Erinnerung

Pogrom von 1938 wirkt bis in die Neuzeit

Am Birkenweiher 43 erinnert heute ein Stolperstein an das Schicksal von Prof. Dr. Eduard Schott. Der frühere Klinik-Direktor hatte als Jude bereits Berufsverbot, floh in die USA. Sein Sohn Francis schildert die Erlebnisse in der Nacht des Reichspogroms am 9. November 1938. Foto: Andreas Horn
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Am Birkenweiher 43 erinnert heute ein Stolperstein an das Schicksal von Prof. Dr. Eduard Schott. Der frühere Klinik-Direktor hatte als Jude bereits Berufsverbot, floh in die USA. Sein Sohn Francis schildert die Erlebnisse in der Nacht des Reichspogroms am 9. November 1938.

Francis Schott ist Solinger Zeitzeuge. Er emigrierte in die USA. Anti-Semitismus von heute erschreckt ihn.

Gastbeitrag von Dr. Francis H. Schott

Dr. Francis H. SchottEinführung: Francis Schott ist heute 92 Jahre alt. Er erlebte als Zwölfjähriger am Birkenweiher die Pogromnacht vom 9. November 1938 hautnah, als SA-Schergen die elterliche Wohnung überfielen und verwüsteten. 1945 emigrierte er in die USA, wo sein Vater, der jüdische Arzt Dr. Eduard Schott, bereits nach seiner Flucht vor den Nazis lebte. Er schrieb seinen Essay zum 80. Jahrestag der „Reichskristallnacht“, die heute als Reichspogromnacht bezeichnet wird, unter dem Eindruck der elf Toten von Pittsburgh Ende Oktober. Er weist eindringlich darauf hin, dass Antisemitismus auch in den USA ein gesellschaftliches Problem ist. (siehe Kasten)

Dr. Francis H. Schott

„Fort, verdammter Fleck“, ruft Lady Macbeth, als sie ihre mörderischen, blutbesudelten Hände betrachtet. Aber der Makel will nicht weichen.

Dies ist exakt die Grundstimmung – und es beschreibt die Wahrheit – wenn man sich in Deutschland mit dem Holocaust auseinandersetzt. Man darf wohl behaupten, dass es mit dem Angriff auf die Grundfreiheiten der Juden sowie auf deren privates und öffentliches Eigentum in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 begann. Das Pogrom, angezettelt auf höchsten Nazi-Befehl und ausgeführt von ihren SS- und SA-Truppen, markierte den Beginn der Ausrottung des europäischen Judentums. Die folgenden sieben Jahre waren gekennzeichnet von Terror, Verzweiflung und massenhaftem Sterben.

Wo steht Deutschland, wo steht die Welt 80 Jahre danach in Hinsicht auf die grauenvollen Tatsachen der Geschichte? Nach einer kurzen Phase des Zögerns ist das offizielle Deutschland über die Jahrzehnte seinen Verpflichtungen nachgekommen. Die Entschädigung des Staates Israel und der überlebenden Opfer war angemessen. Der Schutz des wiederhergestellten jüdischen Eigentums, der Synagogen und Friedhöfe, war beispielhaft. Erinnerungen an den Holocaust und Gedenkstätten wurden geachtet. Die Übernahme der historischen Verantwortung äußerte sich in zahlreichen Berichten über längst ausgelöschte jüdische Gemeinden, deren Schicksal in vielen deutschen Städten von lokalen Historikern dokumentiert wurde, gleichsam als ein Akt selbstauferlegter Sühne.

Ein beeindruckendes Beispiel uneigennützigen Wirkens ist eine gründlich dokumentierte Nachforschung über das Schicksal von annähernd 8000 jüdischen Ärztinnen und Ärzten, denen im September 1938 die Berufserlaubnis entzogen worden war. Eine mit zeitgenössischen Bilddokumenten ausgestattete Wanderausstellung wird seit dem Jahr 2008 in deutschen Krankenhäusern und in öffentlichen Einrichtungen gezeigt.

Der Faschismus und mit ihm der Antisemitismus sind nicht tot

Mein Vater, ein Pionier der Kardiologie und ehemaliger Chefarzt des Städtischen Krankenhauses in Solingen, ist unter den Medizinern, die mit dieser Ausstellung geehrt wurden. Eine Gedenktafel erinnert im Foyer des Solinger Klinikums an ihn.

Doch trotz alledem, trotz aller Bemühungen um Wiedergutmachung, der Makel will nicht weichen. Gewiss, mit der Zeit scheint er zu verblassen, doch dann wird er wieder deutlich sichtbar. Halten wir fest: Der Faschismus und mit ihm der Antisemitismus sind nicht tot. Daran hat uns Madeleine Albright (frühere US-Außenministerin, die Redaktion) jüngst klar erinnert – und die aktuellen Schlagzeilen in den Medien bestätigen dies. Man denke nur an den plötzlichen Aufstieg einer neuen rechtsgerichteten Partei in Deutschland, die das Potenzial hat, das Regieren von Angela Merkel erheblich zu erschweren. Oder wir denken an nationalistische Umtriebe in Ländern wie Österreich, Ungarn und Rumänien, wo vor nicht allzu langer Zeit den Nazis ergebene oder mit ihnen kollaborierende Regierungen an der Macht waren.

Warum beunruhigen uns Überlebende der „Kristallnacht“ und der nachfolgenden Verbrechen diese Rückfälle in vermeintlich längst vergangene Zeiten? Mehr noch, warum empört und erschreckt diese Entwicklung die betagten Überlebenden des Holocaust? Zweifellos ist die Monströsität der gegen uns verübten Verbrechen der Hauptfaktor zur Erklärung dieser Reaktion.

DER AUTOR

DR. FRANCIS H. SCHOTT Der Autor ist der Sohn eines früheren Chefarztes am Solinger Krankenhaus, der 1939 vor der Verfolgung durch die Nazis aus Deutschland floh. Er selbst emigrierte 1946 in die USA und machte dort eine bemerkenswerte Karriere als Wirtschaftswissenschaftler in öffentlichen Ämtern und im Privatsektor. Der Text wurde aus dem Englischen übersetzt und von Francis Schott in dieser Version autorisiert.

Es ist die offen demonstrierte Möglichkeit der Abschaffung dessen, was wir als das Wesen des Menschseins betrachten –wiederholte Male durch schaurige Nachahmer vom Schlage eines Idi Amin, eines Pol Pot und eines Slobodan Milosevic vorgeführt, das uns unglücklicherweise von der Notwendigkeit tief besorgt zu sein überzeugt. Wenn man darüber hinaus erkennen muss, dass es ein weltweit durchsetzbares Veto für lokale Massenverbrecher wahrscheinlich nicht geben wird, dann mag man verstehen, warum ein Pogrom von vor 80 Jahren und das Geschehen danach derart heftig bis in unsere heutige Zeit nachwirkt.

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