Lebenshilfe

Lisa-Marie Lingnau möchte Senioren im Alltag stark machen

Lisa-Marie Lingnau (vorne) fühlt sich an ihrem aktuellen Arbeitsplatz pudelwohl. Hinten von links: Integrationsmanagerin Julia Oelze, Paul Dicke vom Gerhard-Berting-Haus und Andreas Engeln, Geschäftsführer der Lebenshilfe. Foto: Christian Beier
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Lisa-Marie Lingnau (vorne) fühlt sich an ihrem aktuellen Arbeitsplatz pudelwohl. Hinten von links: Integrationsmanagerin Julia Oelze, Paul Dicke vom Gerhard-Berting-Haus und Andreas Engeln, Geschäftsführer der Lebenshilfe.

Lisa-Marie Lingnau hat eine geistige Behinderung und arbeitet durch Vermittlung der Lebenshilfe im Gerhard-Berting-Haus.

Von Kristin Dowe

Wer Lisa-Marie Lingnau kennenlernt, würde zunächst nicht auf den Gedanken kommen, dass er einen Menschen mit einer geistigen Behinderung vor sich hat. Die 22-Jährige tritt selbstbewusst auf und kann ihre Einschränkungen im Alltag sehr sachlich und differenziert benennen. „Ich habe Schwierigkeiten beim Lernen und bin in bestimmten Situationen schon mal überfordert“, sagt die junge Frau von sich selbst. „Manchmal muss ich mehr Pausen machen als andere und brauche für einige Dinge etwas länger.“

Was die empathische Solingerin dafür ziemlich gut kann: auf die Bedürfnisse von Menschen eingehen – auch dann, wenn diese nicht direkt ausgesprochen werden. Vermittelt von der Lebenshilfe, in deren Werkstatt Lingnau vorher beschäftigt war, macht sie deshalb zurzeit ein Praktikum als Alltagsbegleiterin im Gerhard-Berting-Haus.

„Manchmal bin ich auch die Schulter zum Ausweinen.“

Lisa-Marie Lingnau, angehende Alltagsbegleiterin

Die Senioreneinrichtung in Wald kooperiert mit der Lebenshilfe mit dem Ziel, Lingnau perspektivisch dort in eine Festanstellung zu vermitteln. Dabei ist es gerade in Zeiten der Pandemie keineswegs selbstverständlich, dass Arbeitgeber sich darauf einlassen, Menschen mit Behinderung in der Arbeitswelt eine Chance etwa in Form eines Praktikums zu geben oder sie gar fest einzustellen, weiß Integrationsmanagerin Julia Oelze: „Da gibt es noch viele Vorbehalte. Beispielsweise denken Arbeitgeber oft, dass sie komplett damit allein gelassen werden, wenn sie einen Menschen mit Behinderung beschäftigen. Das ist aber überhaupt nicht der Fall.“

Im Gegenteil werde die Integration in den ersten Arbeitsmarkt engmaschig durch die Lebenshilfe begleitet – zunächst mit viel Unterstützung während der ersten Praktika, später arbeiteten Oelzes Schützlinge weitgehend selbstständig. Zudem gebe es für Arbeitgeber verschiedene Fördermöglichkeiten.

Klar sei dabei immer: „Auch wenn ein Mitarbeiter von einem Unternehmen übernommen wird, bleibt die Lebenshilfe weiter Ansprechpartnerin im Hintergrund.“ Gemeinsam mit den Beschäftigten der Werkstatt würden Ziele erarbeitet, wie der erste Schritt in den Arbeitsmarkt aussehen könnte. Dass dabei nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen können, sei ein Lernprozess.

Und so hatte Paul Dicke, Leiter des Sozialen Dienstes im Gerhard-Berting-Haus, kaum Bedenken, sich trotz der anhaltend schwierigen Situation durch die Corona-Lage auf diesen Versuch einzulassen: „Erstens ist die Pandemie zu unserem Alltag geworden und wir müssen lernen, mit ihr zu leben. Zweitens hat mich Frau Lingnau sofort begeistert.“

Und deren Identifikation mit ihrer Aufgabe ist groß, wie in der Runde mit dem ST deutlich wird. „Wohneinheit“, korrigiert sie bestimmt, als im Gespräch jemand von „Station“ in Bezug auf die Wohnsituation der Bewohner in der Einrichtung spricht. Station klinge zu sehr nach Krankenhaus.

Die ihr zugeteilten 25 Senioren kennt sie nach knapp vier Monaten alle mit ihren individuellen Eigenheiten und Vorlieben. Sie liest ihnen Märchen vor, begleitet sie zu Arztbesuchen oder spielt mit ihnen. Dabei braucht sie feine Antennen, wenn etwa ein Bewohner mal einen schlechten Tag hat oder einen demenziellen Schub bekommt. Manchmal sei sie auch „die Schulter zum Ausweinen“. Ums Geld gehe es ihr dabei nur in zweiter Linie. „Die Bewohner sind sehr dankbar, und man bekommt viel von ihnen zurück. So ein Lächeln kann man mit Geld nicht kaufen.“

Nicht immer klappe es mit der Arbeitsvermittlung so reibungslos wie im Fall von Lisa-Marie Lingnau, da bei den Unternehmen noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten sei, räumt Geschäftsführer Andreas Engeln ein. Dabei könnten Beschäftigte mit einer Behinderung auch positiv zum Betriebsklima beitragen – denn es schule das Team in Rücksichtnahme und Gemeinschaftssinn. Etwa vier bis fünf Vermittlungen in den ersten Arbeitsmarkt gebe es jedes Jahr. Engeln: „Das ist schon ein sehr gutes Ergebnis.“

Kontakt

Unternehmen, die Interesse haben, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen oder ihnen eine Praktikumsmöglichkeit zu geben, können sich direkt an Julia Oelze wenden. Tel. 02 12 / 5 99 52 00, Tel. 01 72 /4 59 95 20 oder per Mail an j.oelze@lebenshilfe-solingen.de

Weitere Informationen zum Thema Bildung und Arbeit von Menschen mit Behinderung in Solingen gibt es online. lebenshilfe-solingen.de

Die Werkstatt am Südpark betreibt jetzt einen Online-Shop. Zum Verkauf stehen Kabel und Steckkontakte für gewerbliche Kunden.

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