Bundestagswahl 2021

Sie vermissen eine Vision der Parteien

Benjamin Dietrich (l.), Deborah Breuer und Moritz Kalkum sprachen mit dem Tageblatt über ihre Gründe für die Wahlentscheidung. Das Treffen fand digital statt. Foto: bjb
+
Benjamin Dietrich (l.), Deborah Breuer und Moritz Kalkum sprachen mit dem Tageblatt über ihre Gründe für die Wahlentscheidung. Das Treffen fand digital statt.

Drei Mitglieder der Wirtschaftsjunioren geben Einblick in ihre Wahlentscheidung.

Von Björn Boch

Solingen. In einem sind sich Deborah Breuer, Benjamin Dietrich und Moritz Kalkum einig: Der Wahlkampf ist zu oberflächlich und behandelt oft falsche Themen. Die drei Solinger sind Mitglieder bei den Wirtschaftsjunioren – legen im ST-Interview allerdings Wert darauf, nicht für die Wirtschaftsjunioren zu sprechen. Ihre Ansichten geben dennoch einen interessanten Einblick, wie junge Familien und junge Unternehmer ihre Wahlentscheidung treffen – oder gerne treffen würden.

„Da müsste doch ein Wahlkampf kommen, der die großen Ideen aufzeigt.“

Moritz Kalkum, Unternehmer und Mitglied der Wirtschaftsjunioren

Benjamin Dietrich etwa, im globalen Vertrieb bei Interroll in Wermelskirchen tätig, ist vor neun Monaten Vater geworden – was alles verändert hat, wie er bekennt. Es sei der dritte oder vierte Wahlkampf, den er bewusst erlebe. „Und er wird extrem an der Oberfläche geführt. Es geht zu sehr um Personen und zu wenig um Inhalte. Und wenn, dann darum, wer wann von wem abgeschrieben hat“, sagt der 34-Jährige. Alle wollten Familien und die Wirtschaft stärken und das Klima retten. „Aber wie, das sagt irgendwie keiner“, so Dietrich. Seine Wahlentscheidung treffe er daher derzeit nach dem Ausschlussverfahren – die Bindung zu einer Partei habe bei ihm, wie bei vielen anderen, nachgelassen.

Das bestätigt auch Deborah Breuer: „Ich schaue mir vor einer Wahl die Parteien an, schlage die Extreme rechts und links weg und überlege dann, wer am ehesten infrage kommt“, berichtet die 29-Jährige, die Geschäftsführerin der Solinger Familienbetriebe Tiki Kinderland und Hugo Boos Hausverwaltung ist. Bei der Bundestagswahl gehe es ihr nicht so sehr um die regionalen Spitzenkandidaten – im Gegensatz zur Kommunalwahl. Sie suche eine Partei, die Klimaschutz und Wirtschaftspolitik berücksichtige – „aber es kommt nicht so ganz klar durch, wie die Parteien genau handeln wollen“, erklärt sie.

Logo Bundestagswahl

Warum es manchmal so im Ungefähren bleibt, dafür hat Moritz Kalkum eine Erklärung. „Manches Notwendige – weniger Fleisch essen, eher mal mit dem Fahrrad und nicht mit dem Auto fahren – ist ja schon bei uns selbst unpopulär“, betont er. Das verstärke sich eher, wenn eine Partei das der Bevölkerung sage. Diese Erfahrung hätten die Grünen oft genug gemacht, etwa beim Spritpreis oder der Idee eines „Veggie-Day“ in Kantinen. „Da waren sie so konkret, dass man es ihnen um die Ohren gehauen hat“, so der 39-Jährige, der Geschäftsführer des Solinger Familienbetriebs Otto Kalkum Verpackungen ist.

Als Vater dreier Kinder interessiert sich Moritz Kalkum sehr für das Thema Umwelt, das stark in den Fokus gerückt ist. Aber auch bei anderen Themen wie der Digitalisierung oder der Rolle der Frauen habe Corona bewirkt, dass die Probleme wie unter einem Brennglas sichtbar wurden. „Da müsste doch ein Wahlkampf kommen, der die großen Ideen aufzeigt. Das fehlt mir, dass sich jemand mal hinstellt und klar sagt: ,Da wollen wir hin. Das ist unsere Vision, das sind unsere Werte‘“, so Kalkum. Emmanuel Macron in Frankreich – ganz gleich, wie man zu ihm inhaltlich stehe – habe das gemacht. „Ob sich die deutschen Kandidaten das trauen, bezweifle ich.“

Vielleicht sei auch deshalb die Begeisterung bei jungen Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt, berichtet Deborah Breuer, die derzeit Jura studiert. Ihre Kommilitonen an der Uni seien entweder „total engagiert und dann meist auch in den Parteien aktiv – oder es interessiert sie gar nicht“. Das liege auch an zu unkonkreten Aussagen zu so brennenden Themen wie Klimaschutz und Digitalisierung.

Die letzten Wochen bis zur Wahl versprechen auf jeden Fall spannend zu werden. Es sei faszinierend, wie schnell sich die Konstellationen verändert hätten, sagt Benjamin Dietrich. Noch vor wenigen Wochen sei ein Bundeskanzler Olaf Scholz ja komplett realitätsfern gewesen. „Ich erwarte Spannung bis zum Wahlabend, da kann es noch deutliche Verschiebungen geben. Das sollte auch den Letzten motivieren, zur Wahl zu gehen“, findet Dietrich. Kein Verständnis habe er für Aussagen der Art, dass man ja eh keine Partei wählen könne. „Doch. Das ist Pflicht.“ Wählen sei das Wichtigste in einer Demokratie – und es sei das Schlimmste, es nicht zu tun. Auch darin sind sich alle drei einig.

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Mordprozess Hasseldelle: Gutachter stufen Angeklagte als voll schuldfähig ein
Mordprozess Hasseldelle: Gutachter stufen Angeklagte als voll schuldfähig ein
Mordprozess Hasseldelle: Gutachter stufen Angeklagte als voll schuldfähig ein
Corona: Inzidenzwert bleibt in Solingen weiterhin unter 50
Corona: Inzidenzwert bleibt in Solingen weiterhin unter 50
Corona: Inzidenzwert bleibt in Solingen weiterhin unter 50
83-Jähriger verstirbt nach Verkehrsunfall am Werwolf
83-Jähriger verstirbt nach Verkehrsunfall am Werwolf
83-Jähriger verstirbt nach Verkehrsunfall am Werwolf
800 Menschen demonstrieren in Solingen für mehr Klimaschutz
800 Menschen demonstrieren in Solingen für mehr Klimaschutz
800 Menschen demonstrieren in Solingen für mehr Klimaschutz

Kommentare