Auswanderung

Sie bringt ein Stück Solingen nach Virginia

Dr. Melanie Nunes mit ihrem Ehemann Leonardo Miguel Nunes und den Töchtern Sophie, Emma (l.) und Annika (r.). Fotos: Dr. Melanie Nunes
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Dr. Melanie Nunes mit ihrem Ehemann Leonardo Miguel Nunes und den Töchtern Sophie, Emma (l.) und Annika (r.).

Als Lehrerin in den USA vermittelt die gebürtige Solingerin Dr. Melanie Nunes bergische Traditionen

Von Manuel Böhnke

Einmal im Schuljahr tauscht Dr. Melanie Nunes Stift und Papier gegen Rührschüssel und Schneebesen. Dann verwandelt sich ihr Klassenraum an der Loudoun County High School in eine Backstube. Auf dem Lehrplan stehen an diesem Tag keine Vokabeln und deutsche Grammatik, sondern Bergische Waffeln. Mit Aktionen wie dieser hält die gebürtige Solingerin im US-Bundesstaat Virginia Traditionen ihrer Heimat hoch.

„Als Jugendliche fand ich Deutschland todlangweilig und habe mich nach der Ferne gesehnt. Heute sehe ich das anders“, erinnert sich die 41-Jährige. Als Melanie Haase machte sie 2000 Abitur am Gymnasium Vogelsang. In der Schulzeit absolvierte sie ein Auslandsjahr in Utah. Dorthin zog es sie auch während des Studiums zurück. Nach zwei Semestern Englisch und Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal wechselte sie nach Salt Lake City. Zunächst zeitlich befristet, 2002 endgültig. „Das war für meine Familie und Freunde keine besonders große Überraschung“, sagt sie.

Die Loudoun County High School in Leesburg, einer Stadt im US-Bundesstaat Virginia. Dort arbeitet die gebürtige Solingerin als Deutschlehrerin.

In den Vereinigten Staaten machte Melanie Nunes zunächst einen Bachelor- und anschließend einen Master-Abschluss. Ihr kam die Idee, als Deutschlehrerin zu arbeiten. Als Bedingung für ein Stipendium gab sie an der Universität von Utah Kurse, zudem am College. Nach ihrem Umzug nach Virginia lehrte sie dort an verschiedene Schulen.

Inzwischen unterrichtet Nunes an der Loudoun County High School Neun- bis Zwölftklässler. Parallel dazu promovierte sie im Bereich Administrative and Educational Leadership. Ihre Dissertation beschäftigte sich mit den sozialen Schichten in den USA. Thema: der amerikanische Traum.

„Deutsch ist hier nicht die beliebteste Fremdsprache.“

Dr. Melanie Nunes, Solinger Lehrerin in den USA

„Deutsch ist hier nicht die beliebteste Fremdsprache“, berichtet die 41-Jährige. Die meisten Schüler entscheiden sich für Spanisch, gefolgt von Französisch. Um sich gegen diese Konkurrenz zu behaupten, sucht Melanie Nunes nach Wegen, den Unterricht interessanter zu gestalten. Die Pädagogin ist bemüht, nicht nur das Interesse für die Sprache, sondern auch für den deutschsprachigen Raum zu entwickeln. Deshalb backt sie mit ihren Schülerinnen und Schülern Bergische Waffeln, spricht über die Bergische Kaffeetafel, Schloss Burg und Rüdenstein.

Auf dem Programm stehen zudem Ausflüge in deutsche Restaurants, Eier ausblasen in der Osterzeit und Themenschwerpunkte zum Nikolaus und der deutschen Teilung. „In 20 Jahren weiß wahrscheinlich niemand aus meiner Klasse mehr, was Wechselpräpositionen sind. Aber an die leckeren Waffeln und die interessante Geschichte über diesen kleinen Hund erinnern sie sich vielleicht noch“, erklärt sie.

Melanie Nunes’ neue Heimat ist überschaubarer als Solingen. Winchester hat etwas mehr als 30 000 Einwohner, eine Autofahrt ins Zentrum von Washington dauert knapp eineinhalb Stunden. Dort, vor den Toren der Hauptstadt, lebt die 41-Jährige mit ihrem Ehemann Leonardo Miguel Nunes. Als Jugendlicher machte sich der gebürtige Brasilianer nach Portugal auf, um Fußballprofi zu werden. Nachdem der Traum geplatzt war, zog es ihn in die USA. Dort lernte er seine heutige Frau kennen.

Das Paar hat drei Kinder. Sophie ist elf Jahre alt, Emma acht, Nesthäkchen Annika eineinhalb. Die Namensgebung macht Melanie Nunes’ enge Bindung an ihre alte Heimat deutlich. Wie der Nachwuchs hat sie die doppelte Staatsbürgerschaft inne, die Erziehung erfolgt zweisprachig. „Ich möchte bestimmte Traditionen aufrechterhalten“, sagt die Solingerin. So stellt die Familie am Nikolaustag Stiefel vor der Tür, beteiligt sich am Martinsfest der deutschen Gemeinde in Washington. Während sich die mittlere Tochter sehr für die Wurzeln ihrer Mutter interessiert, hält sich die Begeisterung der ältesten in Grenzen. Doch Nunes möchte ihren Kindern die Möglichkeit offenhalten, zu einem späteren Zeitpunkt nach Europa zu ziehen, etwa zum Studieren.

Melanie Nunes’ Klassenraum: An den Wänden hängen Flaggen europäischer Staaten, Poster mit Deutschland-Bezug – und David Hasselhoff.

Sie selbst findet Deutschland bei weitem nicht mehr so langweilig wie als Jugendliche. Einmal jährlich kommt sie mit ihrer Familie für mehrere Wochen nach Solingen, um ihre Eltern, ihre drei Geschwister und Freunde zu besuchen. „Früher fand ich Urlaub in Deutschland total blöd“, sagt Melanie Nunes. Den bisher letzten Aufenthalt nutzte sie für einen gemütlichen Trip an die Nordseeküste.

Für den Rest des Jahres holt sie sich ein Stück der alten in die neue Heimat. „Ich habe zwei Dirndl im Kleiderschrank hängen, fahre ein deutsches Auto und habe eine Tapete mit deutschen Wahrzeichen in meinem Büro“, erzählt sie lachend. Ihre Zukunft sieht sie dennoch in den Vereinigten Staaten. Dort hat sie sich eine Existenz aufgebaut, ihr Mann hat ein gut laufendes Handwerksunternehmen gegründet. „Man gewöhnt sich an einen gewissen Lebensstil.“ Und der vereint zwei Welten miteinander – mindestens.

Fremdsprachen

US-amerikanische High Schools sind Einheitsschulen – alle Schülerinnen und Schüler eines gewissen Alters besuchen sie gemeinsam. Eine Trennung wie zwischen Gymnasien, Real- und Hauptschulen existiert nicht. In Virginia ist es ab der siebten Klasse möglich, eine Fremdsprache zu wählen. Schüler können damit jedoch auch bis Jahrgangsstufe neun warten. Viele belegen laut Melanie Nunes frühzeitig Sprachkurse, um wichtige Leistungspunkte für das College zu sammeln.

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