Geburtstag

Schachweltmeister Boris Spasski feierte seinen 80. Geburtstag

Im März 2009 konnte Herbert Scheidt (links) Boris Spasski bei der Eröffnung des Schachzentrums der Solinger Schachgesellschaft begrüßen. Der Ex-Weltmeister spielte für den Verein in der Bundesliga. Archivfoto: Uli Preuss
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Im März 2009 konnte Herbert Scheidt (links) Boris Spasski bei der Eröffnung des Schachzentrums der Solinger Schachgesellschaft begrüßen. Der Ex-Weltmeister spielte für den Verein in der Bundesliga.

Vor 30 Jahre führte er die Solinger Schachgesellschaft von Erfolg zu Erfolg. Er lebt in Moskau.

Von Joachim Dangelmeyer

Zur Eröffnung des Schachzentrums der Schachgesellschaft im Jahr 2009 war Boris Spasski letzmalig in Solingen. Der frühere Bundesliga-Spieler des Vereins war umringt von Fans. Er selbst ist Solingen bis heute verbunden und feierte am 30. Januar seinen 80. Geburtstag in Moskau. Die Geschichte, warum er für Solingen spielte, ist dabei aus sportlicher und persönlicher Sicht tragisch.

Läufer von e6 nach d7 – mit seinem 41. Zug in der 21. Partie ahnte Schachweltmeister Boris Spasski, dass er seinen Titel wohl wird abgeben müssen. Es war der 31. August 1972: Die Welt blickte gebannt nach Reykjavík. In der isländischen Hauptstadt fand auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges der als „Match des Jahrhunderts“ bezeichnete Zweikampf zwischen dem 35 Jahre alten Russen Boris Spasski und seinem amerikanischen Herausforderer Bobby Fischer (29) um die Krone im Schach statt. Spasski, seit 1969 amtierender Weltmeister, brach das Spiel als Hängepartie ab, am Tag darauf gab er das seit Wochen andauernde, von Psychospielchen geprägte Duell am Schachbrett auf: Fischer war als erster US-Amerikaner Weltmeister.

Spasski kam erstmals 1972 zum „100 000 DM Turnier“ nach Solingen

Spasski Niederlage ebnete aber praktisch seinen Weg nach Solingen. Er verlor seine privilegierte Stellung in der Heimat, obwohl er im folgenden Jahr wieder UdSSR-Meister wurde. Zwei Jahre später gelang dem Solinger Unternehmer und damaligen Vorsitzenden der SG 1868, Egon Evertz, ein besonderer Coup: Zur 600-Jahr-Feier der Stadt Solingen stellte er ein hochkarätiges Großmeisterturnier auf die Beine, zu dem auch Boris Spasski anreisen durfte – nach tagelangem hochpolitischem Gezerre. Der Beiname des Wettkampfes, „100 000 DM Turnier“, machte klar, dass Evertz, selbst leidenschaftlicher Schachspieler, für den russischen Star tief in die Tasche gegriffen hatte.

Der Amerikaner Bobby Fischer (l.) und der Russe Boris Spasski treten 1972 in Island im Schachspiel des Jahrhunderts gegeneinander an.

1975 emigrierte Spasski nach Paris. Dort nahm der Solinger Herbert Scheidt Kontakt zu ihm auf. 1980 gelang es Scheidt, der noch heute als Teamchef die Bundesligamannschaft der Schachgesellschaft Solingen leitet, den Ex-Weltmeister für die „SG 1868“ zu verpflichten. Möglich war dies nur durch das großzügige Mäzenatentum von Egon Evertz.

Boris Spasski feierte am 30. Januar seinen 80. Geburtstag. Seit drei Jahren lebt er wieder in Moskau. Nach einem Schlaganfall ist er an den Rollstuhl gefesselt. Geistig ist er noch voll auf der Höhe, was er in einem großen Interview mit einer Moskauer Tageszeitung anlässlich seines runden Geburtstags bewies.

„Spasski war ein Pfundskerl, eine absolute Bereicherung“, erinnert sich Scheidt. Und so gewannen die Solinger passgenau zum Start der eingleisigen Bundesliga sofort die Deutsche Meisterschaft, weitere folgten. Rund zehn Jahre lang spielte der Ex-Weltmeister in der Klingenstadt. Alle vier Wochen fuhr Spasski mit dem Zug aus Paris ins Bergische. „Er gehörte wirklich zu den besten, dabei hatte er keinerlei Allüren“, sagt Scheidt rückblickend.

Natürlich hatte Spasski auch Marotten. Scheidt: „Er kam immer mit seinem Tennisschläger nach Solingen.“ Für das Spielen mit dem Filzball hatte der Ex-Weltmeister hin und wieder auch das Spiel am Schachbrett etwas vernachlässigt. „Aber wenn es mal enger wurde, dann hat er immer gewonnen“, sagt Scheidt. Der heutige Vereinsvorsitzende Oliver Kniest hat als Jugendlicher Mitte der 1980er-Jahre Boris Spasski in Solingen erlebt und war von ihm tief beeindruckt. „Es umgab ihn eine gewisse Aura – er war ein richtiger Gentleman-Spieler.“ Gleichwohl hatte er den Eindruck, dass Spasski nach dem Verlust des Weltmeistertitels auch den „letzten verbissenen Ehrgeiz“ verloren hatte.

Spasski gab ein Partie früh Remis, weil er noch Tennis spielen wollte

So einmal beim Europapokal in Solingen Mitte der 1980er-Jahre. „Spasski hatte die weißen Figuren, war also im Vorteil, und spielte gegen einen deutlich schwächeren Gegner. Trotzdem beendete er das Spiel nach 20 Zügen mit einem Remis – weil er noch Tennis spielen wollte“, erinnert sich Kniest. Den Rückkampf am nächsten Tag habe Spasski dann souverän gewonnen. „Er war für uns eigentlich immer eine sichere Bank“, sagt Kniest.

Damals spielten nur zwei Ausländer im Solinger Team, alle übrigen waren Amateure, die im Alltag noch ihrem Beruf nachgingen. Heute seien die Schachteam „ein Sammelsurium von Spitzenleuten.“ Die aktuelle Meistermannschaft – Solingen hat sich im vergangenen Jahr erneut den Titel geholt – bestehe nur aus Profis, „davon kommt keiner aus Solingen – ähnlich wie im Profi-Tennis.“

Allerdings geht es beim königlichen Spiel um andere Summen. Von Prämien wie im Spitzentennis wagen die Schachprofis nicht einmal zu träumen. „Unser Gesamtetat ist gerade noch fünfstellig“, sagt Kniest. Doch Spitzenspieler zu holen und zu halten, gehe nur mit Mäzenatentum und Sponsoren. Momentan zählt die Solinger Maschinenbaufirma Forst mit ihrem Geschäftsführer Michael Kölker zu den größten Förderer der Schachgesellschaft.

Auch nach seiner aktiven Zeit blieb Spasski den Solingern verbunden. Und mit Egon Evertz verbindet ihn nach wie vor eine herzliche Freundschaft. 

BORIS SPASSKI

WERDEGANG Erlernt hat der im Januar 1937 geborene Boris Spasski das „Spiel der Könige“ in einem Leningrader Waisenhaus, wo er nach der Trennung seiner Eltern aufwuchs. Mit zehn Jahren macht er durch einen Sieg über Weltmeister Botwinnik bei einem Simultanspiel auf sich aufmerksam. 1955 verleiht der Weltschachbund dem 18-Jährigen den Titel eines Großmeisters. Sein erstes Weltmeisterschaftsduell gegen Titelverteidiger Petrosjan verliert Spasski 1966 knapp. Drei Jahre später kann er den russischen Landsmann dann bezwingen und geht als zehnter Weltmeister in die Schach-Annalen ein.

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