Schwere Erkrankung

17-Jährige Solingerin leidet seit Corona-Impfung unter Autoimmunkrankheit

Aus ihrer Wohnung im dritten Stock kann Mutter Aylin Dalgül ihre Tochter im Rollstuhl nicht alleine herausbringen.
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Aus ihrer Wohnung im dritten Stock kann Mutter Aylin Dalgül ihre Tochter im Rollstuhl nicht alleine herausbringen.

Ärzte rätseln, ob Impfung oder Covid-Infektion Auslöser für die schwere Erkrankung der 17-jährigen Selin war.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Im vergangenen Jahr hat Selin Islami noch als Leistungsturnerin an der Deutschen Meisterschaft in Berlin teilgenommen. Heute sitzt die 17-jährige Solingerin im Rollstuhl. Ihre Diagnose: Postvakzinale Myasthenia Gravis. Die seltene Autoimmunerkrankung äußert sich als Muskelschwäche im ganzen Körper. Die Schwere der Erkrankung und die Frage, ob die beiden Corona-Impfungen im vergangenen Herbst oder die Covid-Erkrankung, die Selin im Januar durchmachte, Auslöser waren, stellen Ärzte vor ein großes Rätsel.

Mit ihrem Schicksal möchte die 17-jährige bewusst an die Öffentlichkeit gehen. Die vergangenen neun Monate hat sie fast ausschließlich in Kliniken zugebracht – ohne dass ihr jemand wirklich helfen konnte. Auch jetzt hat die Familie ständig Angst vor einer weiteren „Krise“. „Dabei behindern die Antikörper das Signal von Nerven zu Muskeln“, schildert Mutter Aylin Dalgül den letzten dramatischen Anfall Anfang September.

Um diese Krisen zu verhindern, muss Selin täglich 45 Tabletten nehmen, alle vier Stunden – rund um die Uhr. „Mein Mann und ich stellen uns auch nachts den Wecker, um die Einnahme nicht zu verpassen. Wenn alle Muskeln versagen, wäre das dramatisch“, schildert die Mutter die angespannte Situation in der vierköpfigen Familie, zu der auch noch Selins erst 17-monatiger Bruder gehört.

Regelmäßige Blutwäschenn der Uniklinik

Wenige Tage nach der ersten Corona-Impfung im August vergangenen Jahres bekam Selin Husten, starke Bauchschmerzen und Schwächeanfälle. Kurz vor Weihnachten hatte sie dann einen plötzlichen Verlust des rechten Gesichtsfeldes. Nach der Covid-Infektion im Januar folgten Muskelschwäche im ganzen Körper und Schluckbeschwerden. Weil man an der Charité Erfahrung mit der seltenen Krankheit hat, wurden Mutter und Tochter im Mai von der Uniklinik Essen nach Berlin geschickt.

„Seitdem ist Selin an den Rollstuhl gefesselt“, erzählt die Mutter verzweifelt. Mit Blutwäschen wird versucht, die Beschwerden zu lindern. 30 davon hat die 17-Jährige schon über sich ergehen lassen müssen. „Die Ärzte finden kaum noch Zugänge für die Dialyse“, zeigt Selin auf Narben an Hals und Leiste. Der Versuch, ihr einen dauerhaften Dialyseshunt in die Unterarm-Arterie zu legen, ist schon zweimal gescheitert. „Jetzt ist die Arterie auch geschädigt“, so die Mutter.

Körperlich topfit, war Selin Islami bis zum vergangenen Jahr erfolgreiche Leistungsturnerin.

„Wir wissen nicht mehr weiter“, hoffen Aylin Dalgül und ihre Tochter auf ein Wunder. „Derzeit kann Selin die Wohnung im dritten Stock nur verlassen, wenn mein Mann sie die Treppe rauf und runter trägt.“ Deshalb ist die Familie jetzt auf der Suche nach einer Wohnung mit Aufzug.

Selins größter Wunsch ist es, wieder laufen zu können. Gerne möchte die ehemalige Schülerin der Friedrich-Albert-Lange-Schule ihre Ausbildung zur Zahnmedizinischen Fachangestellten fortsetzen. „Im Dezember war ich zum letzten Mal in der Berufsschule, mein Chef lässt die Ausbildungsstelle seitdem ruhen.“
Auch interessant: Zahl der Long-Covid-Patienten in Solingen steigt stetig

Die 17-Jährige ist mit 100 Prozent Schwerbehinderung und Pflegestufe 4 eingestuft. „Es muss doch irgendeine Therapie geben, die meiner Tochter hilft“, hofft Aylin Dalgül, dass sich der Zustand ihrer Tochter wieder verbessert. Sie selbst hat ihre Stelle als Finanzbuchhalterin aufgeben müssen, um die Tochter zu pflegen. Gemeinsam mit einem Rechtsbeistand prüft die Familie eine Klage gegen den Impfstoff-Hersteller Biontech.

Die ganze Hoffnung legt Selin Islami jetzt in ein neues Medikament, das bislang nur bei Erwachsenen eingesetzt wurde und für Jugendliche noch nicht zugelassen ist. „Wir haben bei der Krankenkasse durchgekämpft, dass Selin das sehr teure Präparat vier Wochen lang testen kann“, erzählt die Mutter. Um sie dabei zu überwachen, wird es in der Uniklinik verabreicht. Verschafft es Besserung, könnte die Behandlung fortgesetzt werden. Wenn nicht – daran möchten Selin und Mutter Aylin nicht denken.

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