Menschen im Fadenkreuz

So geriet ich vor einigen Jahren ins Visier von Neonazis

In einem Aufzug wurde ich von Neonazis bedroht. Es dauerte lange, bis ich mich wieder sicher fühlte. Foto: Christian Beier
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In einem Aufzug wurde ich von Neonazis bedroht. Es dauerte lange, bis ich mich wieder sicher fühlte.

Die Autorin dieser Zeilen war als Reporterin im Einsatz, als sie plötzlich massiv bedroht wurde – später sagte sie vor Gericht aus

Von Verena Willing

Wie es ist, ins Visier von Neonazis zu geraten, musste ich am eigenen Leib erfahren. Und ich weiß leider auch, wie sich in diesem Zusammenhang Unsicherheit anfühlt. Ich habe kurzzeitig bestimmte Orte gemieden, im Supermarkt schnell den Gang gewechselt, um noch schneller aus dem Geschäft zu verschwinden. Ich kenne auch die Angst, dass Neonazis wissen könnten, wo ich wohne.

Es war Mai 2008 in meiner Heimatstadt im Münsterland. Ich war schon als Journalistin bei der dort ansässigen Tageszeitung tätig. Die NPD hatte für diesen frühsommerlichen Tag einen Infostand angemeldet. Da es schon im Vorfeld immer wieder zu Gegendemonstrationen gekommen war, wollte ich meine Kollegen vor Ort unterstützen.

Da standen sie, direkt neben einem Kaufhaus: zwei stereotype rechte Skinheads mit Glatze und Bomberjacke, ein ungepflegt wirkender Mittvierziger mit Vokuhila und Schnauzbart, sowie der NPD-Kreisvorsitzende – mit Seitenscheitel und gebügeltem Polohemd. Davor: zahlreiche Polizisten. Dahinter: einige Demonstranten, die nicht wollten, dass sich die NPD in ihrer Stadt breitmacht.

Meine Kollegen und ich beobachteten das Geschehen, als plötzlich vom Parkdeck des Kaufhauses Eier auf den Infostand flogen. Wir sahen, dass einer der Skinheads und der Mittvierziger sofort in das Kaufhaus rannten, um auf das Parkdeck zu gelangen.

Die Neonazis schlugen wohl mehrfach auf die Punks ein

Ein Kollege und ich rannten hinterher, in dem Glauben, dass die Polizei diese Szene auch mitbekommen hatte. Dummerweise stiegen wir mit den Neonazis in denselben Fahrstuhl. Alles ging so schnell, dass wir das erst mitbekamen, als sich die Tür schon schloss. Eine Frau mit Kinderwagen stieg auf dem Weg zum Parkdeck aus. Wir dachten, dass sie uns schon nichts tun würden. Als die Fahrstuhltür sich abermals schloss, näherte sich der Mittvierziger meinem Kollegen und bedrohte ihn mit den Worten: „Ihr habt doch gerade die Eier vom Dach geworfen, du.…“ Sein Skinhead-Freund stand grinsend daneben. Der Mann mit Vokuhila-Frisur kam meinem Kollegen derweil immer näher, fast Nase an Nase standen sie dort. Als wir plötzlich auf dem Parkdeck angelangt waren. Die Tür öffnete sich und in dem kleinen Vorraum des Aufzugs standen zwei Punks, die wohl die eigentlichen Eierwerfer waren. Die Neonazis rannten hinaus und schlugen offenbar auf die jungen Männer ein. Genau sehen konnte ich das nicht, weil sich diese Szene noch in dem blickdichten Vorraum abgespielt hatte.

Ich rannte zum Rand des Parkdecks, wollte die Polizei rufen und auf unsere Situation aufmerksam machen. Doch niemand hörte mich. Also rief ich in der Leitstelle der Polizei an, damit die wiederum per Funk Hilfe schicken konnte. In der Zwischenzeit tauchte auch der Vokuhila-Mann in meiner Nähe auf. Er telefonierte und fragte – offenbar den NPD-Kreisvorsitzenden am anderen Ende der Leitung – ob sie „den Typen und das Mädchen“ auch noch verprügeln sollten. Dann kam glücklicherweise die Polizei.

Die beiden Punks hatten blutverschmierte Gesichter und Schwellungen an den Augen. Mein Kollege und ich waren die einzigen Zeugen. Später sagten wir vor Gericht aus. Ich war froh, als es vorbei war. Doch nach dem Prozess kam diese Unsicherheit: Haben die meinen Namen, meine Adresse? Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich wieder sicher fühlte.

Hintergrund

Das Projekt: „Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors” ist eine Kooperation elf renommierter Regionalmedien – darunter auch das Solinger Tageblatt – in Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring e.V., unter Leitung des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv.

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Die Ausstellung: Bis Freitag, 2. Juli, war die Ausstellung „Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors“ am Fronhof zu sehen. Von dort aus geht es nach Dortmund, Köln, Kassel, Schorndorf, Winnenden, Waiblingen, Nürnberg, München, Rostock/ Greifswald und Berlin.

Die Autorin: Verena Willing arbeitet seit 2012 als Redakteurin beim Solinger Tageblatt. Mit den Recherchen für dieses Projekt war sie viele Monate befasst.

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