Pandemie

Schulen: Es gibt Zweifel an Schnelltests

In der Regel werden bei Corona-Verdacht klassische PCR-Tests durchgeführt, die ein Labor auswertet. Bei Schnelltests kann das Ergebnis vor Ort innerhalb kurzer Zeit abgelesen werden.
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In der Regel werden bei Corona-Verdacht klassische PCR-Tests durchgeführt, die ein Labor auswertet. Bei Schnelltests kann das Ergebnis vor Ort innerhalb kurzer Zeit abgelesen werden.

Ab Januar sollen Lehrer sich selbst auf Corona testen können. Nicht nur ein Facharzt sieht das kritisch.

Von Anja Kriskofski und Simone Theyßen-Speich

Solingen. Der jüngste Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), dass Lehrer in den Schulen und Erzieher in den Kitas selbst Schnelltests machen können, gilt eigentlich schon seit Freitag. Nach den Weihnachtsferien sollen sie in Nordrhein-Westfalen möglich sein. In den Solinger Einrichtungen ist das aber noch kein großes Thema. „Die Selbst-Schnelltests haben in der jüngsten Schulleiter-Runde noch keine Rolle gespielt“, sagt Peter Wirtz, Leiter der Friedrich-Albert-Lange-Schule.

Vielmehr stehe das Thema Quarantäne ganz oben auf der Schul-Agenda. „Wir hätten gerne Schnelltests, um die Quarantäne-Zeiten zu reduzieren“, so Wirtz. Denn nach wie vor ordne das Solinger Gesundheitsamt in der Regel die Quarantäne von 10 bis 14 Tagen für Mitschüler der Kontaktgruppe I an. Für die vom Robert-Koch-Institut empfohlene mögliche Verkürzung auf fünf Tage fehlten die Tests.

Schuldezernentin Dagmar Becker (Grüne) hatte am Donnerstagabend eine erste Mail des Städtetags zum Thema erhalten: „Hinweise zur Abgabe und Finanzierung dieser Lehrer-Schnelltests gibt es aber noch nicht.“

Solingen: Mediziner sieht die Gefahr falsch negativer Testergebnisse

Auch Sabine Riffi, eine von zwei Sprecherinnen der Grundschulen im Sprecherrat, sieht noch viele Fragezeichen. Angefangen von der Lieferung über Lagerung bis hin zur Schulung. Vor allem gebe es große Bedenken hinsichtlich der Kompetenz. „Spontan sagen viele Kollegen, dass sie nicht dafür ausgebildet seien, medizinische Tests durchzuführen. Wir sind Lehrer.“ Eines stellt Riffi zudem klar: Auf keinen Fall könnten Lehrer Schüler testen. Sie hofft jedoch, dass die Möglichkeit für Lehrer, beim Arzt oder im Testzentrum regelmäßig kostenlos den Abstrich machen zu lassen, weiterhin angeboten wird.

„Wenn man den Schulen ein einfaches, unbürokratisches und vor allem sicheres Verfahren zur Beschaffung ermöglichen würde, wäre das in meinen Augen machbar“, sagt hingegen Jens Merten, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Solingen. Er sieht aber die Gefahr von bürokratischen Hürden und großem Mehraufwand für die Schulen. Dass Lehrer sich selbst testen, um sich sicherer zu fühlen, hält er für durchaus sinnvoll. „Was aber niemals passieren darf, ist, dass Lehrkräfte bei Kindern diese Tests durchführen, selbst nach einer Schulung nicht“, betont Merten. Lehrer dürften nicht einmal Fieber messen oder eine Wunde desinfizieren. Er erinnert daran, dass der VBE seit langem medizinisches Fachpersonal für Schulen fordert.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Solingen begrüße die Möglichkeit des Selbsttests, teilt Dirk Bortmann vom Leitungsteam mit. „Es gibt immer wieder Situationen, in denen es Kontakte mit Infizierten gegeben hat, und dieser Test bietet bei richtiger Anwendung die Möglichkeit der relativen Selbstvergewisserung.“ Natürlich könnten an Schulen Beschäftigte geschult werden. „Ob das sinnvoll ist, können medizinische Fachkräfte deutlich besser bewerten.“

Denn die Tests können Laien nicht ohne weiteres übernehmen. Für die korrekte Durchführung eines Covid-Abstriches seien „dezidierte anatomische Kenntnisse von hoher Relevanz“, betont Prof. Dr. Andreas Sesterhenn, Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde im Klinikum Solingen. Das Stäbchen müsse korrekt bis in den Nasenrachen vorgeschoben werden. „Es ist zu befürchten, dass durch eine unzureichende Abstrichtechnik ein hohes Maß an falsch negativen Abstrichergebnissen generiert wird.“

In der Regel werden bei Corona-Verdacht klassische PCR-Tests durchgeführt, die ein Labor auswertet. Bei Schnelltests kann das Ergebnis vor Ort innerhalb kurzer Zeit abgelesen werden.

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Hintergrund

Beim Corona-Abstrich werden die Rachenhinterwand (hinter dem Zäpfchen) und der Nasenrachen (durch die Nase) abgestrichen, erläutert Prof. Andreas Sesterhenn. Die Hauptviruslast befinde sich im Bereich der Rachenmandel (auch als „Polypen“ bezeichnet), die im Nasenrachen liegt.

Corona-Fallzahlen der Stadt Solingen (wegen Datenübermittlung von RKI-Zahlen abweichend)

Standpunkt: Test ist nichts für Laien

anja.kriskofski@solinger-tageblatt.de

Ein Kommentar von Anja Kriskofski

Das Unangenehme an einem Coronatest ist der Abstrich im Nasenrachen. Dafür wird ein circa 15 Zentimeter langes Wattestäbchen durch die Nase geschoben – gefühlt bis in die Stirnhöhle. Schwer vorstellbar, dass Lehrer morgens vor Unterrichtsbeginn diese Prozedur im Kollegenkreis durchführen. Keine Frage, Corona-Schnelltests machen auch an Schulen und in Kindergärten Sinn. So könnte bei einem Infektionsfall schnell festgestellt werden, ob sich weitere Personen angesteckt haben. Quarantänezeiten könnten verkürzt werden. Doch diese Tests sollten keine medizinischen Laien – und dazu zählen wohl die meisten Lehrer und Erzieher – durchführen, sondern dafür geschulte Fachleute. 

Ein fehlerhaft durchgeführter Abstrich kann zu falschen Ergebnissen und zu einer unentdeckten Weiterverbreitung des Virus führen. Eine Lösung könnten mobile Teams mit medizinisch geschultem Personal sein, die bei Infektionsfällen in Schulen und Kindergärten testen. Sie könnten auch in Pflegeheimen zum Einsatz kommen, wo Schnelltests für die Bewohner, die allesamt Risikopatienten sind, besonders gebraucht werden.

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