Bildung

Auf diese Hürden stoßen junge Lehrer

Constanze vom Feld studiert Deutsch und Sport auf Lehramt und engagiert sich ehrenamtlich im Solinger Turnerbund. Das bringt Sozialpunkte und hilft bei der Bewerbung für eine wohnortnahe Schule im Referendariat.
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Constanze vom Feld studiert Deutsch und Sport auf Lehramt und engagiert sich ehrenamtlich im Solinger Turnerbund. Das bringt Sozialpunkte und hilft bei der Bewerbung für eine wohnortnahe Schule im Referendariat.

Studierende und Gewerkschaft kritisieren fehlenden Praxisbezug und das Verfahren für das Referendariat.

Von Katja Feldmann

Solingen. Eine Klasse unterrichten, Wissen zum sozialen Umgang vermitteln, Gespräche mit Eltern führen: Was zum Berufsalltag gehört, wird angehenden Lehrerinnen und Lehrern während ihres Studiums nicht ausreichend vermittelt. Die Praxis fehlt – dieser Meinung sind nicht nur Studierende.

Constanze vom Feld (27) ist gebürtige Solingerin und studiert Deutsch und Sport auf Lehramt an der Bergischen Universität Wuppertal. Zurzeit schreibt sie ihre Masterthesis, dann steht das Referendariat an. Auf Letzteres seien viele Studierende nicht ausreichend vorbereitet, denn praktisches Wissen werde im Studium kaum vermittelt.

Das bestätigt Daniel Weber, ein Sprecher des Verbands für Bildung und Erziehung (VBE): „Gespräche mit Eltern, Konferenzen, Fortbildungen, Klassenfahrten, Unterrichtsplanung, Beobachtungen aus dem Unterricht und auch immer mehr Sozialarbeit: Das sind Themen, auf die das Studium nur ansatzweise vorbereitet. Immer häufiger höre ich, dass Studierende mehr praktische Übungen wollen. Die kurzen Phasen des Praxissemesters reichen nicht aus.“ Constanze vom Feld sagt: „Die Anteile an Praktika sind sehr gering. Um als Lehrer gut ausgebildet zu sein, sollte man früh vor einer Gruppe unterrichten.“

Zu ihrem Glück hat sie sich zu Beginn ihres Studiums an einer Grundschule beworben. Seitdem arbeitet sie nebenbei als Vertretungslehrerin. „Man muss ehrlich sein, aktuell würde es ohne die Studierenden an den meisten Grundschulen gar nicht gehen. 66 Prozent aller Schulleitungen haben kürzlich geäußert, dass das größte Problem an Schulen in NRW der Lehrkräftemangel sei“, erklärt VBE-Sprecher Weber.

Die Landesregierung sei sich dieser Herausforderung bewusst und gehe das Thema aktiv an, so die Aussage des Schulministeriums NRW. Dort soll von einer Arbeitsgruppe bis Ende des Jahres ein Maßnahmenbündel vorgelegt werden, um die Unterrichtsversorgung zu verbessern.

„Bei zu wenigen Sozialpunkten drohen Fahrten bis zu zwei Stunden.“

Daniel Weber (VBE) über die Referendariatsplätze

Eine weitere Stellschraube, an der aus Sicht der Studierenden gedreht werden muss: das Bewerbungsverfahren. Für Constanze vom Feld geht es im Mai ins Referendariat, am liebsten möchte sie an ein Solinger Gymnasium. Das bereitet ihr Sorgen: Denn ein Platz in ihrem Wohnort ist nicht garantiert. Der einzige Weg, ihre Chancen zu erhöhen, sind Sozialpunkte: Wer mehr Punkte sammelt, wird bei der Wahl des Wunschortes bevorzugt behandelt. Die meisten Punkte gibt es für Eltern oder Personen, die einen Pflegefall betreuen. Auf Constanze trifft beides nicht zu, so dass sie in anderen Bereichen punkten muss. In ihrem Fall sind das ehrenamtliches Engagement im Solinger Turnerbund und eine eheähnliche Gemeinschaft.

Das Schulministerium NRW teilt dazu auf Tageblatt-Anfrage mit: „Die Daten aus den letzten Einstellungsverfahren zeigen, dass es gelingt, etwa drei Viertel der Bewerberinnen und Bewerber ihrem ersten Ortswunsch zuzuweisen.“ Der VBE hat andere Erfahrungen gemacht: „Uns erreichen regelmäßig E-Mails und Anrufe, in denen die Referendare in weit entfernte Städte ziehen müssen. Da alle Lehrerausbildungsstädte in NRW gleich ausgelastet werden müssen, besteht tatsächlich das Problem, dass man bei zu wenig Sozialpunkten Fahrten von bis zu zwei Stunden hinnehmen muss“, erklärt Daniel Weber. Um das Problem zu lösen, schlägt Constanze vom Feld vor, das Gebiet zu verkleinern. „Damit wird wenigstens garantiert, dass die Fahrtstrecke nicht zu lang ist und man nicht umziehen muss.“

Trotz dieser Hürden ist sie mehr als glücklich über ihre Berufswahl. „Das Schöne an meinem Job ist nicht nur, neue Lerninhalte zu vermitteln. Als Lehrerin kann ich den Kindern wichtige soziale Aspekte beibringen, die sie auf das Leben vorbereiten.“ Eines legt sie der nächsten Generation ans Herz: „Springt ins kalte Wasser. Sucht euch einen Vertretungsjob oder seid im Verein tätig. Das bereitet euch auf euren Job vor und ihr sammelt gleichzeitig Sozialpunkte.“

„Geburt des dualen Studiums“

Sowohl die Studierenden an der Bergischen Universität als auch der Verband für Bildung und Erziehung wünschen sich Verbesserungen. Der Vorsitzende des VBE Solingen, Jens Merten, erkennt zwei Problematiken, die gelöst werden müssen: „Die aktuelle personelle Notsituation, in der uns die Studierenden über Wasser halten, und die Strukturen des Studiums, die nur bedingt auf den Berufsalltag vorbereiten.“ Zwar sei die Unterstützung durch Studierende an Grundschulen langfristig gesehen hilfreich, deren Einarbeitung bedeute zunächst jedoch Mehrarbeit. „In gewisser Weise erleben wir jetzt gerade die Geburt des dualen Lehramtsstudiums - allerdings vollkommen unkoordiniert“, betont Merten.

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