Andacht im ST

„Rufer“ oder „schräger Typ“? Auf wen wir hören müssen

Michael Mohr ist als Stadtdechant auch für die Pfarreingemeinschaften St. Johannes der Täufer und St. Clemens zuständig. Fotos: Christian Beier
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Michael Mohr ist als Stadtdechant auch für die Pfarreingemeinschaften St. Johannes der Täufer und St. Clemens zuständig.

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute Stadtdechant Michael Mohr.

Liebe Leserinnen, Liebe Leser,

Er trug ein Gewand aus Kamelhaaren und lebte von Heuschrecken und wildem Honig. Das ist eine Kombination, die zumindest etwas schräg klingt. Unter Leuten, die Kamelhaarmantel tragen, stelle ich mir wohlhabendere Menschen vor, die sich feine Kleidung leisten können und wollen. Und wer sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt, der ist entweder ziemlich alternativ und hip unterwegs oder er muss einfach das nehmen, was da ist, um wenigstens satt zu werden. Beides zusammen funktioniert nicht so richtig, finde ich.

Stadtdechant Michael Mohr.

Aber in der Bibel wird Johannes der Täufer genau so beschrieben: Als einer, der sich in die Wüste zurückzog und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährte. Angezogen mit einem Gewand aus Kamelhaaren. Schon auf den ersten Blick also ein seltsamer Mensch.

Aber weder Kleidungs- noch Essensgewohnheiten sind das Ungewöhnlichste an diesem Menschen. Er war der, der allen Menschen damals ins Gewissen geredet hat; und das hat er so intensiv getan, dass er der „Rufer in der Wüste“ genannt wurde. Der, zu dem „ganz Jerusalem“ hinausgezogen ist, um sich sagen zu lassen: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. Ein schräger Typ? Ein Spinner? Mit Sicherheit haben etliche Menschen so von ihm gedacht. Aber viele haben gespürt: Das, was Johannes da sagt, das ist wahr. Und es betrifft auch mich. Da spricht kein frommer Spinner, kein schräger Typ, sondern jemand, der mir den Weg zu Gott weisen will.

Am zweiten Advent geht es im Evangelium um Johannes, den Rufer in der Wüste. Ich frage mich, ob Johannes für mich überhaupt irgendwie relevant ist oder ob er vielleicht doch nur der schräge Typ und fromme Spinner ist, nach dem es sich ein bisschen anhört.

Wenn ich mich umschaue in der Gesellschaft und in den Medien, dann begegnen mir viele „Rufer“. Nicht nur in Corona-Zeiten (aber zurzeit vielleicht ein paar mehr als sonst). Und einige davon scheinen sich sogar für Propheten zu halten. Wie geht es Ihnen, wenn Sie die täglichen Warnungen von den Rufern und Propheten, von den Virologen, Epidemiologen und Politikern lesen? Die Meldungen, dass auch in unserer Stadt immer wieder Menschen an Corona sterben? Wie geht es Ihnen, wenn Sie Berichte über „schräge Typen“, also Querdenker oder Impfverweigerer hören und lesen? Ist Ihnen all das wichtig? Oder regen Sie sich schon gar nicht mehr auf, weil Sie das schon lange kennen und, ehrlich gesagt, nicht mehr hören mögen?

Mir fällt es schwer, jeden Tag wirklich für alle Warnungen von den Rufern und Propheten aufmerksam zu sein.

Mir fällt es schwer, jeden Tag wirklich für all das aufmerksam zu sein. Aber wichtig ist mir, gut zu unterscheiden, wer „Rufer in der Wüste“ und wer wirklich nur „schräger Typ“ ist. Denn die einen können mir helfen, meine Meinung zu bilden und mir bewusst zu werden, wie die Lage einzuschätzen ist. Und die anderen rauben mir nur Energie und Zeit, bringen mich aber nicht weiter.

Das gilt, wie gesagt, nicht nur für die Pandemie, sondern auch sonst. Und im Glauben sowieso: Welche Menschen sind „Rufer“ und welche nur „schräge Typen“? Sich diese Frage zu stellen ist wichtig. Nicht, um Menschen auszugrenzen. Sondern um besser zu erkennen, wie die Lage wirklich ist und um den Weg, der vor mir liegt, besser zu sehen - auch in dieser zweiten Adventswoche.

Ihr Pfarrer Michael Mohr

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