Menschen im Fadenkreuz

Politische Tat? – Sahin Çalisirs Familie fordert Anerkennung

Der junge Sahin Calisir kurz vor seinem Tod bei einer Feier auf einer Bowlingbahn. Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich. Foto: privat
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Der junge Sahin Çalisir kurz vor seinem Tod bei einer Feier auf einer Bowlingbahn. Er hatte sein ganzes Leben noch vor sich.

Fünf Monate vor dem Brandanschlag an der Unteren Wernerstraße kommt es auf der A 52 zu einer Hetzjagd mit tödlichem Ausgang. Die Verfolger: Drei Männer aus Solingen.

Von Verena Willing

Der Zweite Weihnachtstag 1992: Sahin Çalisir aus Duisburg hat gerade seinen Führerschein. Der 20-jährige Deutsch-Türke möchte an diesem Abend mit zwei Freunden ausgehen. Seine Eltern wollen ihn noch davon abhalten, schließlich ist sein älterer Cousin Orhan zu Besuch. Doch der winkt ab: Lasst die Jungen mal machen. Also fahren Sahin, der eine Ausbildung zum Maschinenschlosser bei Thyssen macht, und seine Freunde mit einem geliehenen Fiat los in Richtung Rheinland. Schließlich ist der nächste Tag ein Sonntag. In der beliebten Düsseldorfer Bhagwan-Disco, unweit des Hauptbahnhofs, gehen die jungen Männer feiern.

Erst am frühen Morgen fahren die Freunde zurück. Sie sind auf der Autobahn 57, als ihnen plötzlich ein gelber Golf folgt. In dem Wagen sitzen drei Männer aus Solingen. Immer wieder fahren diese Männer Sahin und seinen Freunden dicht auf, betätigen die Lichthupe. Das Trio im Fiat gerät in Panik. Die jungen Männer wissen sofort: Das ist kein Spaß. Aus Angst davor, dass die Männer hinter ihnen womöglich Schusswaffen haben, ducken sich die drei Deutsch-Türken immer wieder.

Der Golf überholt den Fiat und verschwindet in der Dunkelheit. Sahin und seine Freunde atmen auf. Doch wenige Kilometer später steht der auffällige Wagen mit ausgeschalteten Lichtern an der Ausfahrt eines Parkplatzes. Als Sahin und seine Freunde an dem Parkplatz vorbeifahren, gehen die Lichter an, und die Solinger nehmen sogleich wieder die Verfolgung auf.

„Der Verfassungsschutz wollte seine Ermittlungen in der Solinger Szene nicht gefährdet sehen.“

Orhan Çalisir

Auf der Autobahn 52, kurz hinter dem Kreuz Kaarst, passiert es dann: Sahins Fiat wird von dem Golf gerammt. Der 20-jährige Fahranfänger verliert die Kontrolle über seinen Kleinwagen und bleibt an der Mittelschutzplanke stehen. Auch der Fahrer des Golfs kann seine Fahrt nicht fortsetzen. Die Männer rufen den drei Freunden etwas zu, drohen ihnen. Die Drei springen panisch aus dem Fiat. Sie wollen nur weg. Während Sahins Freunde über die Mittelschutzplanke springen und weglaufen, wird Sahin von einem nachfolgenden Fahrzeug erfasst. Der 20-Jährige stirbt noch an der Unfallstelle.

Menschen im Fadenkreuz: Politischen Hintergrund können oder wollen Ermittler nicht erkennen

Sahins Freunde rennen weiter – ohne zu wissen, dass sie ihren Freund nie wieder lebendig sehen werden. Ein Taxifahrer nimmt sie auf und fährt sie zu einer Tankstelle. Von dort aus verständigen Sahins Freunde die Polizei.

Im Solinger Tageblatt erscheint am Montag, 28. Dezember 1992, eine knappe Meldung über einen tödlichen Unfall auf der A 52. „Abgedrängt: Ein Toter“ lautet der Titel. Und genauso wird der Fall auch von den Behörden behandelt: Er landet schließlich Monate später als Verkehrsdelikt vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Neuss. Einen politischen Hintergrund der Hetzjagd können oder wollen die Ermittler nicht erkennen. „Das, was bei den NSU-Morden passiert ist, haben wir 20 Jahre vorher im Kleinformat erlebt“, sagt Sahins Cousin Orhan Çalisir, der den Prozess damals begleitet hat. Pikant: Der Fahrer des Golfs ist ein mehrfach vorbestrafter rechter Hooligan der Düsseldorfer Fortuna. Er kam unmittelbar nach der Hetzjagd auf der Autobahn in Untersuchungshaft. Ein Aktivist aus Wuppertal sagt, der Angeklagte habe kurz nach dem Unfall vom Gefängnis aus über das Opfer Sahin Çalisir folgende Zeilen in einem Brief geschrieben: „Das mit dem Herumlaufen hat sich für ihn erledigt“. Weiter erklärt der Wuppertaler: „Der Beifahrer des Angeklagten trainierte in der Kampfsportschule Hak Pao unter V-Mann Bernd Schmitt in Solingen-Gräfrath und war als Ordner für die rechtsextreme ‚Deutsche Liga für Volk und Heimat‘ tätig. Bei Hak Pao verkehrte ein Teil der späteren Brandstifter von Solingen.“

Wäre bei den Ermittlungen der politische Hintergrund der Solinger erkannt und verfolgt worden, wäre der Fall nicht vor einem Schöffengericht, sondern am Landgericht in Düsseldorf gelandet. Doch die Ermittlungen in der rechten Szene finden ein jähes Ende. Obwohl die Familie des Opfers als Nebenkläger auf einen politischen Hintergrund pocht.

Im Oktober 1993 wird der Fahrer des Golfs wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Verkehrsgefährdung zu 15 Monaten Haft verurteilt. Das ST titelt damals „Ausländerhass nicht erwiesen“. Und weiter im Artikel: „Einen politischen Hintergrund wollte das Gericht letztlich zwar nicht vollends ausschließen, doch dazu – so der Vorsitzende Richter abschließend – ,fehlen die Beweise’“.

Beweise hätte es nach Ansicht des Wuppertaler Aktivisten jedoch durchaus gegeben. Orhan Çalisir geht noch weiter. Bei der Kundgebung am Todestag seines Cousins im vergangenen Jahr sagt er: „Wenn sie damals direkt nach dem Tod von Sahin in den Neonazikreisen von Hak Pao richtig ermittelt hätten, hätte diese Katastrophe von Solingen meines Erachtens höchstwahrscheinlich verhindert werden können.“ Die Theorie von Orhan Çalisir: „Die wollten keine Beweise finden, weil der Verfassungsschutz seine Ermittlungen in der Solinger Szene nicht gefährdet sehen wollte.“ Haben Solinger Neonazis aus dem Dunstkreis der Kampfsportschule Hak Pao nur fünf Monate vor dem Solinger Brandanschlag einen jungen Deutsch-Türken in den Tod gehetzt? Und wurden Ermittlungen in diese Richtung womöglich eingestellt, um eine größere Operation des Verfassungsschutzes nicht zu gefährden? Das Solinger Tageblatt hat diese Fragen an die Behörde in Düsseldorf gerichtet. Der Verfassungsschutz ließ sie unbeantwortet.

Orhan Çalisir möchte, dass seines Cousins Sahin gedacht wird. Er sei kein Verkehrstoter, sondern ein Opfer rechter Gewalt gewesen. Der Fall ist in Deutschland von offizieller Seite jedoch nicht als solcher anerkannt. Mindestens 213 Menschen sind laut einer Zählung der Amadeu Antonio Stiftung in Deutschland seit 1990 von rechtsradikalen Tätern getötet worden. Für die Stiftung, die sich für Opfer rassistischer Gewalt starkmacht, gehört auch der Fall von Sahin Çalisir dazu.

Hintergrund

Das Projekt: „Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors” ist eine Kooperation elf renommierter Regionalmedien – darunter auch das Solinger Tageblatt – in Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring e.V., unter Leitung des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv.

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Die Ausstellung: Bis Freitag, 2. Juli, war die Ausstellung „Menschen – Im Fadenkreuz des rechten Terrors“ am Fronhof zu sehen. Von dort aus geht es nach Dortmund, Köln, Kassel, Schorndorf, Winnenden, Waiblingen, Nürnberg, München, Rostock/ Greifswald und Berlin.

Die Autorin: Verena Willing arbeitet seit 2012 als Redakteurin beim Solinger Tageblatt. Mit den Recherchen für dieses Projekt war sie viele Monate befasst.

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