Trend lasse sich feststellen

Polizei sieht auch in Solingen Anstieg bei Missbrauchstaten

Die Täter stammen nach Einschätzung der Polizei häufig aus dem „sozialen Nahraum“ der betroffenen Kinder.
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Die Täter stammen nach Einschätzung der Polizei häufig aus dem „sozialen Nahraum“ der betroffenen Kinder.

Gesteigerte Fallzahlen gibt es auch bei der Herstellung und Verbreitung von Kinderpornografie.

Von Kristin Dowe

Solingen. In Zeiten der Pandemie, in denen Familien im Zuge der Kontaktbeschränkungen viel Zeit zu Hause verbringen, sind Kinder leichte Opfer – nicht nur, wenn es sich um allgemeine körperliche Gewalt handelt, sondern auch, wenn es um Straftaten wie sexuellen Missbrauch oder die Verbreitung kinderpornografischer Inhalte geht. Für beide Deliktbereiche hat die Polizei Wuppertal sowohl für Solingen als auch für den gesamten Präsidialbereich des bergischen Städtedreiecks „eine Steigerung der Fallzahlen gegenüber dem Vorjahr“ zu verzeichnen, teilt Polizeisprecher Stefan Weitkämper auf ST-Anfrage mit.

Zwar nenne die Polizei aufgrund einer Vorgabe des NRW-Innenministeriums (siehe unten) vor der Veröffentlichung der offiziellen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2021 keine konkreten Zahlen, der Trend in diesem Feld lasse sich aber schon jetzt feststellen.

Auch die PKS-Zahlen der vergangenen Jahre und insbesondere die des Pandemiejahres 2020 sprechen dafür, dass sich das Problem im Bergischen verschärft hat. So meldete die Polizei im vergangenen Jahr 24 Fälle von sexuellem Missbrauch in Solingen – der höchste Stand seit 2016. Im Städtedreieck waren es 2020 immerhin 107 Fälle. Nur im Vorjahr 2019 wurde dieser Wert mit 125 Fällen im Fünf-Jahres-Vergleich noch übertroffen. In Solingen sorgte zuletzt etwa der Fall eines Familienvaters für Entsetzen, den das Landgericht Wuppertal im März zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren verurteilt hatte. Über Jahre hatte er sich an seiner Tochter und später wohl auch an seinem Sohn vergangen, zur Zeit des Urteils 13 und 10 Jahre alt.

„Die Täter stellen den Kindern in einem spielerischen Kontext intime Fragen.“

Christel Scharkowski, Weißer Ring (Außenstelle Solingen)

Wie in dem Solinger Fall stammen die Täter nach Einschätzung der Polizei häufig aus dem „sozialen Nahraum“ der betroffenen Kinder – Familie, Nachbarschaft oder Freundes- und Bekanntenkreis der Eltern. Inwiefern die Corona-Pandemie tatsächlich zu den erhöhten Fallzahlen beigetragen hat, vermag die Polizei nicht zu beantworten. In jedem Fall sei die Bekämpfung sexuellen Missbrauchs sowie der Herstellung und Verbreitung von kinderpornografischem Material sowohl ein kriminalpolitischer Schwerpunkt der Polizei NRW als auch speziell der Kreispolizeibehörde Wuppertal, erläutert Weitkämper. Somit führten ein höherer Personaleinsatz und eine stärkere Ermittlungsintensität durch die „Aufhellung des Dunkelfeldes“ auch unweigerlich zu gesteigerten Fallzahlen.

Polizei bietet psychologische Hilfen für die ermittelnden Sachbearbeiter an

Personell seien dem zuständigen Kriminalkommissariat 12 insgesamt vier Sockelstellen im Bereich Kinderpornografie zugewiesen. „Die tatsächliche Stärke in diesem Bereich beträgt acht Mitarbeitende und kann bei umfangreichen Verfahren entsprechend kurzfristig angepasst werden“, so Weitkämper weiter. Die bei den Ermittlungen eingesetzte Computertechnik spiele für die Arbeit der Polizei eine wichtige Rolle und entspreche dem „vorgegebenen Landes- und Qualitätsstandard“. Gleichzeitig biete die Polizei bei Bedarf auch psychologische Hilfen für die ermittelnden Sachbearbeiter, die bei der Auswertung kinderpornografischer Dateien oft einer hohen psychischen Belastung ausgesetzt sind.

In puncto sexualisierte Gewalt gegen Kinder rückt besonders der Tatort Internet stärker in den Fokus der Ermittler. Das sogenannte Cybergrooming bezeichnet das Phänomen, dass Erwachsene mit pädophilen Neigungen beispielsweise in sozialen Netzwerken, speziell für Kinder konzipierten Chatrooms oder in Online-Computerspielen Kontakt mit Kindern aufnehmen und sie im Netz belästigen – teilweise auch mit dem Ziel, das Kind irgendwann zu einem realen Treffen zu überreden.

„Dazu hatten wir auch in Solingen schon einige Anfragen“, berichtet Christel Scharkowski, Leiterin der Solinger Außenstelle des Weißen Rings. „Die Täter stellen den Kindern in einem spielerischen Kontext intime und sehr persönliche Fragen.“ Nicht immer sei den jungen Opfern die Bedrohung gleich bewusst. Umso dringender raten Opferschutzorganisationen und die Polizei Eltern, ihren Kindern eine altersgerechte Medienkompetenz zu vermitteln und mögliche Verhaltensauffälligkeiten im Blick zu behalten. Scharkowski: „Auch Lehrer wenden sich oft mit Verdachtsfällen an uns. Für sie ist die Situation besonders schwierig, weil sie mit den Eltern zusammenarbeiten müssen. Wir beraten auf Wunsch anonym.“

Hintergrund

Aufklärungsquote: Diese lag beim sexuellen Missbrauch von Kindern 2020 im Städtedreieck bei über 80 Prozent, in Solingen war sie etwas niedriger. Bei Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung kinderpornografischer Schriften lag die Aufklärungsquote 2020 im Städtedreieck bei über 90 Prozent, in Solingen bei annähernd 100 Prozent.

Regelung: Die Polizei NRW gibt unterjährig keine Zahlen heraus, weil „Anzeigen extremen Schwankungen zum Beispiel durch eine neue kriminalfachliche Einordnung bei der weiteren Bearbeitung unterliegen“, heißt es beim NRW-Innenministerium.

Hilfsangebote: Anlaufstellen für Beratung rund um körperliche und sexualisierte Gewalt gegen Kinder finden Betroffene unter anderem beim Solinger Kinderschutzbund (Tel. 1 83 93), beim Weißen Ring Solingen (Tel. 01 51 / 55 16 47 84) oder beim Allgemeinen Sozialen Dienst der Stadt Solingen (Tel. 2 90 53 94). Weitere Informationen gibt es auf den Seiten der Polizei.

https://t1p.de/j7ka

Standpunkt: Schutz auf allen Ebenen

Von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Nicht genug, dass die Bedürfnisse von Kindern während der Pandemie oft hintenan gestellt werden – der anhaltende Ausnahmezustand bringt es mit sich, dass die Schwächsten der Gesellschaft in diesen Zeiten Übergriffen besonders schutzlos ausgeliefert sind. Darauf zumindest deuten die gesteigerten Fallzahlen im Bergischen zu Straftaten im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch und Kinderpornografie hin. Zwar mag es sein, dass diese zum Teil auf die intensivere Ermittlungsarbeit der Polizei zurückzuführen sind, was – bei aller Tragik hinter den Einzelschicksalen – eine positive Entwicklung ist. Als alleinige Erklärung taugt dies aber wohl nicht, zumal die Beratungsstellen verstärkt Anfragen zu diesen Themen zu verzeichnen haben. Deshalb ist es jetzt wichtiger denn je, Kinder und Jugendliche auf allen Ebenen zu schützen. In der Familie durch frühzeitiges Reagieren auf Alarmsignale, durch konsequente Strafverfolgung der Täter seitens Polizei und Justiz sowie durch die Politik, die für die Ermittler auch technisch die besten Arbeitsvoraussetzungen schaffen muss. Das Leid der Opfer darf gerade jetzt nicht aus dem Blickfeld geraten.

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