was ist, wenn ich etwas falsch mache?“ Die Liste an Ausreden, die Menschen vermutlich dazu treiben, sich so zu verhalten wie im vorliegenden Fall und einen sichtbar hilfsbedürftigen Menschen einfach auf der Straße liegenzulassen, ist lang. Dabei gibt es in Wahrheit keinerlei Rechtfertigung dafür, in solchen Fällen nicht wenigstens einen Notruf abzusetzen und dem Betroffenen zwischenmenschlich beizustehen.

Einen Auffrischungskurs in Erster Hilfe könnten viele von uns wohl darüber hinaus gut gebrauchen. Ganz davon abgesehen ist unterlassene Hilfeleistung eine Straftat, die zu Recht mit empfindlichen Geldbußen bis hin zu Freiheitsstrafen geahndet wird.

Wie verbreitet das Phänomen im Alltag tatsächlich ist, lässt sich schwer beurteilen, da es in vielen Verdachtsfällen für die Polizei schwierig sein dürfte, den Nachweis zu führen. Wichtiger als die gesetzliche Pflicht zur Hilfeleistung sollte die moralische sein, denn wir könnten jederzeit selbst auf Hilfe angewiesen sein

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