Ans Telefon geht selten einer

Arztpraxen in Solingen sind derzeit oft überlastet

Oft sind zahlreiche Anrufe und viel Geduld nötig, um in einer Arztpraxis telefonisch durchzukommen. Foto: Christian Beier
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Oft sind zahlreiche Anrufe und viel Geduld nötig, um in einer Arztpraxis telefonisch durchzukommen.

Zur Corona-Welle kommen Grippe- und Atemwegserkrankungen – Mitarbeiter arbeiten „am Limit“.

Solingen. Einen Untersuchungstermin in der Arztpraxis ausmachen, das Ergebnis der Blutuntersuchung telefonisch abrufen oder nach einem Termin für die jetzt anstehende Booster-Impfung fragen – wer die Hausarzt-, Facharzt- oder Kinderarztpraxen erreichen möchte, muss derzeit oftmals viel Geduld haben. „Manchmal kommt man den ganzen Vormittag telefonisch nicht durch, teilweise ist es schneller, man fährt persönlich in der Praxis vorbei“ – so oder so ähnlich klangen viele Beschwerden am ST-Lesertelefon.

Gerade das Thema der dritten Impfungen schlage in den Praxen derzeit hohe Wellen, betont Dr. Christoph Zenses, niedergelassener Internist aus Ohligs. „Wir fahren, wie im Mai oder Juni, die Praxen wieder hoch, um die Impfanfragen bedienen zu können“, erklärt er. Dass nach wie vor nur etwa die Hälfte der Solinger Ärzte in den Praxen impft, sieht er durchaus kritisch.

Die Stadt baut die Corona-Impfstelle in den Clemens-Galerien aus.

„Bei den ganzen Anfragen zusätzlich zu den anderen typischen Erkrankungen im Herbst und Winter wie Grippe und Atemwegserkrankungen kann es vorkommen, dass am Telefon dauerbesetzt ist“, bittet Dr. Zenses um Geduld. Helfen für die Patientengespräche würde aus seiner Sicht eine klarere Vorgabe bei den Booster-Impfungen.

„Derzeit empfiehlt die Ständige Impfkommission Stiko die Impfung für Über-70-Jährige und Vorerkrankte, die Gesundheitschefs der Länder empfehlen sie hingegen für alle, deren Zweitimpfung sechs Monate zurückliegt.“ Vor allem sollen Menschen mit Grunderkrankungen, zweimaliger Astrazeneca-Impfung oder nur einmaliger Impfung mit dem Vakzin von Johnson & Johnson eine weitere Impfung vornehmen lassen. „Wir in unserer Praxis empfehlen allen Patienten, sechs Monate nach der Zweitimpfung zu kommen.“

Separate Leitung für Rezeptbestellungen eingerichtet

Vor allen Dingen seit das große Impfzentrum im ehemaligen Kaufhof-Gebäude geschlossen wurde, spürt auch Olivier Weh-Gray, niedergelassener Allgemeinmediziner in der Innenstadt und einer von zwei Sprechern der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Solingen, deutlich mehr Impfnachfragen in seiner Praxis. Dementsprechend hoch seien das Patientenaufkommen und die Nachfrage am Telefon. „Aber es ist nicht exorbitant mehr als in anderen Jahren um diese Zeit.“

In seiner Praxis versuche man schon, die Patientenströme zu leiten. „Wir bieten ein E-Mail-System zur Kontaktaufnahme an. Zusätzlich haben wir eine separate Telefonnummer, unter der Patienten Rezepte und Überweisungen bestellen können, damit nicht alles auf der Hauptnummer aufläuft“, erklärt der Mediziner.

Trotz der zwei Leitungen sei zwischen 9 und 11 Uhr am Telefon oft kein Durchkommen. „Und dabei machen die Mitarbeiter wirklich einen großartigen Job.“ Mit Interesse verfolge er das Online-Terminbuchungssystem bei Kollegen wie etwa in der Chirurgischen Gemeinschaftspraxis. „Da möchte ich mir selbst auch Impulse holen“, so Weh-Gray. Andererseits sei in Hausarzt-Praxen, die auch jeden Tag freie Sprechstunden anbieten, vieles nicht so langfristig zu planen wie beim Facharzt.

Täglich viele Akutpatienten gibt es derzeit auch bei den Solinger Kinderärzten. Dr. Thomas Fischbach, niedergelassener Mediziner und Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, bestätigt den „Stress in den Praxen“, in denen die Mitarbeiter derzeit „am Limit“ arbeiteten. Schon seit August gebe es bei den Kindern viele Viren-Infektionen und Atemwegserkrankungen. „Gerade ganz kleine Kinder und Kinder mit Vorerkrankungen sind derzeit vermehrt erkrankt, einige so schwer, dass sie stationär behandelt werden müssen“, skizziert er die aktuelle Situation. Dazu kämen noch die Corona-Lage und die Impfungen.

„Unsere Mitarbeiter arbeiten wie wahnsinnig“: Dem akuten Mangel an MTA-Fachkräften versucht Dr. Fischbach mit einem „Wanted“ (Gesucht!) in den sozialen Netzwerken entgegenzutreten. „Aber wir Ärzte können ja nicht auch noch ein Callcenter einrichten“, appelliert er an die Geduld der Patienten am Telefon. Er würde sich wünschen, dass nicht nur die Kliniken im Fokus stehen, sondern auch gesehen wird, dass die Praxen am Limit arbeiten. „Traurig ist, wenn dann die Mitarbeiter noch am Telefon beschimpft werden, weil Patienten nicht sofort durchgekommen sind.“

Todesfall

Laut Gesundheitsamt der Stadt Solingen gibt es einen weiteren Todesfall in Zusammenhang mit einer Corona-Infektion. „Die verstorbene Person war über 55 Jahre alt mit unbekanntem Impfstatus“, hieß es gestern. Die Zahl der Todesfälle in der Klingenstadt steigt damit auf 209.

Alle Entwicklungen rund um das Coronavirus finden Sie in unserem Corona-Blog.

Standpunkt: Geduld ist gefragt

Ein Kommentar von Simone Theyßen-Speich

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Der Ärger von Patienten ist verständlich. Wer eine Arztpraxis telefonisch erreichen möchte, muss Geduld haben. Oft ist die Leitung gerade am frühen Morgen belegt. Und man muss mehrfach anrufen, um durchzukommen. Aber der Andrang in den Praxen ist hoch – und mit den Corona-Impfungen noch gewachsen. Auch für die erste Impfung haben wir alle im Frühjahr stundenlang die KV-Nummer angerufen – froh, dass es endlich Impfstoff gab und die ersten Jahrgänge an der Reihe waren. Man sollte auch bedenken, welch großes Angebot es ist, dass man bei einer akuten Erkrankung vor Ort und am selben Tag – wenn auch mit Wartezeit – medizinische Hilfe bekommt. Und wer in der Warteschleife hängt, beim Versuch, einen Facharzttermin zu vereinbaren, muss sich nur vorstellen, dass der Patient vor einem vielleicht dringender Hilfe braucht als man selbst. Geduld ist gefragt. Die wird ja auch in Warteschleifen von Telefonanbietern und Co regelmäßig geübt.

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