Lesereihe

Solingerin erlebte die NS-Zeit als Kind

Annemarie Johann-Wessel wurde bei der Lesung in der Buchhandlung Kiekenap von ihrer Tochter Gudrun Tossing unterstützt. Sie hat das Buch ihrer Mutter herausgegeben.
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Annemarie Johann-Wessel wurde bei der Lesung in der Buchhandlung Kiekenap von ihrer Tochter Gudrun Tossing unterstützt. Sie hat das Buch ihrer Mutter herausgegeben.

Annemarie Johann-Wessel las bei Kiekenap aus ihrem Buch „Unter der Sonne, die nicht schien“.

Von Andreas Römer

Solingen. Verblendet und von der Propaganda total vereinnahmt hat Annemarie Johann-Wessel im Zweiten Weltkrieg bis zum Schluss an den Endsieg geglaubt. So erzählt sie in ihrem Buch „Unter der Sonne, die nicht schien“ – aus dem sie am Donnerstagabend in der Buchhandlung Kiekenap las. Etwa 30 Gäste lauschten der fast 90-Jährigen, die mit fester Stimme ihre Erinnerungen vortrug. An ihrer Seite unterstützte sie ihre Tochter Gudrun Tossing, selbst Autorin und für die Mutter Lektorin und Herausgeberin.

Annemarie Johann-Wessel wurde 1933 in Solingen geboren und lebt heute noch in ihrer Heimatstadt. „Ich kann mich gut an die Zeit ab 1938 erinnern“, sagt die rüstige Rentnerin. Deshalb setzt das Buch auch in diesem Jahr an. Johann-Wessel hat erst mit Mitte 80 begonnen, ihre Erinnerungen an die Zeit ihrer Kindheit und Jugend aufzuschreiben. Zwei Jahre hat sie gebraucht, um ihr Leben zwischen 1938 und 1948 festzuhalten. Als das Buch dann vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, kam Corona und die Autorin konnte keine Lesung durchführen.

Annemarie Johann-Wessel und ihre Familie haben Glück gehabt

Die Lesung am Donnerstag war erst die zweite in ihrem Leben. Erstmals hat sie das Buch vor einem Jahr im thüringischen Bad Tabarz vorgestellt. Dort war sie im Rahmen der „Kinderlandverschickung“ im November 1943 gelandet. Unter der strengen Aufsicht der Lagerleiterinnen Siegrid und Uschi blieb sie hier bis nach Kriegsende.

Den politischen Wandel im Dritten Reich schildert sie aus der Sicht eines Kindes, das beeindruckt von der Propaganda nicht versteht, was da eigentlich geschieht. In der Buchhandlung liest sie vom Heimweh, den Briefen von der Verwandtschaft und dem ewigen Glauben an den Führer und den erwartbaren Sieg. Selbst als die Nachrichten aus der Heimat Solingen von Bombenangriffen berichten, lässt sich die Zwölfjährige von der Propaganda und den Jubelmeldungen über Erfolge der Wehrmacht blenden und bleibt überzeugt, der Sieg stehe kurz bevor.

Passend dazu: Goldenes Buch aus NS-Zeit ist zurück in Solingen

Glück hat sie, hat ihre Familie gehabt. Tabarz wurde nicht bombardiert, das Elternhaus hatte einen stabilen Keller, und sogar die Einberufung des Vaters kurz vor Kriegsende hat ihm vermutlich das Leben gerettet. Der Gießereibetrieb, in dem er Kriegswichtiges hergestellt hatte, wurde, als er an der Westfront war, von Bomben dem Erdboden gleichgemacht, mehr als 100 Menschen verloren ihr Leben.

Die Niederlage des Hitler-Regimes hat Johann-Wessel nicht glauben wollen, zunächst als Katastrophe empfunden. Erste Begegnungen mit amerikanischen Soldaten erstaunten sie, weil sie Monster erwartet hatte und die eigentlich ganz nett waren. Als diese ihr dann Bilder von der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald zeigten, wollte sie das nicht glauben. Das passte nicht in das Bild, das man dem Kind über Jahre eingetrichtert hatte: „Das kann der Führer nicht gemacht haben“, waren ihre ersten Gedanken. Als es schließlich von Thüringen nach Hause geht, sie überall nur Zerstörung sieht, bröckelt dann allerdings die Überzeugung. Aber Annemarie Johann-Wessel schildert auch das alles mit kindlicher Unschuld, macht deutlich, wie einfach sie zu manipulieren war.

Die Zuhörer am Abend sind beeindruckt, lauschen gespannt den Kindheitserinnerungen. Einige Ältere habe ganz ähnliche Erinnerungen, wie sie in der Pause schildern, andere erzählen, dass die eigene Oma auch nach Thüringen „verschickt“ wurde. Annemarie Johann-Wessel ist einfach nur dankbar, dass sie ihre Geschichte erzählen durfte.

Lesereihe

Die Buchhandlung Kiekenap bietet im Herbst eine „kleine regionale Lesereihe“. Den Auftakt machte der Haaner Krimiautor Ralph Neubauer im September. In rund vier Wochen wird der Solinger Olaf Link vor Publikum lesen. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben.

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