Einige Praxen melden schon Aufnahmestopp

Schon bald droht Solingen ein Mangel an Hausärzten

Dr. Hermann Wilke (l.), Dr. Sibylle Mjartan, Dr. Susanne Kreil und Sandra Kühn betreiben gemeinsam das Hausarztzentrum an der Fürker Straße als gleichberechtigte Gesellschafter. Mjartan und Kühn haben ihre Weiterbildungen zur Fachärztin für Allgemeinmedizin dort absolviert. Foto: Michael Schütz
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Dr. Hermann Wilke (l.), Dr. Sibylle Mjartan, Dr. Susanne Kreil und Sandra Kühn betreiben gemeinsam das Hausarztzentrum an der Fürker Straße als gleichberechtigte Gesellschafter. Mjartan und Kühn haben ihre Weiterbildungen zur Fachärztin für Allgemeinmedizin dort absolviert.

Die Klingenstadt wird sich zeitnah mit einem Hausärzte-Mangel konfrontiert sehen, sofern nicht rechtzeitig gegengesteuert wird.

Von Björn Boch

Solingen. Bereits heute gibt es in einigen Praxen einen Aufnahmestopp – Patientinnen und Patienten mit akutem Behandlungsbedarf würden zwar stets versorgt, aber könnten eben nicht dauerhaft in der Praxis aufgenommen werden, berichten mehrere Solinger Hausärzte übereinstimmend.

In Solingen waren zuletzt nur vier hausärztliche Zulassungen frei, der Versorgungsgrad betrage noch rund 96 Prozent, teilte die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) auf Tageblatt-Anfrage mit. Die Prognose sieht aber düster aus: „Der prognostizierte Versorgungsgrad in den bergischen Großstädten Solingen, Wuppertal, Remscheid liegt für das Jahr 2030 zwischen 81 und 82 Prozent“, heißt es aus dem Landesgesundheitsministerium.

Unterversorgt sei ein Bereich zwar erst, wenn der Versorgungsgrad unter 75 Prozent liege. Dennoch ist Solingen bereits seit 2018 Fördergebiet des Strukturfonds der KVNO. Der fördert „zur Stabilisierung und Verbesserung der ambulanten Versorgung“ die Niederlassung eines Hausarztes mit bis zu 70 000 Euro. „Beim Strukturfonds wurden in Solingen von 2018 bis heute neun Hausärzte gefördert. Zuletzt waren in Solingen noch drei Sitze förderfähig“, so die KVNO.

„Es sind keine Zeiten, in denen man junge Kollegen für eine Tätigkeit als Hausarzt begeistern kann.“

Dr. Susanne Kreil

Im Januar soll die Liste der Fördergebiete und förderfähigen Sitze neu veröffentlicht werden. Die Klingenstadt dürfte erneut dabei sein: Allein bis 2026 erreichen 44 Solinger Hausärzte das Rentenalter, hatte Dr. Stephan Kochen, Geschäftsführer des Ärztenetzwerks Solimed, im Dezember im Sozialausschuss erklärt.

Auch aktuell ist die Lage – besonders aufgrund der Pandemie – angespannt. „Die Versorgung der Coronapatienten – und die Organisation und Durchführung der Impfsprechstunde – haben die Praxiszeiten lang und länger werden lassen“, berichtet Dr. Susanne Kreil, die mit Dr. Hermann Wilke, Dr. Sibylle Mjartan und Sandra Kühn das Hausarztzentrum Fürker Straße betreibt. „Uns erreichen so viele Anrufe, dass die telefonische Erreichbarkeit schwierig ist. Es sind keine Zeiten, in denen man junge Kollegen für eine Tätigkeit als Hausarzt begeistern kann.“

44 Solinger Hausärzte erreichen bis 2026 das Rentenalter

Zwar sei das Arztteam überzeugt, dass Hausarzt immer noch einer der schönsten Berufe der Welt ist. „Jedoch haben wir durch stetig zunehmende Bürokratie und Auflagen, zum Beispiel bei der Umstellung auf E-Rezepte und elektronische Patientenakten, noch sehr viele Dinge neben den Sprechstunden abzuarbeiten “, so Kreil.

Susanne Kreils Ehemann Hermann Wilke möchte mit 67 Jahren allmählich gerne kürzertreten, kann das aber nicht: Es gibt zu viele Patienten. Ohne die Erweiterung des Arztteams wäre die Arbeit nicht mehr zu stemmen gewesen: „Zwei junge Kolleginnen, die in unserer Praxis vor Jahren die Weiterbildung gemacht haben, sind heute unsere Praxispartnerinnen“, berichtet Kreil. Sandra Kühn ist 2021 als Fachärztin eingestiegen, Sibylle Mjartan bereits 2015.

Neben den Bemühungen, den Beruf für junge Medizinstudierende durch Ausbildung in den Praxen wieder attraktiv zu machen, sieht Kreil auch eine Chance darin, Ärztinnen und Ärzte aus anderen Bereichen zu Allgemeinmedizinern weiterzubilden: „Es gibt Fachärzte, die in Kliniken arbeiten und über einen Wechsel in den ambulanten Sektor nachdenken.“ Für Kollegen, die als Oberärzte in Kliniken gearbeitet haben, bedeute es jedoch einen finanziellen Rückschritt, wenn sie als Weiterbildungsassistent in einer Hausarztpraxis arbeiteten.

Auch scheuten sich viele Kollegen vor dem wirtschaftlichen Risiko, eine Praxis mit hohen Krediten als selbstständige Unternehmer zu kaufen – sie blieben lieber angestellt. Obwohl es gute Fördermöglichkeiten gebe, meldeten sich kaum Interessenten.

Mit einem Oberarzt aus der Anästhesie einer großen Klinik führe das Arztteam gerade Gespräche über einen Wechsel zu den Hausärzten. Er müsste im Bereich der Ärztekammer Nordrhein aber neben der Weiterbildung in der Hausarztpraxis noch ein Assistentenjahr in der stationären Inneren Medizin absolvieren, was für ihn ein K.-o.-Kriterium wäre.

Andere Kammern wie Hessen oder Rheinland Pfalz würden einen Facharzt für Anästhesie mit langjähriger Erfahrung sofort die allgemeinmedizinische Weiterbildung mit direkt folgender Facharztprüfung anbieten, erklärt Susanne Kreil. „Weil andere Kammern hier pragmatischer handeln, individueller Eignungen prüfen und mehr auf Quereinsteiger zugehen, könnte ein fähiger und interessierter Kollege für die Versorgung in Solingen verlorengehen.“

Hintergrund

Gehalt: Die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) fördert die Gehälter von künftigen Hausärzten in der Ausbildung mit bis zu 5000 Euro. In Gemeinden mit bis zu 40 000 Einwohnern ist eine monatliche Vergütung in Höhe von bis zu 9000 Euro möglich.

Niederlassung: Bei der Fördermaßnahme „Gewährung eines Investitionskostenzuschusses“ kann der Arzt für Investitionen eine Fördersumme von 70.000 Euro bei einer Niederlassung oder Anstellung in einem Fördergebiet erhalten.

Mangel: NRW-weit scheiden laut Gesundheitsministerium bis 2030 mehr als 6000 Hausärztinnen und Hausärzte aus. Stand jetzt werden aber nur knapp 4000 neue dazukommen.

Standpunkt: Eine Mammutaufgabe

Kommentar von Björn Boch

bjoern.boch@ solinger-tageblatt.de

Das Hausarztzentrum an der Fürker Straße zeigt die Probleme wie unter dem Brennglas: Schon heute fehlt es an Hausärzten, ältere Medizinerinnen und Mediziner verschieben ihren Ruhestand, Praxen haben einen Aufnahmestopp. Auch wenn die Lage noch nicht dramatisch ist: Wird jetzt nichts getan, wird es in einigen Jahren dramatisch werden. Das ist die klare Diagnose. Das Hausarztzentrum zeigt noch etwas anderes: Selbst Nachwuchs auszubilden ist eine Lösung. Das alleine wird allerdings nicht ausreichen. Offenbar ist der Beruf des Hausarztes, dem so viel Verantwortung für das gesamte medizinische System zukommt, nicht mehr attraktiv genug. Da das Gesundheitswesen hoch reguliert ist, wird es weitere finanzielle Anreize ebenso geben müssen wie organisatorische Unterstützung oder Sicherheiten, die Nachfolgern die Gründung oder Übernahme einer Praxis erleichtern. Auch im Studium steht die Allgemeinmedizin kaum im Fokus, zu wenige Studierende entscheiden sich derzeit für eine Weiterbildung in der Allgemeinmedizin. Das zu ändern, wird eine Mammutaufgabe für alle Beteiligten.

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