Montagsinterview

Interview: Klimaneutrale Veranstaltungen - geht das wirklich?

Lasse Lemm, Neue Effizienz gGmbH, über klimaneutrale Veranstaltungen.
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Lasse Lemm, Neue Effizienz gGmbH, über klimaneutrale Veranstaltungen.

Solingen will Veranstaltungen klimaneutral durchführen. Lasse Lemm von der Neue Effizienz gGmbH erklärt, wie das gehen soll. Und stellt auch den CO2-Ausstoß von Videokonferenzen vor.

Von Renate Bernhard

Mit welchem Verkehrsmittel man angereist ist und wie viele Kilometer man zurückgelegt hat – solche Fragen stellte die Stadt beim Auftakt der zwölften Ökoprofit-Runde. Nicht ohne Grund. Solingen will zeigen: Es ist möglich, klimaneutrale Veranstaltungen durchzuführen. So wurde jetzt der CO2-Verbrauch der Veranstaltung errechnet und eine Kompensationszahlung ermittelt. Wie das geht, erklärt Lasse Lemm von der Neue Effizienz gGmbH.

Herr Lemm, Sie sind Ökoprofit-Lenkungskreisvorsitzender. Wie plant man klimaneutrale Veranstaltungen?
Lasse Lemm: Nicht nur die Betriebe setzen sich im Rahmen von Ökoprofit damit auseinander, wie sie nachhaltiger wirtschaften können. Auch wir vom Lenkungsteam möchten mit gutem Beispiel vorangehen.
Wirklich CO2-neutrale Veranstaltungen sind in unserer aktuellen Welt (noch) nicht möglich, CO2 zu reduzieren aber sehr wohl. Und dann gibt es die Möglichkeit, den unvermeidbaren Rest zu kompensieren. Sparen kann man schon in der Vorbereitung, indem man die Papierflut eindämmt, etwa durch die Wahl von Recyclingpapier, doppelseitigem Druck, indem man insgesamt weniger Papier ausgibt und ungenutztes wieder zurücknimmt. Dann der Veranstaltungsort: Wird dort Strom und Wärme aus regenerativen Quellen genutzt? Haben die Zulieferer kurze Wege?
Auch sowas verbessert die CO2-Bilanz einer Veranstaltung. Die passende Raumgröße beeinflusst die anfallenden Heizkosten. Die kann man zusätzlich reduzieren, indem man nicht höher als 20 Grad heizt. Man kann Deko, Technik und Geschirr leihen statt kaufen, energieeffiziente Geräte verwenden und diese, wenn nicht benötigt, ausschalten.
Man kann darauf achten, möglichst wenig Abfall zu produzieren, also das Catering so planen, dass möglichst wenig übrig bleibt. Und der Müll, der dann noch entsteht, den kann man ordentlich trennen. Das Bundesumweltamt hat 2017 einen Leitfaden für die nachhaltige Organisation von Veranstaltungen herausgegeben – mit vielen Tipps.

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Wie kann ein Veranstalter zu einer CO2-sparenden Anreise beitragen?
Lemm: Ein zentral liegender Veranstaltungsort, der gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist, kann möglichst vielen Teilnehmenden ermöglichen, zu Fuß, mit Fahrrad oder ÖPNV anzureisen.
Eine Mitfahrbörse hat sozial förderliche Aspekte. Hier kann aber der Datenschutz im Weg stehen.
Das Bundesumweltamt empfiehlt bei Veranstaltungen, die Shuttle-Busse brauchen, zu überlegen, mit welchem Antrieb die Busse fahren und auch über die Möglichkeit von Leihfahrrädern nachzudenken.
Wie errechnet man den CO2-Verbrauch einer Veranstaltung?
Lemm: Nutzen kann man zum Beispiel den CO2-Rechner vom Bundesumweltamt, der von der KlimAktiv gGmbH entwickelt wurde und kostenlos zur Verfügung steht. Bei der Errechnung wird der Veranstaltungsort betrachtet, der Stromverbrauch der verwendeten technischen Geräte, Art und Weise der Anreise der Teilnehmenden, die Unterlagen, die sie bekommen, die Mahlzeiten, Herkunft und Zubereitungsweise der Speisen und Getränke, die Übernachtungen.
Der Sinn liegt vor allem darin, die großen CO2-Emittenten aufzudecken. Ziel sollte in erster Linie die Vermeidung von CO2 sein. Die Betrachtung unserer Ökoprofit-Veranstaltung ergab: Der Veranstaltungsort, 300 Quadratmeter groß und mit einer Luftwärmepumpe beheizt, schlug mit nur 5 Prozent zu Buche.
Der vegetarische Imbiss machte 47 Prozent des CO2-Verbrauchs aus, die Anreise 48 Prozent. Von den 110 Teilnehmern hatten 100 die Fragen zur Anreise beantwortet. Davon kamen 76 in 52 Pkw an, legten zusammen 1050 Kilometer zurück. Zehn kamen in sieben E-Autos, zehn zu Fuß, mit Rad oder E-Scooter und nur vier Besucher kamen mit dem ÖPNV.
Und für das, was man nicht vermeiden kann, wie rechnet man da die Kompensationszahlung aus?
Lemm: Auch da hilft das Programm des Umweltbundesamtes. Für den Ökoprofit-Auftakt hatten wir einen Verbrauch von 188 Kilogramm CO2 für die Anreise, 21 für den Veranstaltungsort und 182 für den Imbiss. Also sind 391 Kilogramm CO2 zu kompensieren.
Bei allen Werten unter einer Tonne wird die volle Tonne angerechnet und die kostet zurzeit 25 Euro. Im Lenkungskreisteam werden wir die Art und Weise der Kompensation noch klären. Es ist wichtig, einen guten Standard zu wählen. Wir werden Gold nehmen und dabei einen räumlichen Bezug zum bergischen Städtedreieck suchen.
Wie häufig werden solche Kompensationszahlungen gemacht?
Lemm: Das Bewusstsein dafür fängt gerade erst an. Wenn alle beginnen würden, Veranstaltungen nachhaltiger und umweltschonender zu organisieren, wäre schon viel gewonnen.
Dazu gehört auch Kommunikation zur Bildung von nachhaltigem Bewusstsein der Gäste, Ermunterung mit öffentlichem Verkehr anzureisen, etwa durch entsprechende Hinweise in der Anfahrtsbeschreibung und die Bitte, gegebenenfalls frühzeitig abzusagen und so beizutragen, dass Tagungsunterlagen und Catering in der richtigen Zahl vorbereitet werden und nichts ungenutzt weggeworfen werden muss.
Mit der Corona-Pandemie haben sich Videokonferenzen rasant verbreitet. Macht es zur CO2-Ersparnis Sinn, Videokonferenzen statt Live-Veranstaltungen zu machen?
Lemm: Eine Stunde Videokonferenz führt pro Teilnehmer zu einem Verbrauch von 2,27 Gramm CO2. Dazu kommen noch die Kosten für die jeweils genutzten Computer. Das ist also deutlich geringer als eine reale Veranstaltung, weil weder Anreise noch Catering anfallen. Die Veranstaltung wäre dann aber komplett anders.
Nachhaltigkeit hat verschiedene Dimensionen: ökologisch, ökonomisch und sozial. Nicht alles ist mit einer Videokonferenz machbar. Die sozialen Verbindungen im lebendigen Kontakt sind auch wichtig. Es hängt von Ziel und Zweck ab und davon, wie weit die Teilnehmenden anreisen müssen.

Ökoprofit

Ökoprofit ist ein bundesweites Projekt, im bergischen Städtedreieck seit 2001 etabliert. Ziel ist die nachhaltige ökologische und ökonomische Weiterentwicklung von Unternehmen. Mehr als 100 Betriebe der Region haben sich bislang zertifizieren lassen. Weitere sind willkommen. Kontakt: lemm@neue-effizienz.de.

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