Corona-Pandemie

2G plus: Kritik an Empfehlung der Stadt

Gala-Sitzung KG Muckenau in Konzertsaal Theater Solingen,
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Vor einer Woche konnte noch unter Einhaltung der 3G Karneval gefeiert werden. Wie hier bei der Karnevalsgesellschaft Muckemau. Nun ist 2G plus Pflicht.

Gastronomen und Veranstalter wehren sich gegen mögliche Pflicht. Verwaltung wartet Schutzverordnung ab.

Von Björn Boch, Thomas Rademacher, Andreas Tews und Simone Theyßen-Speich

Solingen. Die Empfehlung der Solinger Stadtverwaltung, im Freizeitbereich auf 2G plus zu setzen, wird von Gastronomen und Veranstaltern teils heftig kritisiert. Wirtin Berita Schwarz etwa zeigt sich „geschockt“ und fürchtet, sollte es eine Pflicht zu 2G plus geben, „eine Art Todesstoß“ für die Gastronomie. Geschäftsführer Meinolf Thies vom Lumen-Kino sieht „eine erneute Bestrafung“ des Freizeitsektors: „Warum haben wir nicht längst 2G in allen Lebensbereichen?“

Wie berichtet hatte die Stadt am Dienstag Gastronomen und Veranstaltern zunächst empfohlen, „ab sofort die 2G-plus-Regel anzuwenden“ – zum Nachweis der Impfung (oder Genesung) gehört dann ein Negativtest einer offiziellen Bürgertest-Stelle, nicht älter als 24 Stunden. Für eigene Veranstaltungen setzt die Stadt diese Regel um. Die Verwaltung hoffe außerdem, dass die Ergebnisse der Ministerpräsidentenkonferenz am Donnerstag 2G plus auf kommunaler Ebene ermöglichen.

Dann werde in der nächsten Woche eine Allgemeinverfügung die 2G-plus-Regel verbindlich festschreiben. „Falls 2G plus nicht kommt, müssen wir neu bewerten und abwägen: Ist es klug, andere Regeln zu fassen? Ist es klüger, einheitlich zu agieren und vielleicht zusätzlich eine Empfehlung auszusprechen? Hat sich die Situation verschärft? Dem vorzugreifen ist sehr schwierig“, so Stadtsprecher Thomas Kraft.

Solingen: 3G, 2G oder 2G plus - was gilt wo?

Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) hatte am Dienstag für die kommende Woche 2G (geimpft oder genesen) für den Freizeitbereich und 3G (geimpft, genesen oder getestet) am Arbeitsplatz angekündigt. Für Bereiche mit besonders hohem Infektionsrisiko soll 2G plus (geimpft oder genesen und getestet) gelten, etwa im Karneval. Wir haben Solinger Stimmen gesammelt.

Freizeit: Der Geschäftsführer des Kinos Lumen, Meinolf Thies, beobachtet: 2G funktioniert gut. „2G ist die einzig vernünftige Lösung – aber für alle Lebensbereiche.“ Dass 2G plus nur im Freizeitsektor kommen könnte, versteht er nicht. „Wo ist bitte 2G oder 2G plus für Arbeitnehmer, mit einem Kontrollrecht für Arbeitgeber?“ Seine Mitarbeiter im Lumen könne er nicht ins Home Office schicken. Kinos seien derzeit nicht stark ausgelastet, 2G plus bringe keine weitere Sicherheit. „Es ist eine Bestrafung, die immer dieselben trifft.“

Gastronomie: Petra Meis, Inhaberin der Gaststätte Rüdenstein und Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Solingen, befürwortet 2G. „Bei 2G plus wird das Geschäft zusätzlich eingeschränkt, das wird schwierig für die Gastronomie.“ Schon mit 2G müsse jeder begreifen, wie ernst die Lage ist. „Wir planen im Moment ohnehin nur von Woche zu Woche“, so Meis mit Blick auf Veranstaltungen und Weihnachtsfeiern.

„2G plus kommt für uns wahrscheinlich einem Lockdown gleich“, sagt die Betreiberin von Mumms und Birkenweiher, Berita Schwarz. Sie setze schon lange auf die 2G-Regel. „Die Geimpften wollten ja auch ihre Freiheiten zurück. Jetzt sollen sie sich doch wieder testen lassen. Ich fürchte, dass das niemand macht für einen spontanen Kneipenbesuch“, so Schwarz. Die 2G-plus-Regel habe aus ihrer Sicht eine Berechtigung für Großveranstaltungen. „Aber was soll das in der normalen Gastronomie?“

Karneval: In dieser und der nächsten Woche stehen einige Veranstaltungen bei den Jecken an. Weitestgehend sei 2G vorgesehen, berichtet Axel Hawranke. Nach Angaben des Vorsitzenden des Festausschusses Solinger Karneval (FSK) seien weitere Sitzungen und Bälle erst für Anfang 2022 geplant. Den Vereinen bleibe derzeit nicht viel anderes übrig, als abzuwarten, was sich bis dahin tue. Im FSK-Vorstand werde man beraten und dann auf die Vereine zugehen. Absagen seien zwar nicht beabsichtigt, ausschließen kann Hawranke sie aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Eine 2G-plus-Regel wäre bei den Kontrollen durch die Vereine zu bewerkstelligen, betont er. Der Aufwand sei nicht viel größer.
Der Karneval in Solingen startete mit Galasitzung und Prinzenproklamation.

Kultur: Noch am Dienstagabend hatte der neu gegründete Verein Walder Theatertage auf die Neuregelung reagiert. „Mit Blick auf die Kabarett-Veranstaltung im Walder Stadtsaal mussten wir schnell eine Entscheidung treffen“, so Vorsitzender Peter Wirtz – bereits gestern Abend galt dort 2G plus. Auch wenn 2G plus bislang noch eine Empfehlung sei, wolle man bei den Veranstaltungen der Walder Theatertage auf Nummer sicher gehen und diese umsetzen.

Anja Stock vom Kulturzentrum Cobra stellt ab dem Wochenende auf 2G um – und wäre auch generell zu 2G plus bereit, sofern das einen Lockdown verhindert. „Das wird Besucher kosten, aber immerhin können wir noch etwas anbieten.“ Bei einigen Veranstaltungen, etwa der „Disco 40“ Ende kommender Woche, werde es 2G plus allerdings geben: „Abstand halten geht da nicht.“

Sport: Im Breitensport kommt die 2G-plus-Regel aktuell nicht zur Anwendung, wie Gregor Wehning vom Stadtdienst Sport und Freizeit mitteilt. In Innenräumen gilt demnach weiterhin 3G, Veranstaltungen im Freien sind erst ab 2500 Teilnehmenden reglementiert, wobei in Umkleiden und Duschen wiederum die 3G-Regel Anwendung findet. Diese wendet seit Saisonbeginn auch der Bergische HC für seine Spiele in der Handball-Bundesliga an. Geimpft, genesen oder getestet müssen alle Zuschauer in der Solinger Klingenhalle sein. Dies soll auch beim Duell gegen den HC Erlangen (Anwurf 19.05 Uhr am 18. November) unverändert gelten.

Todesfall

Die Stadt meldete einen weiteren Todesfall in Zusammenhang mit einer Corona-Infektion. „Die Person war über 80 Jahre alt, der Impfstatus ist unbekannt“, hieß es seitens der Verwaltung. Die Zahl der Todesfälle in Solingen steigt damit auf 210, stationär behandelt werden 27 Personen.

Standpunkt: Falsche Rücksichtnahme

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Björn Boch

Die Herbsttage der Jahre 2020 und 2021 ähneln sich frappierend. Wieder steigen die Inzidenzwerte, wieder lässt es die Politik lange an klaren Ansagen vermissen. Beispiel: Termine für Booster-Impfungen. Weil Impfzentren geschlossen wurden, sind sie Mangelware – da kommt Jens Spahn um die Ecke und empfiehlt, sich schon vor Ablauf der Sechs-Monats-Frist erneut impfen zu lassen. Beispiel: Ministerpräsidentenkonferenz. Man lässt sich mit einem Termin wochenlang Zeit, nur um wie Hendrik Wüst dann zwei Tage davor 2G für Freizeit und 3G am Arbeitsplatz zu verkünden. Die Stadt Solingen setzt am selben Tag noch einen drauf, empfiehlt allen im Freizeitbereich 2G plus und verkündet zunächst, das möglichst verpflichtend einführen zu wollen. Nun könnte es bei einer Empfehlung bleiben. Um 2G, ohne plus, dafür aber flächendeckend, hat man sich zu lange gedrückt. Akut reicht selbst das wohl nicht mehr aus, es muss aber kommen – mit Ausnahmen höchstens im Supermarkt oder beim Arzt, wenn sich schon niemand an die Impfpflicht traut. Stattdessen nimmt man Rücksicht auf eine kleine, laute Minderheit, die Meinungen nicht von Fakten unterscheiden kann und Youtube für eine seriöse Quelle hält. Das muss aufhören. Entscheidungen müssen sich an der großen Mehrheit orientieren, die weder laut schreit, noch Kommentarspalten bei Facebook flutet – aber verstanden hat, was in einer Pandemie notwendig ist.

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