Kindstötungsprozess

Verteidiger Felix Menke: „Sie bekommt auch mitfühlende Briefe“

Verteidiger Felix Menke erhält im Zuge des Kindstötungsprozesses vor dem Landgericht Wuppertal eine Vielzahl von Medienanfragen. Foto: Tim Oelbermann
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Verteidiger Felix Menke erhält im Zuge des Kindstötungsprozesses vor dem Landgericht Wuppertal eine Vielzahl von Medienanfragen.

Rechtsanwalt Felix Menke verteidigt die Solingerin, die fünf ihrer sechs Kinder getötet haben soll.

Von Kristin Dowe

Herr Menke, wie geht es Ihrer Mandantin körperlich und psychisch?

Felix Menke: Körperlich ist sie genesen, psychisch geht es ihr nicht gut. Der Prozess, die Situation in der JVA und natürlich der Tod ihrer Kinder – das alles belastet sie sehr.

Wie schwierig ist es, eine Frau zu verteidigen, bei der die Beweislage erdrückend ist und der Sachverhalt offensichtlich scheint, – die die Tat aber nicht einräumt?

Menke: Ich konfrontiere meine Mandanten immer mit dem Akteninhalt und meiner Einschätzung hierzu und sage ihnen, welche Konsequenz auch bei einer sehr deutlichen Beweislage ihr Schweigen haben kann. Am Ende des Tages muss man sich als Verteidiger mit den realen Gegebenheiten und dem nahe liegenden Beweisergebnis auseinandersetzen.

Ist es juristisch betrachtet klug von Ihrer Mandantin, zu den Vorwürfen zu schweigen?

Menke: Wenn wir mal unterstellen, dass sie die Tat begangen hat, muss man festhalten, dass ein Geständnis immer strafmildernd zu berücksichtigen ist. Auf der anderen Seite steht die Frage, was es für sie persönlich und ihre Psyche bedeuten würde, wenn sie sich die Tat – sofern sie diese begangen hat – auch eingestehen würde. Ich habe schon Fälle erlebt, bei denen die Tat für den Täter so unbeschreiblich und ungreifbar war, dass er sie eine ganze Zeit lang von sich abspalten konnte.

Wie erleben Sie die Reaktionen in den Sozialen Medien und auch den Umgang der Presse mit dem Fall?

Menke: Die Kommentare bei Facebook lese ich normalerweise gar nicht, habe aber mitbekommen, dass meine Mandantin dort teilweise beschimpft wird. Eine Besonderheit bei diesem Verfahren ist aber, dass ich auch Post für die Angeklagte von Leuten aus ganz Deutschland bekomme. Da gibt es Menschen, die mit Briefen auch Mitleid und Empathie zum Ausdruck bringen, wie man in eine solche Situation geraten kann. Was die Berichterstattung betrifft, sprechen einschlägige Medien mit Überschriften wie „Killer-Mutter“ oder „Todes-Mutter“ die Sprache Ihrer Leserschaft. Die bedienen ihre Klientel. Im Vorfeld des Prozesses hat es ja drei Rügen des Deutschen Presserates für Bild, RTL und sogar die Süddeutsche Zeitung gegeben. Ansonsten finde ich die Berichterstattung bei diesem besonderen und erschütternden Verfahren bislang angemessen.

Ihre Mandantin soll mit 13 Jahren vergewaltigt worden sein. Gleichzeitig wird gegen ihren Vater in Mönchengladbach wegen sexuellen Missbrauchs seiner Tochter ermittelt – ein Urteil wegen des Besitzes von Kinderpornografie liegt außerdem gegen ihn vor. Welche Rolle spielt dieser Komplex für das Verfahren?

Menke: Eine ehemalige Lehrerin meiner Mandantin hat berichtet, dass es damals einen ernstzunehmenden Missbrauchsverdacht der Schule gab und die Polizei eingeschaltet wurde. Das Gericht will prüfen, ob es solche Vorfälle auch durch Ihren Erzeuger gegeben hat. In solchen Fällen wird ein sexueller Missbrauch oft als Schutzbehauptung abgetan. Bei meiner Mandantin spricht aber einiges dafür, dass diese Vorfälle sich im Kindes- beziehungsweise Jugendalter tatsächlich ereignet haben.

Welche Rolle könnte dieser mögliche Hintergrund für die Tat gespielt haben?

Menke: Ich bin kein Psychologe oder Psychiater, aber aus meiner Erfahrung weiß ich, dass Opfer sexuellen Missbrauchs nicht selten auffällig werden. Es macht ja etwas mit der Psyche eines Menschen, wenn er als Kind über längere Zeit missbraucht wurde. Dies wäre im vorliegenden Fall auch mit Blick auf die Frage der Schuldfähigkeit zu berücksichtigen.

Wie kooperativ ist Ihre Mandantin im Umgang mit ihren Verteidigern?

Menke: Das funktioniert gut. Wir kommen miteinander zurecht.

Ihre Mandantin hat drei Verteidiger. Zuletzt schien es in Ihrem Team ein paar Unstimmigkeiten zu geben.

Menke: Drei Verteidiger sind wie drei Köche, die schon mal den Brei verderben können. Der Kollege Gerd Meister und ich kommen aus derselben Kanzlei und verteidigen sehr häufig zusammen – wir sind ein eingespieltes Team. Der Kollege Thomas Seifert verfolgt teilweise andere Ansätze, wie auch an den vielen Anträgen gleich zu Beginn des Verfahrens deutlich geworden ist. Die hätte ich zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht gestellt.

Die Anträge Ihres Kollegen zielten unter anderem kritisch auf das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen Professor Dr. Pedro Faustmann ab. Was stört Sie daran?

Menke: Man muss fairerweise sagen, dass es sich nur um ein vorläufiges Gutachten handelt. Ich habe ebenso einige kritische Fragen hierzu, aber ich möchte Herrn Professor Faustmann natürlich erst mal die Gelegenheit geben, sein Gutachten mündlich und endgültig zu erstatten. Deshalb würde ich auch nicht vorher einen Antrag stellen, um ihn als Gutachter abzulehnen, bevor er überhaupt etwas referiert hat.

Warum hat Ihre Mandantin gleich drei Verteidiger?

Menke: Zwischenzeitlich hatte die Angeklagte das Mandat bei Herrn Seifert niedergelegt. Ich war durchgehend ihr Verteidiger und habe Gerd Meister zur Unterstützung mit ins Verfahren genommen, weil das Verfahren sehr umfangreich ist. Bei so vielen Akten schauen besser mal vier Augen drüber.

In solchen Fällen gibt es oft pauschale Schuldzuweisungen an das Jugendamt. Wie sehen Sie das?

Menke: Vor Gericht wird sich noch ein Mitarbeiter des Solinger Jugendamtes äußern. Aus meiner Sicht wurden dort keine Fehler gemacht. Sie waren immer sofort da, wenn sie benachrichtigt wurden. Allerdings hoffe ich, dass dies beim Jugendamt Mönchengladbach genauso ist.

Was möchten Sie für Ihre Mandantin erreichen?

Menke: Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt schwer sagen – man muss abwarten, was die Hauptverhandlung ergibt. Etwas salomonisch würde ich deshalb formulieren, dass ich mir im Falle ihrer Schuld ein angemessenes Urteil wünsche.

Hintergrund

Tatvorwurf: Eine 28-jährige Solingerin soll im September 2020 fünf ihrer sechs Kinder in der Badewanne laut Anklage „erstickt oder ertränkt“ haben. Ein 13-jähriger Junge überlebte die Tat. Anschließend versuchte sie am Düsseldorfer Hauptbahnhof, sich das Leben zu nehmen.

Verteidiger: Felix Menke ist Fachanwalt für Strafrecht bei der Kanzlei Pohlen & Meister in Mönchengladbach. Er verteidigt die Angeklagte gemeinsam mit seinem Kanzleipartner Gerd Meister sowie mit Rechtsanwalt Thomas Seifert im laufenden Prozess am Landgericht Wuppertal.

Im Prozess um den Mord an fünf Kindern in Solingen ist heute der Vater der Angeklagten als Zeuge geladen. Gegen ihn wird in einem gesonderten Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs seiner Tochter ermittelt, sagte ein Sprecher der Mönchengladbacher Staatsanwaltschaft auf Anfrage.

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