Jeder siebte Solinger lebt von Sozialhilfe

„Armut ist eines der Hauptprobleme“

Zahlen aus dem Sozialbericht der Stadt Solingen.
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Zahlen aus dem Sozialbericht der Stadt Solingen.

Die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege richtet sich mit einem Positionspapier an die Politik.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. „Menschenwürdig leben“ – diesen Anspruch für alle Solingerinnen und Solinger erhebt die Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (AGFW). Mit einem Positionspapier wenden sich Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Der Paritätische, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie und Jüdische Kultusgemeinde deshalb jetzt an die Politik.

Armut sei immer noch eines der Hauptprobleme in der Stadt, betont Dr. Christoph Humburg, Direktor der Caritas Wuppertal-Solingen und aktueller Sprecher der AGFW. Als Indikator für die Armut in Solingen hat das Papier erschreckende Zahlen zusammengestellt. Sie beruhen auf dem Sozialbericht 2020 der Stadt, basierend auf Zahlen aus dem Jahr 2018. „Das sind die aktuellsten verfügbaren Zahlen. Aber durch die Corona-Pandemie der vergangenen anderthalb Jahre hat sich die Lage für die Betroffenen auf jeden Fall noch weiter verschlechtert“, befürchtet Dr. Christoph Humburg im ST-Gespräch.

Mehr als jeder siebte Solinger (22 628 Menschen, 13,9 Prozent) ist auf Sozialhilfe angewiesen. Diese Bevölkerungsgruppe könne durchaus als arm angesehen werden, so Humburg. Man unterscheide zwischen absoluter und relativer Armut. Absolute Armut bedeute, dass die Menschen ihre Grundbedürfnisse nicht decken können, nicht genug zu essen, Kleidung oder keine Wohnung haben. „Relative Armut schließt aber auch mit ein, dass die Menschen schlechtere Bildungschancen, weniger soziale Kontakte oder Einschränkungen beim gesellschaftlichen Leben oder beim beruflichen Aufstieg haben.“ Diese Armut sei leider auch in Solingen weit verbreitet.

Beruflich abgehängt fühlten sich vor allen Dingen Menschen, die länger als ein Jahr lang arbeitslos sind. Der Anteil dieser Langzeitarbeitslosen lag mit 2690 Betroffenen bei rund 40 Prozent aller Arbeitslosen.

Besonders Migranten, Frauen und Alleinerziehende seien in hohem Maße auf Sozialleistungen angewiesen. Damit einher gehe auch eine große Kinderarmut, betont der Caritas-Direktor. Fast jedes fünfte Kind unter drei Jahren und jeder Fünfte unter 18 Jahren lebe in einer Familie, die Arbeitslosengeld II beziehe, weist der Bericht aus. „Das sind 5089 Kinder in 2682 Familien“, nennt Humburg die Zahlen.

Damit im Zusammenhang stehe oftmals auch eine Überschuldung der Familien. Davon betroffen waren in Solingen im Jahr 2018 insgesamt 20 553 Personen. Dieser Anteil von 12,7 Prozent an der Stadtbevölkerung ist hoch im Vergleich zum Land (11,6 Prozent) und zum Bund (9,8 Prozent). Aus dieser Familienarmut resultiere dann die Kinderarmut, skizzieren die Wohlfahrtsverbände einen Teufelskreis.

Solingen: Teufelskreis von Familienarmut und Kinderarmut durchbrechen

Den zu durchbrechen, sehen sie als eine der Hauptaufgaben der Stadtgesellschaft an. Mit ihrem Papier wenden sie sich deshalb an die Fraktionen sowie den Jugendhilfe- und den Sozialausschuss. „Aber natürlich sind Kinderarmut, Bildungsarmut und Kindergrundsicherung Themen, die auch auf Bundesebene stärker ins Licht gerückt werden müssen“, fordert Dr. Christoph Humburg.

Auch in der Stadt dürfe die finanziell angespannte Situation der Kommune bei diesem Thema nicht im Vordergrund stehen. „Die Folgen der Kinderarmut und auch die späteren Folgekosten sind sonst gravierend.“

Deshalb fordern die Wohlfahrtsverbände die Prävention weiterzuentwickeln. Auch müssten alle bedürftigen Kinder unbürokratisch ein kostenfreies Mittagessen erhalten. Zudem müsse die Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter gefördert werden.

Bei den älteren Menschen sei die Altersarmut eine Folge von niedrigen Löhnen und niedrigen Renten. „Kostengünstige Versorgungsmöglichkeiten müssen ausgebaut werden, aber auch die Möglichkeit zur sozialen Teilhabe. Damit zu Armut und fehlender Mobilität nicht noch Vereinsamung kommt.“

Aktuell

Ziel: Die AGFW hofft, dass das Papier am 2. November bei der gemeinsamen Sitzung von Jugendhilfe- und Sozialausschuss diskutiert wird. Dort steht es auf der Tagesordnung. Oberstes Ziel sei, mit der Politik zu diesem Thema intensiver ins Gespräch zu kommen, so die AGFW.

Standpunkt

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Simone Theyßen-Speich

Das größte Problem bei den sozialen Hilfen in der Stadt ist, dass die Decke immer an allen Ecken und Enden zu kurz ist, ganz gleich wie man sie auch zieht. Schon jetzt gibt Solingen einen großen Teil des städtischen Haushalts für soziale Aufgaben aus – vom sozialen Wohnungsbau über den Allgemeinen Sozialen Dienst bis zu Aufgaben der Jugend- und Familienhilfe. Andererseits geht es auch bei der Sozialarbeit um langfristige Investitionen – in die Menschen. Genauso wie es teurer wird, Gebäude erst komplett zerfallen zu lassen, statt sie beizeiten in Schuss zu halten, so muss auch bei sozialen Aufgaben durchaus ein finanzieller Aspekt betrachtet werden. Denn das beispielsweise in Kinder und Jugendliche frühzeitig investierte Geld rechnet sich am Ende. Solingen kann schon jetzt auf ein gutes Netzwerk von Stadt, Wohlfahrtsverbänden, Kirchengemeinden und anderen Trägern blicken. Dieses Angebot muss weiter ausgebaut und verzahnt werden. Denn da, wo Geld fehlt, muss am Ende mit kreativen Ideen und Kooperationen dafür gesorgt werden, möglichst viel für die Bekämpfung der Armut in der Stadt zu tun.

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