Montagsinterview

Corona: Randerath befürchtet Infektionsanstieg

Prof. Dr. Winfried Randerath ist Chefarzt in Bethanien, wo die Coronabehandlung zentralisiert ist. Archivfoto: Christian Beier
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Prof. Dr. Winfried Randerath ist Chefarzt in Bethanien, wo die Coronabehandlung zentralisiert ist.

Prof. Dr. Winfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien, warnt vor Nachlässigkeit.

Von Simone Theyßen-Speich 

Herr Professor Randerath, wie ist der aktuelle Stand der Erkrankungen mit Covid-19 in Solingen?

Prof. Dr. Winfried Randerath: Die Zahl der Patienten, die mit Covid-19 stationär behandelt werden müssen, ist deutlich rückläufig. Aber bei aktuellen Ausbrüchen, wie zuletzt im Senvital Seniorenzentrum, gibt es immer wieder plötzlich mehrere neue Patienten, ältere, aber auch jüngere, teilweise mit schweren Krankheitsverläufen. Momentan sind zwölf Patienten stationär. Positiv ist, dass derzeit kein Patient auf der Intensivstation behandelt werden muss. Aber auch die Frequenz der Infektionsambulanz hier in Bethanien ist wieder höher, durch die Ausbrüche in einer Kita, im Altenheim, aber auch durch erste Urlaubsrückkehrer. Lagen wir zwischenzeitlich bei 20 bis 25 Tests pro Tag, so sind es jetzt wieder 50, am vergangenen Donnerstag waren es sogar 75 Tests.

Birgt die Rückkehr der Urlauber derzeit die größte Gefahr oder ist es die allgemein wachsende Unachtsamkeit bei Abstands- und Hygieneregeln?

Prof. Randerath: Die Urlaubsrückkehrer aus anderen Ländern werden uns in Zukunft sicherlich beschäftigen. Wir haben in Deutschland zum Glück sehr niedrige Infektionszahlen, weil sich unser Bündel von Maßnahmen bewährt hat, weil die Gesellschaft schnell und effektiv reagiert hat. Aber das Virus ist noch ebenso ansteckend wie vorher. Das darf man nicht vergessen. Großes Risiko sind aus meiner Sicht Flugreisen, da wird es beim Einchecken, in der Warteschlange oder in den Bussen schon sehr eng. Für einen Überblick, aus welchen Ländern vermehrt infizierte Rückkehrer kommen, ist es aber noch zu früh. Man darf einfach nicht nachlässig werden.

Was erhoffen Sie sich von dem großangelegten Reihentest, den die Stadt und Bethanien gemeinsam auf den Weg gebracht haben?

Prof. Randerath: Die 4000 Tests in Altenheimen durchzuführen, war eine sehr gute und anspruchsvolle Initiative der Stadt. Wir können uns dadurch ein Bild verschaffen, wie viele Infizierte es bei Bewohnern und Mitarbeitern tatsächlich gibt. Wenn die Zahl niedrig ist, zeigt das, dass die Maßnahmen und die hohen Belastungen, die Bewohnern, Mitarbeitern und Angehörigen auferlegt wurden, effektiv waren. Bei den Tests werden aktuelle Abstriche gemacht, es werden allerdings keine Antikörpertests durchgeführt.

Wie groß ist die Sorge beim Blick auf die Nachbarstädte Langenfeld und Monheim, wo die Coronazahlen wieder gestiegen sind?

Prof. Randerath: Das Virus macht an den Stadtgrenzen nicht Halt. Bei den Fällen im Kreis Mettmann wird deutlich, dass große Feiern ein Infektionsproblem sein können. Bei Menschen, die man kennt und mag, fühlt man sich vertraut und sicher. Deshalb sind viele Menschen bei Familienfeiern wohl zu nachlässig. Zudem ist man dabei oftmals mehrere Stunden in geschlossenen Räumen zusammen, und ein Infizierter kann so eine größere Gruppe anstecken. Das ist aber kein Problem von Langenfeld oder Monheim, das kann nächste Woche auch in Solingen passieren.

Aktuell war auch der Ausbruch in der Kita Alsenbande. Wie ist der Stand?

Prof. Randerath: In der Walder Kita hatte sich eine Erzieherin mit Sars-CoV-2 infiziert. Seit vergangenen Dienstag wurden deshalb 40 Kinder und 24 Erwachsene aus der Einrichtung getestet. Die ersten Ergebnisse (Stand Freitag) ergaben zwei infizierte Erzieherinnen und zwei infizierte Kinder.

Birgt auch der in zwei Wochen anstehende Schulbeginn eine neue Gefahr?

Prof. Randerath: Beim Thema Schule bin ich sehr zwiegespalten. Natürlich müssen die Kinder weiter gut beschult werden, vor allen Dingen die Kinder, die zu Hause keine ausreichende Unterstützung haben. Andererseits kann man derzeit nicht wissenschaftlich belegen, dass Kinder weniger ansteckend sind und das Virus weniger verbreiten. Wir müssen also damit rechnen, dass nach Schulbeginn die Zahl der Infektionsfälle wieder ansteigen wird. Alles andere würde mich sehr wundern. Da man die Schulen nicht komplett geschlossen lassen kann, müssen wir von Fall zu Fall reagieren. Schulleitungen und Lehrer leisten wirklich Enormes. Mit Blick auf das Infektionsrisiko würde ich mir sehr wünschen, wenn die Schulen einen Mittelweg finden würden zwischen Online- und Präsenz-unterricht und dabei auch die sozialen Gegebenheiten in den Familien in den Blick nehmen könnten.

Wie ist die Stadt auf eine zweite Pandemie-Welle vorbereitet? Sind etwa die Notbetten in der Bethanien-Kapelle und im Blauen Salon des Klinikums noch „in Bereitschaft“?

Prof. Randerath: Die Bethanien-Kapelle und der ,Blaue Salon‘ sind mittlerweile zurückgebaut, die Betten stehen im Klinikum parat. Die Hygienecontainer mit Toiletten und Duschen stehen noch auf dem Bethanien-Gelände. Wir sind in allen drei Krankenhäusern auf eine schnelle Reaktion vorbereitet. Die Welle kommt ja nicht vom einen auf den anderen Tag, und wir haben den Vorteil, dass wir alles schon einmal durchgespielt haben. Damit sind wir gut auf eine eventuelle zweite Welle oder einen ähnlichen Pandemiefall vorbereitet. Rückblickend auf die vergangenen Monate gesehen, wurde Solingen von den städtischen Gremien gut durch die Krise geführt.

Wird die Infektionsambulanz auf dem Bethanien-Gelände auch weiterhin aufrechterhalten?

Prof. Randerath: Das Angebot soll auf jeden Fall bestehen bleiben. Derzeit führen wir intensive Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung, um das Angebot gemeinsam weiterzuführen. Aktuell hat die Infektionsambulanz an der Lungenfachklinik, Aufderhöher Straße 169, montags bis freitags von 13 bis 18 Uhr geöffnet sowie samstags von 9 bis 13 Uhr. Auch viele niedergelassene Ärzte führen derzeit Coronatests durch.

Corona-Tests

Infektionsambulanz: Diese befindet sich an der Lungenfachklinik Bethanien, Aufderhöher Straße 169.

Öffnungszeiten: Die Ambulanz, in der Tests auf das Coronavirus durchgeführt werden, ist montags bis freitags von 13 bis 18 Uhr geöffnet sowie samstags von 9 bis 13 Uhr. Auch niedergelassene Ärzte führen Coronatests durch.

In unserem Live-Blog finden Sie aktuelle Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Solingen.

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