Arbeitsmarkt

Rekord: 40 Prozent der Beschäftigten in Solingen sind in Kurzarbeit

Drittel der Beschäftigten in Solingen ist in Kurzarbeit
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Die Corona-Pandemie zeigt deutliche Wirkung auf den Solinger Arbeitsmarkt.

Die Corona-Pandemie zeigt im April auch deutliche Wirkung auf dem Solinger Arbeitsmarkt.

  • Bis zum 26. April haben 5233 Betriebe für 79.707 Personen, ein Drittel aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer, konjunkturbedingte Kurzarbeit angezeigt.
  • Arbeitsgeberpräsident Horst Gabriel sieht düstere Wolken am Arbeitsmarkthimmel und der Konjunktur in Solingen.
  • Stadt Solingen will wirtschaftliche Not von Kurzarbeitern oder Entlassen sofort bekämpfen.

Von Philipp Müller

Solingen. Die Corona-Pandemie zeigt im April deutliche Wirkung auf dem Solinger Arbeitsmarkt. Wie die Bundesagentur für Arbeit Solingen-Wuppertal am Donnerstag bekannt gab, liegen im Bereich der Kurzarbeit die Zahlen auf Rekordniveau: „In Solingen haben nach vorläufigen Auswertungen bis zum 26. April mehr als 1400 Betriebe für knapp 21 000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Kurzarbeit angezeigt.

Dies entspricht einem Anteil von 36 Prozent aller Solinger Betriebe und knapp 40 Prozent aller Solinger Arbeitnehmer. “ Anders als in früheren Krisen, etwa der Finanzkrise 2009, seien jetzt alle Branchen betroffen. Manche Wirtschaftsbereiche würden vollständig stillstehen wie das Gastronomiegewerbe. Eine weitere Besonderheit sei, dass jetzt sehr viele kleine Betriebe Kurzarbeit angezeigt hätten.

Bei der Arbeitslosigkeit stieg der Bestand an Arbeitslosen gegenüber dem Vorjahresmonat um 9,4 Prozent auf 6821 Betroffene. Die Arbeitslosenquote liegt im April bei 7,8 Prozent in Solingen. Vor einem Jahr lag sie bei 7,2 Prozent.

„Die Zahl der Kurzarbeiter wird drastisch steigen.“
Horst Gabriel, Arbeitgeberpräsident

Der starke Anstieg der Kurzarbeit trifft auf eine eigentlich gesunde Solinger Firmenstruktur. Doch der Solinger Arbeitgeberpräsident Horst Gabriel sagt auch: „Die Zeiten treffen auch die robusten Firmen – speziell in den konsumnahen Bereichen wie der Schneidwarenindustrie. Besonders aber bei der Automobil-Zulieferindustrie sind aufgrund der Schließungen der Kaufhäuser oder Autofirmen die Umsätze teilweise auf Null eingebrochen. Das hält keiner durch.“

Die Lage in den Unternehmen und den Einsatz der Kurzarbeit erklärt Gabriel so: „Beantragt haben inzwischen fast alle Unternehmen die Kurzarbeit. Eingeführt wird sie aber erst jetzt, so dass die Zahl der Kurzarbeiter noch drastisch steigen wird. Aber eins ist wichtig: Wer kurzarbeitet, ist noch nicht entlassen. Wir versuchen mit allen Mitteln, unsere Mitarbeiter zu halten, damit wir nach Corona wieder mit Vollgas loslegen können.“

Dazu sei das Instrument der Kurzarbeit gut geeignet, sagt Martin Klebe, Chef der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal. Natürlich seien die Zahlen „auf den ersten Blick schon erschreckend“. Doch der geöffnete Einzelhandel und das Hochfahren von Teilen der Industrieproduktion deuteten auf erste Erholungen hin.

Längere Phasen der Kurzarbeit können besonders im Niedriglohnsektor dazu führen, dass die betroffenen Arbeitnehmer Aufstockungen nach ALG II, „Hartz IV“, beantragen müssen. Die Stadt, die das dafür zuständige Kommunale Jobcenter verantwortet, erklärt dazu, dass sie auf diese Situation vorbereitet sei.

Stadtsprecherin Stefanie Mergehenn erläutert dazu grundsätzlich: „Die Grundsicherung für Arbeitssuchende, das Arbeitslosengeld II, sichert den Lebensunterhalt, wenn keine vorrangigen Hilfen greifen. Auf diese Leistungen kann aufgrund neuer gesetzlicher Regelungen, da ist das Sozialschutzpaket zu nennen, derzeit schnell und unbürokratisch zugegriffen werden.“

Das kommunale Jobcenter beobachte in den letzten drei Wochen noch einen moderaten Anstieg der Antragszahlen. Doch das Amt rechnet mit deutlich steigenden Zahlen als Folge der Pandemie-Auswirkungen. „Es soll niemand aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Krise in existenzielle Not geraten“, betont dazu die kommissarische Leiterin des Kommunalen Jobcenters, Kristin Degener.

Solingens DGB-Chef Peter Horn erklärt: „Viele erhalten erst jetzt ihre Lohnabrechnungen und stellen fest, was wirklich fehlt und stellen dann Anträge.“ Daher sei der Gewerkschaftsbund im Gespräch mit der Landesregierung in Düsseldorf, damit das Land NRW vom ersten Tag der Kurzarbeit an aus Landesmitteln das erhöhte Kurzarbeitergeld von 80 beziehungsweise 87 Prozent sicherstellt.

Standpunkt: Zusammenhalt ist wichtig

Von Philipp Müller

Das Wort „Historisch“ sollte man nur ganz selten in den Mund nehmen. Aber es ist jetzt richtig. Denn zwei Fünftel aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer sind in Kurzarbeit.

Da sind die vielen Solo-Selbstständigen noch gar nicht eingerechnet. Und auch nicht die Selbstständigen, die durch Schließungen aufgrund der Corona-Schutzverordnung keine Einnahmen oder ganz wenige haben. Das trifft Teile des Handwerks und die Gastronomie in voller Breite. Auch Honorarkräfte in der Bildung sind betroffen, von den Profi-Künstlern nicht zu reden. 

Am Freitag ist der „Tag der Arbeit“. Die Appelle fielen überall dramatisch aus. Aber natürlich gibt es auch gute Signale. Wenn Solingens Arbeitgeberpräsident Horst Gabriel davon spricht, man wolle „mit allen Mitteln“ versuchen, die Arbeitnehmer zu halten, dann ist dies das richtige Signal. Es legt Zeugnis dafür ab, dass die am 1. Mai oft beschworene Solidarität tief in der Solinger Gesellschaft verwurzelt ist. Das hatte sich zu Beginn der Krise bereits im sozialen Bereich und viel ehrenamtlichen Engagement dargestellt. Es bleibt zu hoffen, dass Solidarität gegen das Virus am Ende auch hilft. 

Artikel von 10.43 Uhr

Von Philipp Müller

Solingen. Heute Morgen gab die Bundesagentur für Arbeit Solingen-Wuppertal die Entwicklungen für den abgelaufenen Monat bekannt. Gerade im Bereich der Kurzarbeit sei die Entwicklung auf Rekordniveau. So erklärt die Agentur mit Sitz in Wuppertal: "Bis zum 26. April haben 5233 Betriebe für 79.707 Personen konjunkturbedingte Kurzarbeit angezeigt, das sind rund 35 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten." 

In Solingen haben nach vorläufigen Auswertungen bis zum 26. April 2020 über 1400 Betriebe für knapp 21.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Kurzarbeit angezeigt. Dies entspricht einem Anteil von 36 Prozent aller Solinger Betriebe und knapp 40 Prozent aller Solinger Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Solingen: Alle Branchen sind betroffen

Anders als in früheren Krisen, etwa die Finanzkrise 2009, seien dieses Mal alle Branchen betroffen, erklärt die Agentur. Manche Wirtschaftsbereiche würden vollständig stillstehen wie das Gaststätten- und Hotelgewerbe. Eine weitere Besonderheit sei, dass dieses Mal sehr viele kleine Betriebe Kurzarbeit angezeigt haben.

Vergleichsweise günstig sei die Veränderung der Arbeitslosigkeit in Solingen: Dort stieg der Bestand an Arbeitslosen gegenüber dem Vorjahresmonat um 9,4 Prozent. Die Arbeitslosenquote liegt im April bei 7,4 Prozent.

Die Arbeitsmarktzahlen und der starke Anstieg der Kurzarbeit, der im April nochmals eine Steigerung erfahren wird, trifft auf eine eigentlich sehr gesunde Solinger Firmenstruktur. Doch der Solinger Arbeitgeberpräsident Horst Gabriel sagt auch: "Die Zeiten helfen auch den robusten Firmen nicht - speziell in den konsumnahen Bereichen wie der Schneidwarenindustrie, besonders aber bei der Automobil-Zulieferindustrie sind aufgrund der Schließungen der Kaufhäuser oder Autofirmen die Umsätze teilweise auf 0 abgebrochen. Das hält keiner durch." Zur Lage in den Unternehmen und dem Einsatz der Kurzarbeit erklärt Gabriel: "Beantragt haben inzwischen fast alle Unternehmen die Kurzarbeit. Eingeführt wird aber erst jetzt, so dass die Zahl der Kurzarbeiter noch drastisch steigen wird. Aber eins ist wichtig: Wer kurzarbeitet ist noch nicht entlassen. Das heißt: Wir versuchen mit allen Mitteln unsere Mitarbeiter zu halten, damit wir nach Corona wieder mit Vollgas loslegen können."

Solingen: Nach Corona wieder mit Vollgas loslegen

Längere Phasen der Kurzarbeit können besonders im Niedriglohnsektor dazu führen, dass die betroffenen Arbeitnehmer Aufstockungen nach ALG II, "Hartz IV", beantragen müssen. Die Stadt, die das dafür zuständige Kommunale Jobcenter verantwortet, erklärt dazu, dass die Maßnahmen zur Vermeidung der Covid-19-Erkrankungen teilweise bei den Unternehmen zum erheblichen bis vollständigen Ausfall des Geschäftsbetriebs geführt hätten. Die Stadt sei auf die Situation aber vorbereitet. Das betreffe auch den Bereich der "Aufstocker". Stadtsprecherin Stefanie Mergehenn erläutert dazu grundsätzlich: "Die Grundsicherung für Arbeitsuchende, das Arbeitslosengeld 2, sichert den Lebensunterhalt, wenn keine vorrangigen Hilfen greifen. Auf diese Leistungen kann aufgrund neuer gesetzlicher Regelungen , da ist der Sozialschutzpaket zu nennen, derzeit schnell und unbürokratisch zugegriffen werden." 

Solingen: Moderater Anstieg der Antragszahlen

Das kommunale Jobcenter beobachte in den letzten drei Wochen nur einen moderaten Anstieg der Antragszahlen. Doch das Amt rechnet mit deutlich steigenden Zahlen als Folge der Pandemie-Auswirkungen. Das kommunale Jobcenter sei auf steigende Antragszahlen vorbereitet. "Es soll niemand aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Krise in existenzielle Not geraten", betont die kommissarische Leiterin des Kommunalen Jobcenters, Kristin Degener.

Solingens DGB-Chef Peter Horn rechnet damit, dass Anträge auf Aufstockung des Kurzarbeitergeldes erst im Mai in großer Zahl folgen werden. "Viele erhalten erst jetzt ihre Lohnabrechnungen und stellen fest, was wirklich fehlt." Er kritisiert, dass der Bund das Kurzarbeitergels erst ab dem 4. Monat von 60 auf 80 Prozent für Alleinstehenden oder Paare ohne Kinder und von 67 auf 87 Prozent für Arbeitnehmer mit Kindern anheben will. "Das reicht dann für viele zum Leben nicht." Daher sei der Deutsche Gewerkschaftsbund im Gespräch mit der Landesregierung in Düsseldorf, dass das Land NRW vom ersten Tag der Kurzarbeit aus Landesmitteln den erhöhten Satz der Kurzarbeit sicherstellen soll.

Aktuelle Zahlen

Die Zahl der offenen Stellen sank um 179 gegenüber dem März auf 90. Aktuell sind 837 junge Menschen unter 25 Jahren von Arbeitslosigkeit betroffen. Gegenüber dem Vorjahresmonat ist die Jugendarbeitslosigkeit um 180 Personen (+ 27,4 Prozent) gestiegen. Es meldeten sich 1387 Personen im April neu arbeitslos, 813 Menschen konnten ihre Arbeitslosigkeit beenden.

Solingens DGB-Vorsitzender Peter Horn berichtet von Hilferufen von Arbeitnehmern aus Gastronomie und Einzelhandel. In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Solingen. Der Blog wird laufend aktualisiert.

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