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Schwangerschaftsabbrüche: Streichung von § 219 a erntet in Solingen Zuspruch

Lara Kolleck, Leiterin der Beratungsstelle Pro Familia. Foto: Christian Beier
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Lara Kolleck, Leiterin der Beratungsstelle Pro Familia.

Die Beratungsstellen begrüßen die Reform, das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche zu kippen.

Von Kristin Dowe

Solingen. Zufrieden stellt Lara Kolleck, Leiterin der Solinger Beratungsstelle Pro Familia, der kürzlich gefasste Beschluss der Bundesregierung noch nicht, das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche endgültig zu kippen. Doch sieht die Sexualpädagogin immerhin einen Etappensieg für ungewollt schwangere Frauen darin, dass diese sich durch den Wegfall von Paragraf 219 a in Zukunft wohl wesentlicher freier über einen möglichen Schwangerschaftsabbruch informieren können. Denn dann haben Ärztinnen und Ärzte keine strafrechtlichen Sanktionen mehr zu befürchten, wenn sie den Eingriff anbieten und offen etwa auf ihrer Internetseite darüber aufklären.

„Die Streichung von § 219 a ist auf jeden Fall ein Fortschritt. Das Ziel muss allerdings sein, Schwangerschaftsabbrüche aus der Tabuzone rauszuholen und den Eingriff vollkommen zu entkriminalisieren. Er gehört generell nicht ins Strafgesetzbuch“, ist Kolleck überzeugt. Dieses Ziel könne erst erreicht werden, wenn auch § 218 abgeschafft wird, der Schwangerschaftsabbrüche weiterhin als Straftat einstuft. Zwar wird eine Abtreibung nicht bestraft, wenn die betroffene Frau sich in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft bei einer anerkannten Beratungsstelle beraten lässt, doch bleibt der eigentliche medizinische Eingriff formal verboten.

„Ein Schwangerschaftsabbruch gehört nicht ins Strafgesetzbuch.“

Lara Kolleck, Pro Familia

Für viele ungewollt schwangere Frauen sei es zudem wichtig, sich frei über die Kosten für einen Abbruch informieren zu können, so Kolleck, da diese nicht von der Krankenkasse übernommen würden. „Der Eingriff kann mit bis zu 600 Euro zu Buche schlagen. Gerade einkommensschwächere Frauen haben die nicht mal eben auf der hohen Kante und sind dadurch weiter in ihrer Entscheidung eingeschränkt.“

Eine Umfrage des Recherchezentrums Correctiv unter 1500 Betroffenen legt zudem nahe, dass die Versorgungslage in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche insgesamt mangelhaft ist. So berichteten die befragten Frauen unter anderem von schwerwiegenden Komplikationen, verweigerten Schmerzmitteln oder fehlender Aufklärung.

Auch Lara Kolleck kann solche Erfahrungen von Klientinnen aus ihrer Beratungspraxis in Solingen bestätigen. „So etwas kommt durchaus vor. Da die Frauen die Beratung gezwungenermaßen in Anspruch nehmen müssen, kommen viele auch aus den umliegenden Städten und Kreisen zu uns. Ich muss aber sagen, dass diese negativen Erfahrungen nicht für die Solinger Praxen gelten, die den Eingriff anbieten und mit denen wir sehr gut zusammenarbeiten.“ Für Solingen seien das neben dem Städtischen Klinikum gerade mal zwei gynäkologische Praxen. „Auch bei uns ist die Versorgungssituation noch ausbaufähig.“ So würden viele Ärztinnen und Ärzte heute kaum noch für den Eingriff ausgebildet.

Positiv sieht auch das Team der Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Städtischen Klinikum die Streichung des Werbeverbots, das sich laut Sprecherin Karin Morawietz der Meinung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe anschließe. In deren Stellungnahme heißt es: „Die Auseinandersetzung des Gesetzgebers mit dem Werbeverbot war längst überfällig. Frauenärztinnen und Frauenärzten muss die medizinische und sachliche Information über die Methoden und Abläufe eines Schwangerschaftsabbruchs möglich sein.“ Im Informationszeitalter sei es zudem überholt, „hilfesuchenden Frauen den direkten Zugang zu diesen Informationen zu erschweren“.

Abseits der ethischen Bedenken, die Ärzte eventuell bei dem Eingriff haben könnten, sieht Dr. Stephan Kochen, Geschäftsführer des Solinger Praxisnetzwerks Solimed, ganz praktische Gründe dafür, dass die medizinische Leistung bei Gynäkologen nicht gerade beliebt ist. „Ein operativer Schwangerschaftsabbruch ist ein aufwendiger Eingriff, der die entsprechenden Geräte und ein hohes Maß an Nachsorge erfordert.“ So müsse unter anderem der Sterilisator einmal im Monat kontrolliert und ein Sicherheitskonzept für Herz-Kreislauf-Zwischenfälle erarbeitet werden. „Das alles bedeutet für die Praxen hohe Hürden.“

Beratung

Coppelstift: Die Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung der Stadt ist im Coppelstift im Haus A (Wupperstraße 80) angesiedelt und montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr sowie nach Vereinbarung geöffnet (Tel. 23 13 48-10).

Pro Familia: Die Beratungsstelle an der Wilhelmstraße 29 ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 12 Uhr sowie dienstags zusätzlich von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Darüber hinaus gibt es in Solingen noch weitere Beratungsstellen.

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