Bildung

Projekt entlastet Lehrer und Eltern

Schuldezernentin Dagmar Becker (l.) zog zusammen mit Jugendamtsleiter Rüdiger Mann (hinten links), den Schulleiterinnen Katharina Löwe-Hoffmann (6. v. l.) und Claudia Müller-Bernert (4.v. r.) sowie anderen beteiligten Lehrern und Eltern eine positive Zwischenbilanz des Inklusionsprojekts. 

Moderierte Gesprächsgruppen haben sich im Umgang mit auffälligen Kindern an Grundschulen offenbar bewährt.

Von Andreas Tews

Immer mehr Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden auch in Solingen an Regelschulen unterrichtet. In dieser Situation fühlen sich Lehrer oft allein gelassen, nicht selten auch überfordert. Aus der Not heraus habe die Stadt zusammen mit den Grundschulen vor einem Jahr ein Projekt mit moderierten Eltern-Gesprächsgruppen und Supervision für Lehrer aus der Taufe gehoben, erklärte Katrin Aydeniz, Abteilungsleiterin der Psychologischen Dienste bei der Stadtverwaltung. Am Montag zogen die Beteiligten eine positive Zwischenbilanz.

Nach dem vor drei Jahren von der rot-grünen NRW-Landesregierung eingeführten Inklusionsmodell sollen möglichst alle Kinder, unabhängig von ihren Begabungen und Fähigkeiten, an Regelschulen unterrichtet werden. Das funktioniert an vielen Schulen nicht reibungslos. Vor allem im Umgang mit Schülern mit Bindungs- oder Entwicklungsstörungen hätten die Lehrer noch wenig Erfahrung“, teilte die Stadt Solingen mit.

Dem sollen die Supervisionsgruppen entgegenwirken, erklärte Aydeniz. An der Forderung der Stadt, dass der Bund und das Land die Schulen bei der Inklusion finanziell und personell besser ausstatten sollen, ändere das Projekt nichts.

Beim Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern sei vor allem eine gute und frühe Diagnose wichtig, erklärte die städtische Schuldezernentin Dagmar Becker (Grüne). Je früher im Einzelfall eine Bindungs- oder Entwicklungsstörung festgestellt werde, desto höher sei die Wahrscheinlichkeit, dass man etwas erreichen könne, ergänzte Aydeniz. Die Lehrer hätten sich früher in dieser Problemlage oft als Einzelkämpfer gefühlt, sagte Gabriele Klöppel, Lehrerin der Grundschule Katternberger Straße.

Eine Säule des Modells sind moderierte Elterngruppen. Dort tauschen jeweils sechs bis zehn Teilnehmer ihre Erfahrungen aus. Jeder habe die Möglichkeit sich und seine spezielle Situation zu schildern und zu hinterfragen, berichtete Manfred Müller von seinen Erfahrungen als Vater. Und nicht selten liege das Problem weniger bei den Kindern, als bei den Eltern oder daran, dass man aus dem starren Bildungssystem kaum herauskomme. Durch die Elterngruppen ergäben sich neue Möglichkeiten, die Kinder individuell zu fördern.

Eltern müssen oft an ihren Erziehungsauftrag erinnert werden

Die gelinge vermehrt, weil sich Eltern nach der Teilnahme an den Gruppen für Gespräche mit der Schule öffnen, hat auch Katharina Löwe-Hoffman, Leiterin der Grundschule Katternberger Straße, beobachtet. Laut Aydeniz, sie gehört zu den Moderatorinnen der Eltern-Veranstaltungen, muss Müttern und Vätern immer wieder auch ihr Erziehungsauftrag verdeutlicht werden. Allerdings gehöre es auch dazu zu erkennen, wenn Eltern in einer schwierigen persönlichen Situation seien. Aydeniz betont: „Alle müssen erkennen, dass sie in einem Boot sitzen.“

INKLUSIONSPROJEKT AN ACHT GRUNDSCHULEN

RESOLUTION Im vergangenen Jahr haben Solinger Grundschullehrer und die Gewerkschaft GEW eine Resolution an das Land geschickt, in der sie die Ausstattung der Schulen im Zusammenhang mit dem 2014 eingeführten NRW-Inklusionsmodell kritisieren. Sie forderten darin unter anderem kleinere Klassen, eine ausreichende sonderpädagogische Förderung und mehr Beratung für die Lehrer der Regelklassen. NOTLÖSUNG Um Lehrer und Eltern besser zu unterstützen, hat die Stadt das Selbsthilfe-Projekt mit Elterngruppen und Supervisionsangeboten für Lehrer ins Leben gerufen. An acht Grundschulen gibt es derzeit 16 Elterngruppen. Im ersten Jahr haben daran nach Angaben der Stadt 75 Mütter und Väter teilgenommen. Durch die Supervisionsgruppen seien rund 100 Grundschullehrer erreicht worden.

Für die beteiligten Lehrer zählt nicht nur der Austausch untereinander, der in den für sie regelmäßig stattfindenden Supervisionssitzungen möglich ist. Er bringe sie in vielen Einzelfällen weiter, weiß die Leiterin der Grundschule Gottlieb-Heinrich-Straße, Claudia Müller-Bernert. Und Löwe-Hoffmann empfindet es zudem als „unglaubliche Entlastung“, dass mit den Fachleuten der Psychologischen Dienste auch jemand von außen einen Blick auf die Dinge werfe.

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