Setzzeit im Wald

Wenn Mama Reh ihr Kitz nicht mehr annimmt: Diese Fehler machen Spaziergänger und Autofahrer

Jäger Franz-Josef Schönauen, hier mit Dackel Gustav, bittet in der Setzzeit um Rücksichtnahme auf die Natur.
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Jäger Franz-Josef Schönauen, hier mit Dackel Gustav, bittet in der Setzzeit um Rücksichtnahme auf die Natur.

Nach einem traurigen Zwischenfall wendet sich Franz-Josef Schönauen mit einem Appell an alle Solinger.

Von Kristin Dowe

Solingen. Der Schritt sei ihm alles andere als leicht gefallen, sagt Franz-Josef Schönauen: „Ich musste kürzlich ein schwer verwundetes Rehkitz töten, das von seiner Mutter nicht mehr angenommen wurde.“ Der Jäger, der auch Mitglied in der Kreisjägerschaft Solingen ist, hat das Tier schweren Herzens mit einem Schuss von seinen Schmerzen erlöst.

„Ich kann keine Tiere leiden sehen. Das war wirklich ein trauriger Anblick“, berichtet Schönauen und wendet sich deshalb mit einem Appell an die Solinger: Noch etwa bis Mitte Juni dauere die Setzzeit bei den Rehen an. Bis dahin sollten Hundebesitzer ihre Tiere unbedingt angeleint lassen und auf den Wegen bleiben.

Schönauen hält es für möglich, dass das verletzte Tier von einem freilaufenden Hund abgeschleckt und deshalb von seiner Mutter verstoßen wurde. „Gerade jetzt sind die Ricken hochtragend und können nicht flüchten, wenn sich ein Hund nähert“, erklärt der Jäger.

Nicht anfassen! Auch das kann den Tod für Wildtiere bedeuten

Auch sollten verletzte Tiere auf keinen Fall von Menschen berührt werden, da sie dann ebenfalls nicht mehr von den Muttertieren versorgt würden. „In letzter Zeit habe ich solche Fälle wieder häufiger beobachtet“, so Schönauen, der als Pächter für das Jagdrevier 8 in Aufderhöhe verantwortlich ist.

So ist es richtig: Polizei anrufen - dann wird der Jäger verständigt

Autofahrer, die versehentlich ein Wildtier anfahren, sollten nicht eigenmächtig handeln, sondern unbedingt die Polizei rufen, die wiederum das Ordnungsamt verständige. Der für das Revier zuständige Jäger kümmere sich dann um den Fall.

2018/192019/202020/21
Wildunfälle - Zahl der getöteten Wildtiere522318

Derweil ist die Zahl der bei der Unteren Jagdbehörde gemeldeten Wildunfälle in den Jagdjahren 2018/19 (52 tote Wildtiere), 2019/20 (23 tote Wildtiere) und 2020/21 (18 tote Wildtiere) gesunken. Das Jagdjahr beginnt am 1. April und endet am 30. März des folgenden Jahres. „Es handelt sich um unterschiedliche Wildtiere wie Marder, Dachse, Füchse, Schwarz- oder Rehwild“, erläutert Rathaussprecher Daniel Hadrys auf Nachfrage.

Zahlen für das jüngste Jagdjahr 2021/22 lägen zurzeit noch nicht vor, die Auswertung der gemeldeten Fälle dauere noch an. „Unfälle, bei denen das Wildtier nicht getötet wurde, sind hier nicht erfasst. Ebenso umfassen die genannten Zahlen nur die toten Wildtiere, die durch die Jägerschaft auch mitgeteilt wurden“, so Hadrys.

Hegegemeinschaft: Auf keinen Fall verletzte Tiere auf eigene Faust zum Tierarzt bringen

Oftmals seien verwundete Tiere nicht mehr zu retten, bedauert Thomas Lambracht, Vorsitzender der Hegemeinschaft in der Kreisjägerschaft Solingen. „Wenn das Becken oder die Läufe gebrochen sind, muss das Tier in der Regel getötet werden.“ Er rate dringend davon ab, verletzte Tiere auf eigene Faust zum Tierarzt zu bringen. „Das ist letztendlich Wilderei.“

Er selbst töte ein verwundetes Tier nur dann, wenn tatsächlich keine Rettungschancen mehr bestehen. „Ich habe auch schon genug Tiere laufenlassen“, versichert er. Von circa 120 toten Wildtieren im Jahr − der Jäger spricht dann von „Fallwild“ − kämen zwischen 60 und 70 Prozent der Tiere im Straßenverkehr um.
Lesen Sie dazu auch den Standpunkt von Kristin Dowe

Vor allem im Frühjahr, wenn die Natur im Wald noch nicht ganz erwacht sei, sei verstärkt mit Wildwechsel zu rechnen, da die Tiere sich dann neue Äsungsflächen suchten. „Die Böcke tragen dann Territorialkämpfe untereinander aus und jagen ihre Nebenbuhler weg. Und die Ricken verscheuchen ihre Jungen vom Vorjahr, so dass diese Tiere sich dann ein neues Gebiet suchen müssen.“

Jäger schützen Bäume mit Zäunen vor Wildschaden

Aufgabe der Jäger sei es laut Lambracht, „einen artenreichen Wildbestand zu hegen und zu pflegen“. So müssten sie etwa dafür Sorge tragen, dass Rehe keine jungen Bäume abfressen. Aus diesem Grund wurden auch Setzlinge im Bereich der Sengbachtalsperre zum Schutz vor Wildtieren eingezäunt. Grundsätzlich gelte laut Lambracht die Regel: „Je gesünder ein Wald ist, desto mehr Wild verträgt er.“

Hintergrund

Bei Wildunfällen hat der Autofahrer die Beweispflicht, dass der Unfall tatsächlich durch ein wildes Tier verursacht wurde. Eine sogenannte Wildschadensbestätigung von der Polizei oder vom zuständigen Jagdpächter erleichtert die spätere Beweisführung bei der Versicherung.

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Lesen Sie auch: Aktenzeichen XY: Etliche Hinweise zum Fall Iwona O.

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