Polizei: „Heimflucht ist Alltag“

JUGENDHILFE 250 Kinder und Jugendliche wurden vergangenes Jahr in Solingen stationär untergebracht, weitere 200 in Pflegefamilien.

Von Susanne Koch

Der Fall von Hanna H., der 15-Jährigen, die aus einer Jugendhilfeeinrichtung in Hessen verschwunden ist und jetzt vermisst wird, beschäftigt die Solingerin Angelika L. sehr. Ihre 16-jährige Enkelin lebt derzeit in einem Mädchenheim im Ruhrgebiet. Die Eltern hatten das Jugendamt um Hilfe gebeten, als sie 15 Jahre alt war. „Seitdem war sie schon in über fünf Einrichtungen“, sagt Angelika L. „Von dort ist sie immer wieder abgehauen, hat sich mit Leuten aus der Szene getroffen, hat getrunken und Drogen genommen. Ich begreife nicht, wie das sein kann.“

POLIZEI-INFOSSTATISTIK Es gibt keine genauen Angaben, wie viele Kinder immer wieder aus Einrichtungen fliehen oder vorübergehend abgängig sind. Ein Polizeisprecher betont, dass es Alltag sei, dass Jugendliche aus Heimen ausbüchsen.„Heimflucht ist polizeilicher Alltag“, sagt ein Sprecher der Polizei. „Die meisten Jugendlichen kehren zurück. Wenn Jugendliche besonders gefährdet sind, zum Beispiel seelisch krank oder behindert, wird die Polizei sofort bei der Suche eingeschaltet.“

Jugendliche werden nur selten geschlossen untergebracht

Dass es in ganz Deutschland etwa 250 Plätze gibt, in denen Jugendliche „geschlossen“ untergebracht werden können, zeigt, dass nur selten zu einer solchen Maßnahme gegriffen wird. „Eine geschlossene Unterbringung ist nur dann möglich, wenn das Wohl des Kindes sehr gefährdet ist. Und wenn es für die Entwicklung des Kindes Sinn macht“, sagt Rüdiger Mann, Abteilungsleiter im Jugendamt. Beispielsweise, wenn sich eine Jugendliche prostituiert und immer wieder zu ihrem Zuhälter zurückkehrt.

Weder Eltern noch das Jugendamt können eine Unterbringung verfügen. „Das kann nur ein Familienrichter.“ Das Verfahren sei gesetzlich klar geregelt, und dabei haben die Jugendlichen Mitspracherecht. Sie müssen vom Richter angehört werden. Es wird ein psychologisches Gutachten bestellt. Und die Jugendlichen bekommen während dieses Prozesses einen Verfahrensbegleiter an die Seite gestellt. „Eine geschlossene Unterbringung dient immer nur dem Schutz der Kinder“, betont Rüdiger Mann. „Sie ist weder eine Straf- noch eine Erziehungsmaßnahme.“

„Für jeden Jugendlichen erstellen wir einen Hilfeplan“, sagt Jennifer Cyganek von der Fachstelle stationäre Hilfen der Stadt. „Und oft machen wir die Erfahrung, dass Eltern und Jugendliche sehr unterschiedliche Positionen einnehmen.“ Insgesamt nehmen die Auffälligkeiten bei Jugendlichen zu. Vor einer stationären Unterbringung in einem Heim, einer Wohngruppe oder in einer Pflegefamilie greifen andere Maßnahmen: Beratung, ambulante Hilfen, Therapien und Tagesgruppen. 2013 waren in Solingen 250 Kinder stationär untergebracht, 200 lebten in Pflegefamilien und 1100 Familien bekamen ambulante Hilfen.

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