Mein Blick auf die Woche

Quer liegen und queer lieben: Toleranz ist gefragt

stefan.kob @solinger-tageblatt.de
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Ein wenig Toleranz kann nicht schaden. Das gilt für neue Fortbewegungsmittel wie E-Scooter ebenso wie für Veranstaltungen wie den Klingenpride. Und wird aus Toleranz gar Akzeptanz, können beide Dinge einen weiterbringen: entweder von A nach B oder zu einer fröhlich-schrägen Party, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Solingen. Endlich einmal ein Städteranking, bei dem wir uns über den letzten Platz im bundesweiten Vergleich freuen dürfen: In Solingen sind im vergangenen Jahr die wenigsten Blitze eingeschlagen. Das könnte man nun in der Kategorie „Unnützes Wissen” verbuchen, aber die Blitzhäufigkeit wird mit großem Aufwand und Akribie erhoben und ist wohl für Meteorologen wie Versicherungsmathematiker eine interessante Zahl. Die Gründe, warum Donnergott Thor einen Bogen um die Klingenstadt macht, sind hingegen unbekannt und nicht nachhaltig: Auf langjährige Sicht landen wir wieder da, wo wir häufiger stehen – im Mittelmaß. 

Dabei tut die Stadt vieles – um nicht zu sagen, alles –, um dem grauen Feld der Mitte zu entkommen und wie eine richtige Großstadt zu wirken. Zum Beispiel mit der Entscheidung, die großstadttauglichen Elektroroller in Solingen zuzulassen: mit dem folgerichtigen Ärger, den die zuweilen achtlos in den Weg geworfenen E-Scooter bei manchen Bürgern auslösen. Was aber wiederum bei jedem neuen Verkehrsmittel in unserer Geschichte so war, bevor man sich daran gewöhnt hatte.

Schon beim Aufkommen der Pferdedroschken war der Stunk über äpfelige Hinterlassenschaften auf den Straßen gewaltig. Wo viele Menschen auf engem Raum miteinander auskommen müssen – in Großstädten zwangsläufig – gibt es eben mehr Hitze durch Reibung. Bei den umstrittenen E-Scootern lohnt sich ein Blick nach München oder Berlin: Hier kanalisiert man den Boom, indem man seinen geliehenen Roller eben nur in ganz bestimmten Arealen abstellen kann. Problem gelöst. 

Während die Roller-Entscheidung noch auf den Alleingang eines überaus eifrig am Großstadtimage bastelnden Oberbürgermeisters zurückging, ist die jüngste Aktion ohne Zutun des Rathauses entstanden: Nächste Woche hat Solingen seinen ersten eigenen Christopher Street Day (CSD). Wer die schrille Nummer noch nicht kennt: Der Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag gegen Diskriminierung und Ausgrenzung geht zurück auf Krawalle in der New Yorker Christopher Street in den 60er Jahren. Sexuelle Minderheiten protestierten gegen willkürliche Polizeirazzien. Aus den Aufständen wurden schrille Umzüge. Die CSD-Welle schwappte – wie soll es anders sein – zehn Jahre später nach Deutschland. Die größten und buntesten Feste gibt es seither in Köln und Berlin, und nun will sich Solingen mit seinem ersten „Klingenpride“ im Südpark einreihen.

Der bodenständige Solinger (und natürlich auch die Solingerin), der (und die) amerikanischen Trends und Begriffen eher skeptisch gegenübersteht, darf erst einmal viel Neues lernen. Etwa, was LGBT bedeutet, nämlich Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender (lesbisch, schwul, bisexuell und transgender). Und dass man die Menschen, die sich in diese Kategorie einordnen, auch als „queer“ bezeichnen darf, was früher ein hässliches Etikett war, aber heute mit Stolz (pride) getragen wird. 

Man kann über den Sinn der schrägen Veranstaltung streiten – das kann man über Karneval aber erst recht. Und sich einmal im Jahr in dieser bunten Form mit dem Thema auseinanderzusetzen, kann so verkehrt nicht sein. Denn viele Menschen, die nicht in unser als „normal“ empfundenes Schema passen, fühlen sich aufgrund ihres Andersseins immer noch bedrückt und unterdrückt, weil sie den Mut nicht finden, sich zu outen (ihre Neigung zu bekennen), aus Angst vor Ausgrenzung und Anfeindung. Da kann so ein fröhlich-schräges Fest befreiend wirken. Lassen wir uns überraschen. 

Für die Solinger ergibt sich damit erneut eine gute Gelegenheit, Toleranz zu beweisen: wenn schon nicht gegenüber quer liegenden Rollern, dann zumindest bei queer liebenden Menschen. 

Unsere Themen in dieser Woche

Ein Teenager und eine Frau werden seit Jahren vermisst – warum die Polizei die Suche aber nicht einstellt. 

Früher war Nachtwandern, heute gibt es Nacktwandern. Am Wochenende sind wieder Gruppen im Bergischen ohne Funktionshirt und Bundhose unterwegs. Wir sagen, wann und wo. 

Da staunt der Finanz-Laie und der Eissportler freut sich: Stadt will marode Eishalle für Millionenbetrag von der Lebenshilfe zurückkaufen

Corona und kein Ende: Im Solinger Klinikum wird es schon wieder eng.

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