Seit dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015

Arbeitsmarkt integriert viele Neubürger

Schon 2016 gab es für geflüchtete Kinder Sprachkurse vor der Schule, hier im Integrationszentrum Solingen. Das Modell wurde später über verschiedene Bildungsträger auch für Erwachsene ausgebaut und verpflichtend. Von 2600 Berechtigten hat die Hälfte diese Kurse besucht. Archivfoto: Uli Preuss
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Schon 2016 gab es für geflüchtete Kinder Sprachkurse vor der Schule, hier im Integrationszentrum Solingen. Das Modell wurde später über verschiedene Bildungsträger auch für Erwachsene ausgebaut und verpflichtend. Von 2600 Berechtigten hat die Hälfte diese Kurse besucht.

Hälfte aller in Solingen dafür berechtigten Geflüchteten haben an Integrationssprachkurs teilgenommen.

Solingen. Aktuell kümmert sich das Kommunale Jobcenter um rund 700 Bedarfsgemeinschaften mit etwa 2600 Solingern, die aufgrund ihrer persönlichen Geschichte mit Fluchtursachen in Solingen eine neue Heimat gefunden haben. Ziel ist es, die ins normale Berufsleben zu integrieren, die dafür infrage kommen, und sie dafür unter anderem mit Sprachkursen fitzumachen. Das berichtet Mike Häusgen, der Leiter des Jobcenters. Das sei im vergangenen Jahr in 13 Prozent weniger Fällen geglückt als 2019.

Doch tatsächlich sei die Integration der Menschen mit Fluchthintergrund im Pandemiejahr besser gelaufen als für die Mehrheit der Bevölkerung, die schon lange in Solingen wohnt. Aus Grundsicherung und Hartz IV kehrten 20 Prozent weniger zurück in den Arbeitsmarkt als 2019, merkt Häusgen an. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte am Freitag zwar davon gesprochen, dass das großen „Beben am Arbeitsmarkt“ durch Corona ausgeblieben sei. Doch der Boden zittert sehr wohl. Dafür spricht der allgemeine Negativtrend.

Zum Hintergrund: Seit September 2015 erreichten Solingen auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs in die EU damit insgesamt etwa 3700 Menschen, die anerkannte Asylbewerber sind oder einen Aufenthaltstitel besitzen, der sie zur Aufnahme von Arbeit grundsätzlich berechtigt.

„Bis zur Integration in den Arbeitsmarkt vergehen auch teilweise zehn Jahre.“

Mike Häusgen, Leiter Jobcenter

Häusgen nennt weitere Zahlen zu Geflüchteten: „Seit 2016 konnten 530 Bedarfsgemeinschaften die Grundsicherung für Erwerbsfähige verlassen.“ Das seien 1100 Solinger und bedeutet: Sie fanden allein oder als Familie Arbeit und Wohnung. Zu den aktuell 2600 betreuten Solingern „mit Fluchtkontext“ erklärt der Leiter des Jobcenters: „Hiervon gelten aktuell 1340 als erwerbsfähige Leistungsberechtigte.“ Bei den übrigen Personen handele es sich in der Regel um schulpflichtige Kinder oder zum Teil auch Erkrankte und damit nicht erwerbsfähige Personen.

Zieht man die Bilanz, dann ist bis heute die Integration von einem knappen Drittel der erwerbsberechtigten Neubürger nebst Familie in den Arbeitsmarkt gelungen. Häusgen spricht trotzdem davon, dass das erfolgreich verlaufe, nur brauche es Zeit, höhere Zahlen zu erreichen. Vollständig werde das nie gelingen. Er nennt als Beispiel die alleinerziehende Mutter mit drei Kindern – sie habe auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance. Gewinner seien bis jetzt vor allem die alleinstehenden jungen Männer.

Im Jahr 2016 schätzte der scheidende Präsident der Bergischen IHK, Thomas Meyer, die Dauer zur Arbeitsmarktintegration auf sechs Jahre. Das sei damals nicht falsch gewesen, meint Mike Häusgen. Zum Teil sei das sogar schneller gelungen. Aber betrachte man die Integration über Asylverfahren, Sprachkurs, Ausbildung und Jobvermittlung, gelte: „Bis zur Integration in den Arbeitsmarkt vergehen auch teilweise zehn Jahre.“

Dabei sei der Einsatz von Helfern aus den kirchlichen Gemeinden oder der Gruppen wie „Solinger Flüchtlingshilfe“ oder „Gräfrath hilft“ sehr hoch einzuschätzen. Ohne deren Engagement sehe vieles deutlich schlechter aus. Um die Menschen fit für den Arbeitsmarkt zu machen, sind Deutschkenntnisse Grundbedingung. Von den 2600 durch den Fachbereich Migration des Jobcenters Solingen in Zusammenarbeit mit dem Team Jugend „U25“ Betreuten hat bis heute die Hälfte einen Sprachkurs gemacht.

Sprachkurse

Berechtigte: Von 2700 geflüchteten Personen haben in den letzten fünf Jahren insgesamt mit 51 Prozent 1376 Personen einen Integrationssprachkurs absolviert. Die restlichen 49 Prozent sind entweder noch regelschulpflichtig oder hatten aus den verschiedensten persönlichen Gründen nicht teilnehmen können. Es gibt auch Personen, die direkt ohne Sprachkurs in Arbeit gegangen sind.

Standpunkt: Alle brauchen Geduld

philipp.mueller@ solinger-tageblatt.de

Kommentar von Philipp Müller

Wenn im Herbst die Amtszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel voraussichtlich endet, dann bleibt von der Christdemokratin sicher ein Satz besonders hängen: „Wir schaffen das.“ Gemeint war die vollständige Integration von mehr als einer Million Geflüchteter aus Kriegsgebieten wie Syrien, Iran oder Afghanistan. Hört man dem Leiter des Solinger Jobcenters, Mike Häusgen, zu, dann haben wir es bis heute nur teilweise geschafft. Corona ist da mal ausnahmsweise keine Entschuldigung. Es dauert einfach länger, Menschen in unser komplexes, hoch entwickeltes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem so einzubetten, dass beide Seiten zufrieden sind. Zaubern können weder die Geflüchteten noch wir Solinger, die sie aufgenommen haben. Man kann es nüchtern auch so sehen: Von der gesamten Bevölkerung arbeitet in Solingen etwa die Hälfte. Unter den in der Klingenstadt aufgenommenen Geflüchteten, die arbeiten dürfen, ist es bereits ein knappes Drittel. Da geht mehr. Und Häusgen verspricht, da komme noch mehr. Fürs „Schaffen“ braucht es aber Geduld.

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