Rausch und Reggae über der Klingenstadt

Soon Come brachten 1991 ihr Debütalbum auf den Markt: „A Grain Of Sand“. Foto: Stephan Frink
+
Soon Come brachten 1991 ihr Debütalbum auf den Markt: „A Grain Of Sand“.

Die Geschichten von Soon Come und Rausch führten beide Bands durch Deutschland

Von Julian Müller

Solingen. Als wären S.Y.P.H., Accept, Phone Bone und die Solinger New Wave-Gang um Trick 17 und die Schwarze Bewegung nicht genug, boten die 80er auch Ausflüge in sonnigere Gefilde und halluzinogene Parallel-Welten.

Reggae ist vielleicht nicht gerade die Stilistik, die man mit dieser Stadt als erstes in Verbindung bringt, doch die Geschichte von Soon Come ist so vielfältig wie beeindruckend. „Wir waren alle Reggae-Fans und im Zack Zack, dem Plattenladen von Christian Luhn, hat alles begonnen“, erinnert sich Bassistin Birgit Correns. Luhn lud sie, den Gitarristen Hansi Heitzer und den aus Ghana stammenden Sänger Seth zu sich in den Proberaumkeller ein.

Rausch, das das waren (v. l.) M.T., Peter, Wolly, Rolf, Eddy.

Der Rhythmus kam vom Drumcomputer. „1986 sind wir dann in einen Proberaum an der Erferstraße umgezogen, Uwe Paulsen kam als Schlagzeuger dazu und Stephan Frink hat unser Management übernommen“, erzählt Correns.

Zuerst wurden sämtliche kleine Clubs in Deutschland abgeklappert und in der Live Music Hall in Köln konnten sich Soon Come als Support für Acts wie Jimmy Cliff, Culture und Yellowman eine stets wachsende Fangemeinde erspielen. Neben der instrumentalen Kernbesetzung – zu der eine Zeit lang auch Peter Hellwig von Trick 17 gehörte – gab es drei Sänger, die sich die Stücke aufteilten. „Wir waren bis zu elf Leute auf der Bühne, das war ein ganz schön bunter Haufen“, so Correns. 1991 kam das lang ersehnte Debütalbum „A Grain Of Sand“.

Nach dem Brandanschlag in Solingen gaben sie 1992 ein Konzert am Weyersberg. „Das war ein einschneidender Moment in der Solinger Geschichte und die Stimmung war verständlicherweise aufgewühlt“, erinnert sich die Bassistin an den Auftritt.

Kurz darauf begann für die Band eine zweite Phase in ihrer Bandgeschichte. „Soon Come spielten als Backingband für jamaikanische Stars wie Lee ,Scratch‘ Perry und Charlie Chaplin“, erzählt der ehemalige Manager Stephan Frink. „1994 waren wir im Gespann mit Perry der Headliner auf dem Summerjam“, erzählt Birgit Correns. Einziger Wehmutstropfen: „Wir hatten zwei Konzerte mit Perry mitschneiden lassen, aber die Bänder sind bei einem Wasserschaden kaputt gegangen“, so Frink. 1996 war dann Schluss. „Ich wollte eine neue Platte, um weiterzumachen, aber da kam nichts mehr“, erinnert sich Frink. „Bei uns setzte ein Übermüdungsstatus ein“, ergänzt Correns. Der 1989 ausgestiegene Hansi Heitzer hält die Solinger Reggae-Fahne mit seiner Band ßoon, deren Name auch als Anspielung auf Soon Come zu verstehen ist, aber bis heute weiter hoch.

„Wir bekamen super Kritiken und unsere Songs liefen im Radio und Fernsehen.“
Wolly Düse, Musiker

Eng verbandelt mit Soon Come ist auch die Erfolgsgeschichte von Rausch. „Wir haben uns zusammen erst den Proberaum an der Erfer Straße und später an der Flensburger Straße geteilt“, erinnert sich Birgit Correns. 1986 kam Sänger Peter Sarach aus Spanien zurück nach Deutschland und wohnte einige Zeit lang in Solingen bei Freunden. Zusammen mit Bassist Rolf Leukel, den Gitarristen Michael Trojan und Frank Müller und dem Schlagzeuger Wolly Düse begannen sie zuerst als Mush And The Room zu proben. „Rausch wurden zwar immer als Kölner Band bezeichnet, aber bis auf den Wolly haben alle in Solingen gewohnt“, erzählt Birgit Correns. Auch die beiden Bandnamen waren Programm. „Wir waren alle Kiffer und haben Pilze gefressen – die wuchsen in Solingen auf jeder Wiese“, erinnert sich Wolly Düse. „Wir waren einfach kreativer, wenn wir gekifft hatten“, so Düse. 1989 kam das Debütalbum auf den Markt. „Wir bekamen super Kritiken und unsere Songs liefen im Radio und Fernsehen – das hat sich schnell herumgesprochen“, erzählt Düse.

Bei der Maueröffnung spielten sie zusammen mit Joe Cocker und den Toten Hosen in der Deutschlandhalle. Prompt standen die großen Plattenfirmen Schlange und lieferten sich ein Rennen um die Band. „Die Phonogram hat am meisten geboten und wir haben für vier Alben in vier Jahren unterschrieben – das waren die goldenen Zeiten“, erklärt Wolly Düse.

Die folgenden Platten verkauften sich gut, Rolf Leukel erfand den „Keine Macht Den Doofen“-Slogan und 1992 wurde „Good Luck“ Album des Monats im Musikexpress. 1994 wechselte das Management, Rolf Leukel war da schon ausgestiegen und die Band zog nach Berlin. „Das war alles ein riesen Fehler“, so Düse. 1996 erschien noch ein letztes Album, 2004 die Best Of „Flashback“ mit sechs neuen Songs.

1996 gründeten Sarach und Düse die Cowboys On Dope. „Rausch haben sich nie offiziell aufgelöst – aber unser bisher letztes Konzert haben wir 2005 im Vorprogramm von Deep Purple gespielt“, so Düse. Multitalent Rolf Leukel gründete nach seiner Zeit bei Rausch zusammen mit Soon Come-Manager Stephan Frink die Agentur Bubu-Concerts und war zusammen mit Peter Braatz von S.Y.P.H. Hauptinitiator der Hüört Ens Reihe, bei der heimische Künstler Songs auf Solinger Platt beisteuerten. Seine langjährige Freundin Birgit Correns heiratete er 1996. 2018 verstarb Leukel an einer Krebserkrankung – aktiv und lebensfroh war er bis zum Schluss.

Serie zur Solinger Musikgeschichte

Solingen hat eine reiche Musikhistorie, die über die Jahrzehnte immer wieder spannende Musiker und Bands hervorbrachte. Julian Müller, Kopf der Blackberries, unternimmt in seiner neuen Reihe eine Zeitreise durch die Vergangenheit. Dabei beleuchtet er internationale Erfolgsgeschichten, aber auch den Werdegang von lokalen Phänomenen, die es nicht über die Stadtgrenzen hinaus geschafft haben. Die Serie blickte bereits auf Bands wie die Lonestars, Accept, Promotion Soul Concern oder auch S.Y.P.H. zurück. Im nächsten Teil dabei: die Embryonics.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Viele Freizeitanlagen in Solingen bleiben geschlossen
Viele Freizeitanlagen in Solingen bleiben geschlossen
Viele Freizeitanlagen in Solingen bleiben geschlossen
Nach Unfall: L 74 in beide Fahrtrichtungen gesperrt
Nach Unfall: L 74 in beide Fahrtrichtungen gesperrt
Nach Unfall: L 74 in beide Fahrtrichtungen gesperrt
Corona: 7-Tage-Inzidenz sinkt weiter - Zweithöchster Wert im Bund
Corona: 7-Tage-Inzidenz sinkt weiter - Zweithöchster Wert im Bund
Corona: 7-Tage-Inzidenz sinkt weiter - Zweithöchster Wert im Bund
Diebe stehlen Fernseher und Schlüsselbund
Diebe stehlen Fernseher und Schlüsselbund
Diebe stehlen Fernseher und Schlüsselbund

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare