Mögliche Legalisierung

Psychiater warnt vor Cannabis-Freigabe

Koalitionsverhandlungen auf Bundesebene befeuern die Diskussionen über eine mögliche Legalisierung der Droge.

Von Manuel Böhnke und Axel Richter

2020 hat die Polizei im bergischen Städtedreieck in annähernd 1400 Fällen wegen illegalen Drogenbesitzes ermittelt. 1256 entfielen auf den Besitz von Cannabisprodukten. „Natürlich würden die Zahlen nach einer Legalisierung sinken“, sagt deshalb Alexander Kresta, Sprecher des Wuppertaler Präsidiums. Befürworter einer Cannabis-Freigabe führen dieses Argument immer wieder an. Dass sich damit zugleich die Rauschgiftkriminalität von selbst erledigt, glauben die Drogenermittler allerdings nicht.

Denn häufig sind es Kinder und Jugendliche, die kiffen. Und bei der Diskussion um eine Cannabis-Freigabe haben die Politiker ausschließlich Erwachsene im Blick. Im Zuge der Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, Grünen und FDP ist das Thema wieder in den Fokus gerückt.

„Vor oder während der Pubertät ist ein Konsum sehr ungünstig.“

Torsten Grigoleit, Leitender Oberarzt

„Wir standen noch nie so kurz vor einer Cannabis-Legalisierung wie jetzt“, schildert Anja Hufschmidt ihren Eindruck. Ob sie den Schritt befürworten würde? Diese Frage ist der Leiterin der Jugend- und Drogenberatung Anonym zu pauschal. „Man muss die Sache differenziert betrachten.“ Die Entscheidung dürfe den Konsum nicht bagatellisieren: „Kinder könnten das als Signal verstehen, dass Gras harmlos ist.“ Deshalb würde sich die Solingerin wünschen, dass eine verstärkte Präventionsarbeit und ein entsprechendes Konsequenzsystem bei Kindern und Jugendlichen die mögliche Entkriminalisierung von Cannabis begleiten. Das Ziel müssten ein spätes Einstiegsalter und seltener Konsum sein.

Denn gerade für junge Menschen sei die Droge nicht harmlos. Eine wichtige Rolle spielen die Motive für das Kiffen. Greifen Jugendliche zum Joint, um dazuzugehören, Probleme zu verdrängen oder Konflikte zu bewältigen, drohe die Gefahr, dass sich der Konsum verstetigt – und das kann Folgen haben.

„Vor oder während der Pubertät ist ein Konsum sehr ungünstig, da anzunehmen ist, dass notwendige Umbauprozesse im Gehirn nicht funktionieren, die es für das Erwachsenwerden braucht“, erklärt Torsten Grigoleit. Er ist Leitender Oberarzt der Abteilung Abhängigkeitserkrankungen der LVR-Klinik Langenfeld.

Eine Gefahr sei beispielsweise das amotivationale Syndrom. Dabei leiden Betroffene unter Leistungsminderung und Antriebsstörungen. Auch Psychosen kann der hochgezüchtete und synthetische Wirkstoff THC, wie er heutzutage häufig vorkommt, auslösen. Geringer im Vergleich zu anderen Drogen sei dagegen das Abhängigkeitspotenzial. Zudem sei die Sucht im Falle von Cannabis eher psychischer als körperlicher Natur.

Nicht viel hält Grigoleit von der Theorie, Gras sei eine Einstiegsdroge. „Es ist nur ein kleiner Teil der Konsumenten, die ihren Konsum im Weiteren auf sogenannte harte Drogen erweitern.“ Diese Beobachtung hat auch Anja Hufschmidt gemacht. Ihre Erfahrung zeige zwar, dass ein Großteil derer, die harte Drogen konsumieren, auch kiffen. Diese Gruppe trinke aber in den meisten Fällen auch Alkohol und rauche. Grigoleit bestätigt: „Eine Einstiegsdroge ist eher Nikotin, in der Regel sogar Nikotin und Alkohol gemeinsam, somit ist Cannabis häufig erst die dritte psychotrope Substanz, die Menschen konsumieren.“

Auch der Leitende Oberarzt vermag nicht zu sagen, ob die Vor- oder die Nachteile einer Cannabis-Legalisierung überwiegen. Das sei auch weniger eine psychiatrische als vielmehr eine gesellschaftlich-juristische Frage. Langfristig bringe keine psychotrope Substanz psychische Vorteile. Aber: „Fakt ist, dass Cannabis zum Beispiel eher selten zu aggressivem Verhalten führt.“

Ein klareres Urteil fällt Prof. Dr. Eugen Davids. Der Ärztliche Direktor der Remscheider Stiftung Tannenhof hält wenig bis nichts von den Überlegungen der mutmaßlichen Ampel-Koalitionäre. „Weil wir in der Psychiatrie täglich die Konsequenzen zu sehen bekommen“, sagt er und beschreibt einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Cannabis und der Ausbildung von Depressionen, Angstzuständen und Psychosen – Krankheitsbilder, die selbst dann nicht verschwinden, wenn der Konsum beendet wird. In Staaten der USA, die Cannabis freigegeben haben, sei noch etwas anderes zu beobachten: mehr Verkehrsunfälle, bei denen Cannabis-Konsum eine Rolle spielte, und deutlich mehr Klinikaufenthalte nach psychiatrischen Erkrankungen.

Für eine Legalisierung setzt sich der Deutsche Hanfverband ein, die größten Lobbyorganisation von Cannabiskonsumenten in Deutschland. Er hat eine Ortsgruppe im Bergischen Land. Deren Sprecher ist Frank vom Scheidt, für die Grünen Mitglied des Remscheider Stadtrates. „Alle drei Minuten wird ein Mensch wegen Cannabiskonsum vor ein deutsches Gericht gezerrt“, sagt er und spricht von einer gigantischen Vergeudung von Ressourcen. Würde Cannabis legalisiert, würde der Staat Milliarden Euro einsparen und zugleich an Steuern einnehmen.

„Das Geld ließe sich zum Beispiel in der Präventionsarbeit investieren“, erklärt vom Scheidt, denn das bestreite keiner: „Cannabis ist keine weiche Droge, sondern insbesondere für Jugendliche schädlich.“

Eine zusätzliche Gefahr gehe für sie von einer Freigabe nicht aus, sagt vom Scheidt: „Danach dürfte zwar der Konsum bei Erwachsenen leicht ansteigen, nicht aber der von Jugendlichen.“ Das lasse sich in allen Staaten beobachten, die den Weg der Legalisierung bereits vollzogen hätten.

Auswirkung des Cannabis-Konsums auf die Lunge

Lungenschäden: Der Konsum von Cannabis kann nicht nur psychische, sondern auch körperliche Auswirkungen haben. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn das Marihuana geraucht wird. Immer wieder begegnen Dr. Lars Hagmeyer Patienten, die mit den Folgen zu kämpfen haben. Oftmals müssen der Leitende Oberarzt der Lungenfachklinik Bethanien und seine Kollegen bei auffälligen Befunden einen möglichen Cannabis-Konsum aktiv ansprechen. „Häufig ist das ein Tabu-Thema, was die Situation für uns Mediziner erschwert“, erklärt Hagmeyer. Für ihn steht fest, dass das regelmäßige Cannabis-Rauchen zu Veränderungen des Lungengewebes führen kann. Weit verbreitet sei die chronische Bronchitis, die sich zu einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) entwickeln könne. In manchen Fällen löse der Konsum eine akute eosinophile Pneumonie, eine Form der Lungenentzündung, aus. „Das ist jedoch sehr selten. Pro Jahr haben wir ein bis zwei dieser Fälle“, betont Lars Hagmeyer.

Medizinisches Cannabis: Der Leitende Oberarzt weist darauf hin, dass medizinisches Cannabis wegen der genannten Auswirkungen auf die Lunge in der Regel nicht geraucht, sondern beispielsweise in Kapselform verabreicht wird. Seit 2017 dürfen Ärzte in Deutschland medizinisches Cannabis verschreiben, etwa bei Schwerkranken oder zur Schmerzlinderung.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Corona: St. Lukas - Noch keine OP-Verschiebungen - 8850 Impfungen in den Impfstellen
Corona: St. Lukas - Noch keine OP-Verschiebungen - 8850 Impfungen in den Impfstellen
Corona: St. Lukas - Noch keine OP-Verschiebungen - 8850 Impfungen in den Impfstellen
Marktplatz Ohligs: Umbau schreitet voran
Marktplatz Ohligs: Umbau schreitet voran
Marktplatz Ohligs: Umbau schreitet voran
Studentin kämpft mit individueller Mode gegen Fast Fashion
Studentin kämpft mit individueller Mode gegen Fast Fashion
Studentin kämpft mit individueller Mode gegen Fast Fashion
70 Menschen demonstrieren für Erhalt von Kleingartenanlage
70 Menschen demonstrieren für Erhalt von Kleingartenanlage
70 Menschen demonstrieren für Erhalt von Kleingartenanlage

Kommentare