Lebensmittelsicherheit

Zweifel wegen Hygiene: Aufregung um nachhaltigeres Messer

Dr. Karl Peter Born von der Franz Güde GmbH zeigt das Zirkelmesser – das Unternehmen war an dem Projekt beteiligt.
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Dr. Karl Peter Born von der Franz Güde GmbH zeigt das Zirkelmesser – das Unternehmen war an dem Projekt beteiligt.

Für das nachhaltige Konzept des Küchenmessers erhielten die Macher den Effizienz-Preis. Nun wird darüber diskutiert, ob mit dem Messer überhaupt Lebensmittel geschnitten werden sollten.

Von Kristin Dowe

Solingen. Die öffentliche Aufmerksamkeit war groß, als im September vergangenen Jahres erstmals das „Zirkelmesser“ der Öffentlichkeit vorgestellt wurde – ein robustes Küchenmesser, das mitsamt seiner Verpackung vollständig aus Industrieabfällen hergestellt wurde, die von mehreren metall- und kunststoffverarbeitenden Unternehmen im bergischen Städtedreieck stammten. Für dieses nachhaltige Konzept erhielten die Wissenschaftler der Bergischen Universität Wuppertal, die das Projekt mit auf den Weg brachte, sogar den Effizienz-Preis der Effizienz-Agentur NRW.

CDU möchte wissen, ob das recycelte Messer zulässig ist

Doch ist das Zirkelmesser tatsächlich reif für den Markt? Darauf zielt eine Anfrage der CDU-Ratsfraktion an die Verwaltung im Beteiligungsausschuss ab. So wollten die Christdemokraten wissen, ob das Zirkelmesser als Produkt des Bereichs „Contact Food“ überhaupt verkehrsfähig wäre, da es sich ausschließlich um recycelte Materialien handle. Zudem erkundigte die CDU sich nach Fördergeld aus öffentlichen Mitteln für das Projekt.

Das Thema sei im Rahmen der letzten Bau-Bar der Gläsernen Werkstatt aufs Tapet gekommen, wo das Zirkelmesser als Beispiel für nachhaltige Produktion präsentiert wurde, erklärt Carsten Becker, Sprecher der CDU im Beteiligungsausschuss. „Wir möchten gerne Klarheit darüber haben, ob das Zirkelmesser in dieser Form für den Verkauf überhaupt zulässig wäre.“

Jedes Messer müsse im Labor untersucht werden

Hartmut Gehring, Geschäftsführender Gesellschafter der Gehring GmbH und vereidigter Sachverständiger der IHK, hatte den Stein bei der Diskussion ins Rollen gebracht und Bedenken in Bezug auf die Marktreife des Zirkelmessers angemeldet. Sein Hauptargument: „Recycelte Produkte sind nicht geeignet, um Gegenstände mit Lebensmittelkontakt herzustellen, da die Rückverfolgbarkeit der Rohstoffe nicht lückenlos erfolgen kann.“ So werde jedes hergestellte Messer in einem Labor darauf getestet, ob die gesetzlichen Auflagen für den Verbraucherschutz erfüllt werden. Neben der Solingen-Verordnung gehören dazu unter anderem bestimmte DIN-Normen und EU-Gesetze.

Ein nachhaltiges Handeln um jeden Preis ist nicht möglich.

Hartmut Gehring, Sachverständiger

„Der Korridor, in dem sich die Industrie zur Herstellung von nachhaltigen Produkten bewegen kann, ist sehr eng“, erläutert Gehring, der auch Vorstandsvorsitzender im Industrieverband Schneid- und Haushaltswaren (IVSH) ist. Durch die hohen Hygienestandards sei in puncto Nachhaltigkeit zwar nicht alles möglich, doch sei es aus seiner Sicht auch zu begrüßen, dass „die Gesundheit und der Schutz des Endverbrauchers vorgehen“.

Mehr zum Thema Nachhaltigkeit lesen Sie hier

„Ein nachhaltiges Handeln um jeden Preis ist nicht möglich“, argumentiert Gehring, ohne das Streben nach nachhaltigen Produkten bremsen zu wollen. „Projekte wie in Solingen die Gläserne Werkstatt sollten im Kollektiv an diesen Themen arbeiten, um im Nachgang die Früchte des Erfolgs ernten zu können. Immer sollte aber auch bei der Auswahl der zu verbessernden Produkte die Relevanz in Betracht gezogen werden“, so Gehring.

Nutzung wird erst in weiteren Schritten geprüft

Dabei bestünden die üblicherweise verwendeten Stähle in der Schneidwarenindustrie ohnehin zu mehr als 90 Prozent aus recycelten Materialien, und bei der modernen Produktion von Kunststoffgriffen fielen erst gar keine Abfälle an. Aus seiner Sicht sei die Sinnhaftigkeit eines Kreislaufprodukts angesichts dieser Aspekte „mehr als fragwürdig“. Geradezu naiv sei es im Übrigen, die millionenhafte Herstellung von Messern mit regionalen Nutzungsketten bewältigen zu wollen.

Anette Kolkau, Sprecherin der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft, stellt klar: „Es ging bei dem Projekt zunächst darum, zu prüfen und nachzuweisen, dass eine solche regionale Nutzungskette aus industriellen Reststoffen überhaupt möglich ist. Die gefertigten Messer entsprechen insofern Prototypen, für die eine weitere Marktfähigkeit unter den Aspekten Wirtschaftlichkeit, Geschäftsinteresse und – ganz wichtig – auch Verwendbarkeit zum Beispiel für die Nutzung als Küchenmesser erst in weiteren Schritten überprüft wird.“ Die Hinweise des IVSH zur Überprüfung der Lebensmittelsicherheit seien dafür von besonderer Bedeutung.

Auch Dr. Karl Peter Born, Geschäftsführer der an dem Projekt beteiligten Franz Güde GmbH, betont auf Nachfrage: „Die Messer wurden erst mal nur in kleiner Stückzahl produziert. Wir wollten nur zeigen, dass es geht und kein Greenwashing damit betreiben.“

Hintergrund

Das Zirkelmesser ist ein Ergebnis von „ReGress“, eines von sieben Teilprojekten, die unter dem Dachprojekt „Urbane Produktion im bergischen Städtedreieck“ vereint sind. Dieses wird vom NRW-Wirtschaftsministerium und von dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert. Laufzeit des Projektes ist bis Ende 2022.

Standpunkt von Kristin Dowe: Beachtlicher Teilerfolg

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Ein Messer, das ausschließlich aus industriellem Abfallmaterial besteht und damit ein Paradebeispiel für wirtschaftlich nachhaltiges Handeln gibt – das ist theoretisch eine tolle Sache. In der Praxis ist das „Zirkelmesser“ von der Marktreife aber noch weit entfernt, wie der Sachverständige Hartmut Gehring wohl richtig anmerkt.

Zwar dienen die strengen gesetzlichen Anforderungen an Produkte mit Lebensmittelkontakt dem Schutz des Verbrauchers, doch dürften speziell manche EU-Gesetze auch aus der Kategorie „bürokratischer Nonsens“ stammen und den Herstellern bei ihren Bemühungen um Nachhaltigkeit unnötig Steine in den Weg legen. Das sollte die Innovationskraft der beteiligten Unternehmen aber keineswegs bremsen – im Gegenteil. Sie haben bewiesen, dass ein nachhaltiges Kreislaufprodukt wie das Zirkelmesser technisch überhaupt möglich ist. Das ist schon ein beachtlicher Teilerfolg. Alle weiteren Schritte folgen danach.

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