Denkmals

Schwestern retteten Kopf des Schmieds

Harald Hähner ist der Vorsitzende der Casino-Gesellschaft. Dort steht der Kopf des Waffenschmied-Denkmals, der 1944 von Familie Michels gerettet wurde.
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Harald Hähner ist der Vorsitzende der Casino-Gesellschaft. Dort steht der Kopf des Waffenschmied-Denkmals, der 1944 von Familie Michels gerettet wurde.

Ilse Michels berichtet von der Bergung nach dem Bombenangriff 1944 – doch wer war Vorbild für die Statue?

Von Philipp Müller

Der 4. und 5. November 1944, das waren zwei Tage voller Schrecken. Jeweils um die Mittagszeit flogen britische Bomberstaffeln Angriffe auf Solingen. Die Innenstadt lag anschließend in Trümmern und brannte völlig nieder. Auch der Brunnen auf dem Alten Markt, der die lebensgroße Figur eines Waffenschmieds trug, wurde zerstört. Doch der Kopf wurde durch die Schwestern Michels gerettet und gesäubert. Heute steht der Schädel als Büste in der Casino-Gesellschaft.

Um die Figur ranken sich viele Mythen: „Wir haben den Kopf gefunden und mit nach Hause genommen“, erzählt die heute 102-jährige Ilse Michels im Gespräch mit dem Tageblatt. Sie und ihre Schwestern trugen den Kopf zum Wohnhaus an der heutigen Heinestraße, wo Familie Michels damals lebte. Dort entstaubten die vier Schwestern das Überbleibsel der kolossalen Skulptur aus dem Jahr 1895. „Er stand dann etwa zwei Jahre bei uns auf einer Kommode und hatte einen Ehrenplatz.“ Ein Mitglied der Casino-Gesellschaft habe ihn 1946 oder 1947 abgeholt. Warum, das weiß Ilse Michels heute nicht mehr. Es sei ein „Dr.“ gewesen, der Name sei ihr leider entfallen.

Den „Dr.“ kennt auch Harald Hähner, der heutige Vorsitzende der Casino-Gesellschaft, nicht. „Die Büste steht bei uns seit vielen Jahren. Eigentlich wünschen wir uns eine Tafel mit Erklärungen zu dem Kopf.“ In den Räumen ziert eine kleine Plakette den bärtigen Schädel. „Peter Hahn“ steht darauf.

Doch ob der berühmte Solinger Schmied Vorbild war, ist längst nicht ausgemacht. Was müsste die Tafel also an Fakten enthalten? Zunächst einmal einige Dinge zur Entstehung: 1895 wurde der Brunnen auf dem Alten Markt eingeweiht. Er stand vor dem Modehaus Baecker und der Tapetenhandlung Altwickler. Auf den Mittelpfosten des Brunnens wurde eine Statue eines Waffenschmieds gesetzt.

1895 wurde der Brunnen auf dem Alten Markt eingeweiht. Auf den Mittelpfosten des Brunnens wurde die Statue eines Waffenschmieds gesetzt.

Bezahlt hatte das Denkmal der Verschönerungsverein Solingen. Er konnte dabei auf weitere Spenden aus der Solinger Bevölkerung setzen. Das weiß Ralf Rogge, der Leiter des Stadtarchivs. Und der Historiker ordnet ein: In der damaligen Kaiserzeit waren solche Skulpturen im Jugendstil groß in Mode. Und je militärischer, desto besser war es. Folglich greift der Schmied von 1895 auch zu einem Hammer, um ein Schwert auf dem Amboss zu formen. Geformt hatte die Figur der Kölner Bildhauer Wilhelm Albermann.

Rogge vermutet, dass der damals lebende Klingenschmied Karl-Reinhard Voos Vorbild für die Figur Albermanns war. Doch noch vor der Jahrhundertwende hatte die Solinger Bevölkerung jemand ganz anderen im Visier: Sie benannte die Skulptur nach Peter Hahn. Der ist als Gabel- und Messerschmied, aber weniger als Waffenschmied bekannt.

Hahn nahm jedoch am Krieg der Preußen im 18. Jahrhundert teil. Und wurde so stark heroisiert, dass man fast den Eindruck gewinnen kann, er habe direkt an der Seite von Friedrich dem Großen gekämpft. Das hat sich dann verselbstständigt, so dass auch heute noch auf der Büste in der Casino-Gesellschaft Bezug auf Peter Hahn genommen wird.

Auf die Tafel zum Waffenschmied könnte auch ein Zitat des Solinger Kreis-Intelligenzblatts, dem Vorläufer des Solinger Tageblatts, vom 31. August 1895: „Der vom Verschönerungsverein der Stadt geschenkte Zierbrunnen auf dem alten Markt ist fertig und konnte heute Morgen zum ersten Male in Thätigkeit gesetzt werden. Solingen erhält damit eine monumentale Zierde, um die es von mancher anderen Stadt beneidet werden dürfte.“

Vandalismus gab es auch schon 1895. Die Zeitung schreibt bereits am 5. September 1895, dass dem Schmied ein Strohhut aufgesetzt worden sei. Der „laffe Witz“ habe zur Folge, dass Teile des Brunnens leicht beschädigt wurden.

„Solingen erhält eine monumentale Zierde, um die es von mancher anderen Stadt beneidet werden dürfte.“

Solinger Kreis-Intelligenzblatt, 31. August 1895

Der Solinger Heimatforscher, Archivar und Autor für das Solinger Tageblatt, Wilhelm Rosenbaum, schrieb zur Hahn-Geschichte im ST: „Der wackre Schmedt van Solig“, dessen Preußen-Begeisterung und Teilnahme am zweiten Schlesischen Krieg Hedwig Ritter in einem Mundart-Gedicht der „Hangkgeschmedden“ lebhaft feiert, wurde eine Konstante in der Legendenbildung der Klingenstadt. Was von 1900 bis zum Dritten Reich über Peter Hahn publiziert wurde, schrammt somit deutlich an der Realität der Identifikationsfigur vorbei.

2007 nahm die Debatte um Peter Hahn erneut Fahrt auf

Zudem gibt es auch Probleme mit der Figur Hahn selbst. 1794 ist er gestorben, allerdings wird auch 1796 als Sterbejahr genannt. Und wann wurde er geboren? 1720 oder 1722? Das bleibt unklar, so wie man nicht durch den Pulverdampf der Schlachten blicken konnte. Rosenbaum führt dies auf die Art zurück, wie Geburtsregister durch Kirchen geführt wurden (). Launig, wie er meist ist, sagt Solingens Stadtarchivar Ralf Rogge: „Vielleicht hat es Peter Hahn gar nicht gegeben.“

2007 nahm die Debatte um Peter Hahn erneut Fahrt auf. Henryk Dywan, der im vergangenen Jahr gestorbene Solinger Künstler, hatte ein Nachfolgemodell für den Waffenschmied geschaffen. Der gefiel den Solingern nicht. Sie wünschten sich teilweise die alte Brunnenfigur zurück.

Dazu wird es nicht kommen. Der Kopf bleibt in der Casino-Gesellschaft. Und Ilse Michels bleibt die Erinnerung: „Wir haben den Kopf aus dem Schutt genommen.“

Peter Hahn und sein Geburtsjahr

Was liefert für die „alten“ Solinger eigentlich präzise Daten zu Geburt, Taufe, Hochzeit, Todesfall? Die moderne Antwort im 21. Jahrhundert: das Standesamt. Und vorher? Sogenannte Personenstandsfälle – der erste Eintrag wurde für Solingen für das Jahr 1638 überliefert – dokumentierten bis dahin, so hält es Stadtarchivar Ralf Rogge fest, nur die ortsansässigen Religionsgemeinschaften in Kirchenbüchern. Erst mit Napoleon änderte sich das traditionelle Verfahren grundsätzlich. Als die Franzosen 1806 die Herrschaft über das von ihnen so bezeichnete „Großherzogtum Berg“ übernahmen, war ihr bürgerliches Gesetzbuch, der „Code civil“, schnell Gesetz. Die kirchlichen Aufzeichnungen zu Geburten waren davor oft unpräzise und auch nicht vollständig. So gibt es Quellen für das Geburtsjahr von Peter Hahn für das Jahr 1720 und 1722. ST-Leser und Familienforscher G.-Alexander Fülling hat einen Beleg für die Taufe Hahns im Jahr 1716 gefunden. Er nennt als Sterbejahr 1796, andere Quellen datieren dies auf 1794.

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