9. November

Pogromnacht: Gedenken mahnt im Hier und Jetzt

Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, sprach gestern beim Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938.
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Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde, sprach am Mittwoch beim Gedenken an die Pogromnacht vom 9. November 1938.

Erinnerung an Pogromnacht vor 84 Jahren – Gang führte von der ehemaligen Synagoge zur Stadtkirche.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Heinz Dessauer, Dr. Alexander Coppel, Hedwig Löb und Anita Levi waren nur vier von vielen Namen. Und jeder davon stand für die Ermordung eines jüdischen Menschen. Jugendliche der Solinger Schulen trugen die Namen am Mittwoch, auf Schildern geschrieben, bei dem Mahngang, der von der ehemaligen Synagoge an der Malteserstraße zur Stadtkirche führte.

Zuvor hatte es auf dem Schulhof des Gymnasiums Schwertstraße neben dem Bunker, der auf dem Gelände der Synagoge errichtet worden war, eine Gedenkfeier gegeben – 84 Jahre nach der Pogromnacht vom 9. November 1938. „Damals hatten Nationalsozialisten die Synagoge in Brand gesetzt, den jüdischen Friedhof und jüdische Geschäfte in der Stadt und in ganz Deutschland verwüstet“, erinnerte Kirsten Dicke, kommissarische Leiterin des Gymnasiums Schwertstraße, „an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte“.

Der 9. November sei aber mit Blick auf den Mauerfall im Jahr 1989 auch ein Tag der Versöhnung und Hoffnung, dankte Kirsten Dicke den vielen anwesenden Schülern, die zu der Gedenkveranstaltung gekommen waren. Dazu eingeladen hatten die Stadt, Bündnis für Toleranz und Zivilcourage, Jugendstadtrat, Max-Leven-Zentrum und die Kirchen.

Für die Jüdische Kultusgemeinde ergriff deren Vorsitzender Leonid Goldberg das Wort. „Meine Großmutter hat immer gesagt, sag niemals, dass du Jude bist“, begann er seine eindrucksvolle Ansprache. Die eigene Identität zu verstecken, um kein Leid zu erfahren, mit ständiger Angst zu leben, diese Erfahrung machten auch heute viele Mitglieder der Jüdischen Gemeinde. 1555 antisemitische Straftaten habe es bereits in diesem Jahr in Deutschland gegeben.

„Grenze dessen, was akzeptiert wird, verschiebt sich“

Goldberg beklagte, dass die Grenze dessen, was von der Gesellschaft akzeptiert werde, sich immer weiter verschiebe, erinnerte an den Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 am jüdischen Feiertag Jom Kippur, an Kunstwerke mit antisemitischem Bezug auf der Documenta. „Auf der anderen Seite sehen wir aber auch, dass gerade in Solingen in den vergangenen Jahren viel für das jüdische Leben getan wurde“, ging sein Dank an die Stadtgesellschaft.

Chaim Kornblum, Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde, erinnerte mit einem gesungenen jüdischen Gebet an die Millionen Opfer der Shoah.

Zuvor hatte Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) an die Anwesenden mit eindringlichen Worten appelliert, nie zu vergessen. Ebenso wichtig sei es aber, nicht nur über 1938, sondern auch über das Hier und Jetzt zu sprechen. „Es darf nicht sein, dass auf Schulhöfen oder in Chatgruppen das Wort Jude wieder ein Schimpfwort ist“, klagte er an.

Andererseits dürfe man auch nicht immer „die Jugend“ vorschieben. „Es sind nicht nur die Jungen, nicht nur die Stadt, die Kirchen und Verbände dafür verantwortlich, dass unser Zusammenleben zukünftig gelingt. Dafür muss jeder von uns aktiv etwas tun.“

Über die Malteserstraße und die Goerdelerstraße, die dafür kurzzeitig für den Verkehr gesperrt waren, ging der Mahngang, dem etwa 200 Menschen folgten, dann zur Stadtkirche.

Dort sprach neben Pfarrerin Friederike Höroldt auch Sinja Waldmann vom Jugendstadtrat. Mit dem Gedicht „Wir reisen gemeinsam“ von Rose Ausländer brachte sie die Angst der jungen Generation zum Ausdruck, dass die Gesellschaft derzeit eben nicht mehr gemeinsam, mit dem gleichen Ziel vor Augen, unterwegs sei.

Daniela Tobias und Finn Grimsehl-Schmitz vom Max-Leven-Zentrum stellten abschließend das Kinderbuch „Wer rettet Bella?“ über die Geschichte der in Solingen geborenen Jüdin Bella Tabak vor. Am Nachmittag gab es dann eine Familienführung auf den Spuren von Bella Tabak.

Heimatwerkstatt

Nach dem Festakt zum 150. Jahrestag der Einweihung der Solinger Synagoge im März wurden in Workshops jüdische Geschichte und jüdisches Leben erarbeitet. Die Ergebnisse werden am 14. November, 17.30 Uhr, im Zentrum für verfolgte Künste vorgestellt. Teilnahme kostenlos.

Anmeldung: max-leven-zentrum@solingen.de

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