Schwangerschaftsabbrüche

Abtreibung: Solinger Ärzte sind gespalten

Lara Kolleck von der Beratungsstelle Pro Familia würde den Paragrafen 218 am liebsten ersatzlos streichen. Foto: Christian Beier
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Lara Kolleck von der Beratungsstelle Pro Familia würde den Paragrafen 218 am liebsten ersatzlos streichen.

An der Klinik für Frauenheilkunde führen rund 70 Prozent Schwangerschaftsabbrüche durch

Solingen. Das gesellschaftliche Reizthema hat in 150 Jahren nicht an Brisanz verloren: 1871 wurde im Reichsstrafgesetzbuch der Paragraf 218 eingeführt, der Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt – Frauen, die eine Schwangerschaft abbrachen, drohte bis zu fünf Jahre Zuchthaus. Im Laufe der wechselhaften Geschichte des Paragrafen mit verschiedenen rechtlichen Ausprägungen ist eine Abtreibung in Deutschland grundsätzlich zwar auch heute noch verboten, doch gibt es Ausnahmen, so dass die Betroffene und der Arzt sich im Fall eines Abbruchs nicht strafbar machen.

Auch beim medizinischen Personal der Klinik für Frauenheilkunde im Klinikum Solingen gebe es eine unterschiedliche Bereitschaft, Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen und ärztlich zu begleiten, berichtet Chefarzt Dr. Sebastian Hentsch. „Etwa 70 Prozent der bei uns tätigen Ärztinnen und Ärzte sind bereit, einen solchen Eingriff vorzunehmen. Es gibt aber auch Kollegen, die das aus Gewissensgründen ablehnen.“ Persönlich sei er froh darüber, dass die Frauenklinik mit dieser Zahl einen recht guten Schnitt aufweise. „Ich frage durchaus auch beim Vorstellungsgespräch danach, ob die Bereitschaft für solche Eingriffe besteht. Wir haben schließlich einen Versorgungsauftrag.“

In 2020 wurden am Klinikum 56 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt

Nicht zuletzt durch das Werbeverbot für Abtreibungen, das in Paragraf 219 a festgeschrieben ist, sei es auch für Frauen aus der erweiterten Umgebung von Solingen nicht einfach, überhaupt eine Anlaufstelle zu finden, bei der ein Abbruch vorgenommen werden kann. „Es gibt Frauen, die vom Niederrhein zu uns kommen, weil sie in ihrer Stadt nicht fündig werden und schon viele Adressen abtelefoniert haben“, so Hentsch. „Wir haben bei uns in Solingen alle medizinischen Möglichkeiten – ganz egal, ob eine Frau sich für oder gegen das Kind entscheidet.“ In 2020 wurden am Klinikum 56 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt, die Zahlen befinden sich laut Klinikumssprecherin Karin Morawietz „seit Jahren auf einem ähnlichen Niveau“.

In der Vergangenheit habe das Klinikum schon Anfeindungen erlebt, weil es Abtreibungen durchführt. „Es kam vor, dass Lebensschutz-Aktivisten Flyer bei uns im Haus verteilt haben und Kollegen verbal dafür angegangen sind, dass sie Abbrüche durchführen.“ Derweil seien die Frauen, die sich zu einer Abtreibung entschließen, noch immer Stigmatisierungen ausgesetzt.

Bei Beratungsstelle herrscht hoher Informationsbedarf

Straffrei ist ein Schwangerschaftsabbruch nach geltender Fristenlösung bis zur zwölften Schwangerschaftswoche nach Empfängnis, die laut Hentsch zudem manchmal schwer genau auszumachen sei. Wenn die medizinische Notwendigkeit besteht, ist eine Abtreibung nicht an diese Frist gebunden.

Der Informationsbedarf bei Frauen, die mit einer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert sind, ist groß – so hatte die Solinger Beratungsstelle Pro Familia im vergangenen Jahr 277 Beratungen zu einem Schwangerschaftskonflikt zu verzeichnen. „Die Zahl schwankt immer zwischen 250 bis 300 Schwangerschaftskonfliktberatungen, wobei nicht jedes Gespräch auch mit einem Abbruch endet“, weiß Beraterin Lara Kolleck. Unabhängig von der Entscheidung der Frau stehe Pro Familia den Betroffenen auch später weiterhin beratend zur Seite. „Das Thema ist für die Frauen sehr schambehaftet und der erhobene Zeigefinger ist da in unserer Gesellschaft noch sehr verbreitet“, so Kolleck.

Im Zuge des Werbeverbots dürfen gynäkologische Praxen und Kliniken nicht über den Eingriff aufklären

Auch sei es ein Klischee, dass es sich bei betroffenen Frauen häufig um unreife Jugendliche handele. „Frauen, für die ein Schwangerschaftsabbruch infrage kommt, sind oft gestandene Persönlichkeiten. In vielen Fällen haben sie schon Kinder und die Familienplanung ist für sie abgeschlossen“, beobachtet die Sexualpädagogin, die sich entschieden für die Abschaffung des Paragrafen 218 ausspricht: „Durch die bestehende rechtliche Regelung werden betroffene Frauen und auch Ärztinnen, die den Eingriff durchführen, kriminalisiert.“

Im Zuge des Werbeverbots dürfen gynäkologische Praxen und Krankenhäuser nicht über den Eingriff aufklären. Dabei gehe es laut Kolleck keineswegs um „Werbung“, sondern lediglich um die Möglichkeit für Frauen, sich in einer dramatischen Notsituation sachlich informieren zu können. Ein Beratungsgespräch sei zwar in jedem Fall sinnvoll, die gesetzliche Pflicht dazu setze die Betroffenen aber unnötig unter Stress. Das Beratungsangebot in Solingen, das auch der Coppelstift vorhält, sieht die Beraterin insgesamt positiv. „Aber es ist immer noch Luft nach oben.“

Beratung

Schwangere Frauen in Notlagen und deren Angehörige können sich im Coppelstift (Wupperstraße 80) über Hilfen informieren. Auch die gesetzlich anerkannte Schwangerschaftskonfliktberatung ist dort möglich, ebenso wie bei Pro Familia: https://t1p.de/enh3 https://t1p.de/8y6v.

Standpunkt: Kriminalisierung beenden

Kommentar von Kristin Dowe

kristin.dowe@ solinger-tageblatt.de

Eine ungewollte Schwangerschaft gehört wohl zu den schwierigsten Gewissenskonflikten, in denen eine Frau sich befinden kann. Was Betroffene dann vor allem benötigen, sind Solidarität, Unterstützung und vertrauensvolle Menschen um sich herum, die sie für ihre Entscheidung nicht verurteilen – sei es nun für oder gegen das Kind. Die Solinger Beratungsstellen leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Der runde „Geburtstag“ des Paragrafen 218 ist hingegen kein Grund zum Feiern. Er sollte vielmehr eine Mahnung sein, dass ein Schwangerschaftsabbruch noch immer kriminalisiert wird und Frauen wie behandelnde Ärzte, die den Eingriff vornehmen, sich stets am Rande der Legalität bewegen. Von der ohnehin gesellschaftlichen Stigmatisierung der Betroffenen einmal abgesehen. Die Streichung von § 218, die Beratungsstellen wie Pro Familia seit Langem fordern, hätte Symbolkraft und würde das Recht auf körperliche Selbstbestimmung der Frau in den Vordergrund stellen. Gleichzeitig ist es legitim, eine Abtreibung mit Blick auf den Schutz ungeborenen Lebens aus ethischen Gründen abzulehnen. Die letzte Entscheidung darüber sollte aber bei der Betroffenen selbst liegen.

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