Musikgeschichten

Als der Punkrock nach Solingen kam

Die Solinger Band S.Y.P.H. nannte ihr erstes Album einfach „S.Y.P.H.“ Es erschien 1980. Sänger Peter Braatz (v. l.) Uwe Jahnke (Gitarre), Bassist Jojo Wolter und Ulli Putsch (Schlagzeug) bildeten die Kernbesetzung der Band.
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Die Solinger Band S.Y.P.H. nannte ihr erstes Album einfach „S.Y.P.H.“ Es erschien 1980. Sänger Peter Braatz (v. l.) Uwe Jahnke (Gitarre), Bassist Jojo Wolter und Ulli Putsch (Schlagzeug) bildeten die Kernbesetzung der Band.

S.Y.P.H., um Sänger Peter Braatz, waren prägend für die deutsche Punk-Szene, die sich Ende der 1970er formierte.

Von Julian Müller

Solingen. Progressive Sounds hatten in den 1970ern die rohen Klänge der 1960er abgelöst. Virtuosität statt Wut war angesagt, bis am Ende des Jahrzehnts eine neue Bewegung ihr Haupt reckte und die alten Regeln hinwegfegte. In New York und London entstanden, schwappte Punk auch nach Deutschland und sorgte für neue Impulse. Plötzlich ging es wieder um wilde Kraft und wütende politische Statements.

Ab 1977 steuerte auch Solingen einen wichtigen Teil zu der neuen Bewegung bei. S.Y.P.H. um Sänger Peter Braatz gründeten sich und kaum ein Song veranschaulicht den Wechsel von der ländlichen Hippie-Attitüde zur kalten Realität der Stadt besser als der 1980 auf der S.Y.P.H. Debüt-LP erschienene Song „Zurück zum Beton“. „Keine Vögel, Fische, Pflanzen – ich will im Beton tanzen – zurück zur U-Bahn, zurück zum Beton“ singt Peter Braatz – oder Harry Rag wie er sich fortan nannte – in rauem Duktus.

Die Musik ist weit entfernt von jedem Schönklang. Vorher jahrelang sein Instrument zu üben, war nicht mehr nötig, um sich auszudrücken. Es ist eine Revolution und Befreiung, wie es Anfang der 60er erst Skiffle für die Engländer und dann der Beat für die ganze Welt waren. „Wir konnten nichts, aber haben es trotzdem gemacht. Über die Ergebnisse waren wir selbst erstaunt“, formuliert der 1979 zur Band gestoßene Bassist Jojo Wolter das Credo bewusst überspitzt.

„, S.Y.P.H. hatte eine gesellschaftskritische Haltung.“
Jojo Wolter, S.Y.P.H.-Bassist

S.Y.P.H. sind neben den Düsseldorfern „Mittagspause“ und deren Nachfolgeband „Fehlfarben“ eine der treibenden Kräfte der neuen Bewegung. Man teilte die politische Dringlichkeit und anfangs den Solinger Musiker Thomas Schwebel. Er spielte nacheinander in allen drei Bands und fand spätestens mit dem Erfolg der Fehlfarben zu einem größeren Publikum.

„Wir hatten mit S.Y.P.H. eine sehr gesellschaftskritische Haltung und haben alles infrage gestellt, was von der Politik propagiert wurde“, erzählt Wolter. „Unsere Themen waren Hochspannung, Industrie, die Laden-Passage am Dreieck und moderne Romantik“, ergänzt Peter Braatz.

Musikalisch schlugen zwei Herzen in der Brust von S.Y.P.H.. Neben kurzen musikalischen Wutausbrüchen gab es auch improvisierte, experimentellere Stücke. So hatte die Band, zu der neben Braatz und Wolter auch Gitarrist Uwe Jahnke und Schlagzeuger Ullrich Putsch gehörten, dann folgerichtig auch das Glück mit einem ihrer großen Vorbilder die nächste Platte aufzunehmen. „Im legendären Can-Studio in Weilerswist haben wir mit Holger Czukay unser zweites Album aufgenommen“, erzählt Wolter. „Die Arbeit mit Czukay habe ich als Glück, Inspiration und Ehre empfunden. Von ihm habe ich das Faible für Musik- und Filmschnitt“, erinnert sich Braatz. „Wir waren jung und ahnungslos und Holger hat uns die Tür zu den tiefen Geheimnissen der Aufnahmetechnik geöffnet“, ergänzt Wolter. So ist Czukays Handschrift auf dem Album „Pst“ und dem aus den Sessions entstandenen vierten Album auch deutlich zu hören.

Die letzte Platte ist bisher nicht erschienen

Doch die Arbeit verlief nicht immer ganz reibungsfrei – sowohl innerhalb der Band, als auch mit Czukay gab es Spannungen. „Es gibt auf der vierten Platte das berühmte Zitat ‘Je mehr du singst, desto mehr machst du kaputt’ von Holger zu Peter“, erzählt Wolter. Auch zwischen Braatz und Gitarrist Uwe Jahnke, der später ebenfalls bei Fehlfarben spielte, gab es immer wieder Streit und kurz nach „Pst“ war 1981 erst mal Schluss. Nach drei Jahren tat man sich dann wieder in der klassischen Besetzung zusammen und das Album „Wieleicht“ entstand. „Eigentlich sollte es Conny Plank produzieren, Aber der war bei einem Auftritt von uns in Köln und es hat ihm anscheinend nicht gefallen“, konstatiert Wolter.

Drei Jahre später war die Reunion wieder vorbei und es erschienen nur noch unregelmäßig Veröffentlichungen unter dem Namen S.Y.P.H.. 2013 fand das Kapitel dann ein trauriges Ende, als man sich von Sänger Harry Rag trennen wollte und er die Veröffentlichung eines Albums mit Ersatzsänger Doc Schoko gerichtlich stoppen, ließ. So ist die eigentliche letzte Platte von S.Y.P.H. bisher nicht erschienen.

Neben S.Y.P.H. und Thomas Schwebel hat noch ein anderer Solinger im deutschen Punkrock kräftige Spuren hinterlassen – wenn auch nicht als Musiker. Der 2015 verstorbene Jochen Hülder wurde Manager der Toten Hosen und begleitete die Karriere der Band bis zu seinem Tod. Davon abgesehen war die erste Punk-Welle in Solingen aber überschaubar. Im Haus der Jugend an der Dorper Straße etwa gab es am 3. Dezember 1980 das legendäre Konzert von Hans-A-Plast, bei dem auch ein junger Jens Stuhldreier erste Punkrock Erfahrungen sammeln sollte. Sonst musste man zum Ratinger Hof nach Düsseldorf – dem Epizentrum der Bewegung. „Zeitgleich mit uns legten in Solingen auch Accept los“, erzählt Wolter. Mehr dazu im nächsten Teil der Reihe.

DER BLICK ZURÜCK

MUSIK-GESCHICHTEN Solingen hat eine reiche Musikhistorie, die über die Jahrzehnte immer wieder spannende Musiker und Bands hervorbrachte. Julian Müller, Kopf der Blackberries, unternimmt in einer neuen ST-Reihe eine Zeitreise durch die Vergangenheit. Dabei beleuchtet er internationale Erfolgsgeschichten wie die der Solinger Metal-Ikonen Accept, aber auch den Werdegang der rein lokalen Phänomene.

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