Zur Sicherheit

Pflege soll sich auf Blackout vorbereiten

Im Tagungsraum 3 im Theater und Konzerthaus kam die Kommunale Konferenz Alter und Pflege zusammen.
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Im Tagungsraum 3 im Theater und Konzerthaus kam die Kommunale Konferenz Alter und Pflege zusammen.

Dezernent hält Ausfälle bei Gas und Strom für eher unwahrscheinlich, möchte aber nichts ausschließen.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Die Konzepte liegen vor. Mit ihren Teams der Awo Sozialstation gGmbH hat sich Nicola Mertens auf mehrere Szenarien vorbereitet, sollte die Strom- und Gasversorgung im Zuge der Energiekrise zusammenbrechen. Ziel ist, die ambulante Pflege auch im Notfall aufrechtzuerhalten. „Pläne zu haben, gibt ein gutes Gefühl – Mitarbeitern und Kunden“, sind sich die Bereichsleiterin und ihre Solinger Pflegedienstleiterin Christina Lüneschloß einig.

„Entwicklung einer Notfallplanung vor dem Hintergrund eines möglichen Ausfalls der Strom- und Gasversorgung“ stand am Mittwoch auf der Tagesordnung der Kommunalen Konferenz Alter und Pflege. Was nach Absprache eines gemeinsamen Vorgehens der ambulanten sowie stationären Pflege klang, glich eher einem Appell. Vorsitzender Jan Welzel (CDU) mahnte: „Wir müssen Vorsorge treffen.“

Panik möchte der Sozialdezernent nicht verbreiten. Stand jetzt halte er sowohl eine Gasmangellage als auch einen Blackout, also weitflächigen Stromausfall über längere Zeit, für eher unwahrscheinlich. „Ausschließen lässt sich das aber nicht“, betonte Welzel.

Die Verwaltung treffe Vorkehrungen, um die öffentliche Sicherheit und Ordnung auch im Extremfall zu gewährleisten. Dies sei unter anderem durch im Müllheizkraftwerk erzeugte Wärme und Strom möglich. Das käme etwa dem Klinikum und der Feuerwehr zugute. Notstromaggregate sichern die Wasserversorgung.

Aber: „Darüber hinaus haben wir keine Kapazitäten. Ich habe im Katastrophenfall keine Pflegelandschaft auf Reserve.“ Deshalb sei es an den Einrichtungen, entsprechende Strategien zu erarbeiten. Welzel warb für dezentrale Organisation. Die Kräfte in den Alten- und Pflegeheimen seien am besten über die Gegebenheiten vor Ort im Bilde.

Dabei gehe es nicht nur um Energie und Vorräte. Auch das Personal könnte ein Flaschenhals sein. „Was ist, wenn die Angestellten in dieser Ausnahmesituation bei ihren Familien bleiben wollen?“, fragte Jan Welzel. Deshalb sprach er sich für einen Notfalldienstplan aus, der auch die Angehörigen bedenkt.

„Ich habe keine Pflegelandschaft auf Reserve.“

Jan Welzel, Beigeordneter

„Ich bin froh über jede Institution, die 72 Stunden ohne Strom auskommen könnte“, betonte der Dezernent. Darauf arbeite die Altenzentren der Stadt Solingen gGmbH hin, erklärte Prokurist Martin Schlücking. Was das im Detail bedeutet, beantwortete Geschäftsführer Peter Knoch auf ST-Anfrage. Die Ziele seien, „präventive Maßnahmen zu ergreifen, um die Folgen eines mehrtägigen flächendeckenden Strom- und/oder Gasausfalls zu minimieren“. Dafür wird mit Experten ein Konzept erarbeitet. Zu den Maßnahmen zählen das Aufstocken von Lagerbeständen und Überlegungen zu alternativen Kochmöglichkeiten, Kälteschutzmaßnahmen und zum Umgang mit stromabhängigen Medizinprodukten.

Auch im ambulanten Bereich gibt es Herausforderungen. Die Awo Sozialstation gGmbH hat präventive Maßnahmen ergriffen. So wurden die Vorräte an Hygieneartikeln aufgestockt. Gleiches gilt mit Blick auf Getränke für die Belegschaft. Die Autos des Pflegedienstes wurden mit Taschenlampen, Decken und Lademöglichkeiten für Handys ausgestattet. Wichtige Dokumente liegen nicht nur digital, sondern auch in Papierform vor.

Neues Konzept der Stadtspitze: So soll Solingen Energie sparen

Darüber hinaus haben Christina Lüneschloß und ihr Team Abläufe für den Ernstfall definiert und die Belegschaft geschult. Festgelegt ist, wie sich die Führungskräfte zum Beispiel während eines kompletten Kommunikationsausfalls zu verhalten haben und ab wann automatisch Notfallbesprechungen stattfinden. Spitzt sich die Lage so zu, dass der Pflegedienst nicht mehr auf seinen Fuhrpark zurückgreifen kann, existieren Pläne, die Pflegebedürftigen zu Fuß anzusteuern.

Nicola Mertens appelliert an alle Angehörigen, sich bereits heute Gedanken zu machen, wie sie sich im Notfall innerhalb der Familie gegenseitig unterstützen können. Dabei denkt sie etwa daran, dass wichtige Medikamente in ausreichender Menge vorhanden sind sind und niemand längere Zeit alleine sein muss.

Zudem wünscht sich die Diplom-Betriebswirtin einen besseren Austausch der Pflegedienste untereinander: „Wenn es hart auf hart kommt, müssen wir wissen, wer noch Kapazitäten hat, sich um Menschen zu kümmern.“ Nicht nur sie sprach sich am Mittwoch für eine einheitliche Kommunikationsstruktur im Notfall aus.

Konferenz

Die Kommunale Konferenz Alter und Pflege tagt zweimal jährlich. Ihr Ziel ist, „die Zusammenarbeit der Kommune, der im pflegerischen und vorpflegerischen Sektor tätigen Dienstleister sowie der Pflegekassen zu fördern“. Die Mitglieder kommen aus genanntem Kreis.

Passend zum Thema: So wollen Solinger Behörden Energie sparen

Standpunkt: Erschütternd

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Es ist erschütternd, wie schlecht Deutschland auf substanzielle Krisen vorbereitet ist. Das hat zunächst die Corona-Pandemie offenbart, zu deren Beginn dringend benötigtes medizinisches Material Mangelware war. Die Energiekrise bestätigt nun erneut, dass dem Katastrophenschutz in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig Bedeutung beigemessen wurde. Die Konsequenz: Die allermeisten Institutionen und Privatleute sind weitestgehend unvorbereitet in die Krise geschlittert, müssen nun kurzfristig Konzepte für den Ernstfall erarbeiten. Bleibt zu hoffen, dass der nicht eintritt.

Jan Welzel zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass es im Winter weder zu einer Gasmangellage noch zu einem Blackout kommt. Dennoch ist es richtig, dass Solingens Beigeordneter die Mitglieder der Kommunalen Konferenz Alter und Pflege in dieser Woche noch einmal für das Thema sensibilisiert hat. Denn bei allen Unsicherheiten steht fest: Wenn Gas und Strom einmal ausbleiben, ist es zum Gegensteuern zu spät.

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