Sozialarbeit

Personalmangel gefährdet Jugendschutz

Birgit Köppe-Gaisendrees, Kinderschutzambulanz
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Birgit Köppe-Gaisendrees, Kinderschutzambulanz

In Kitas und im Allgemeinen Sozialen Dienst fehlen Fachkräfte. Diese Maßnahmen ergreift nun die Stadt.

Von Kristin Dowe

Solingen. Hohe Fallzahlen bei immer weniger Mitarbeitenden – wie viele Jugendämter in Nordrhein-Westfalen trifft dieses Problem auch die Solinger Behörde. „Es wird immer schwieriger, Fachkräfte zu finden. Der Arbeitsmarkt ist ziemlich leer“, teilt der Leiter des Solinger Jugendamtes, Rüdiger Mann, auf ST-Nachfrage mit. Dies gelte sowohl für Erzieherinnen und Erzieher als auch für Beschäftigte in der Sozialarbeit. Gleichzeitig versichert er: „Wir setzen weiter auf Qualität bei Fachkräften und werden nicht jeden einstellen.“ Etwa mit attraktiven Angeboten im Gesundheitsmanagement und guter Vereinbarkeit von Familie und Beruf unternehme die Behörde bereits einige Anstrengungen, um Beschäftigte an die Stadt Solingen als Arbeitgeberin zu binden.

Einfacher wird es für die Stadt dennoch nicht, personelle Lücken zu stopfen. So sind im Bereich Kita aktuell 22 Stellen vakant, freie Stellen im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) können erst Anfang 2023 besetzt werden, heißt es aus dem Rathaus. Sofern im ASD nicht alle Stellen besetzt sind, greife ein Notfallplan, „der sicherstellt, dass Kinderschutzfälle in jedem Fall unverzüglich und ohne Einschränkung der Standards bearbeitet werden können“.

Zahl der Ausbildungsplätze wurde maximal hochgefahren

Bei den Kindertagesstätten ergreife die Stadt ebenfalls Maßnahmen, um Nachwuchs zu gewinnen: „Wir haben die Zahl der Ausbildungsplätze bereits auf maximale Höhe hochgefahren, die im Hinblick auf eine solide Ausbildung vertretbar ist.“ Somit gebe es rechnerisch in jeder Gruppe der städtischen Kitas einen Ausbildungsplatz beziehungsweise einen Platz für ein Berufspraktikum.

Aktuell werden in den Solinger Kitas 56 Berufseinsteiger ausgebildet. In den Einrichtungen sei vor allem die Phase nach den Lockdowns für alle Beteiligten eine Herausforderung gewesen, da die Kinder erst mal wieder an den Kita-Alltag gewöhnt werden mussten. Der Allgemeine Soziale Dienst wird zudem aktuell von vier Studierenden der Fliedner Fachhochschule Düsseldorf unterstützt – weitere sollen laut Rathausangaben eingearbeitet werden. Für die Koordination zeichnet bei der Stadt die Fachstelle Kinderschutz verantwortlich.

Jugendamtsleiter Rüdiger Mann                                        

Die Einarbeitung der Mitarbeiter im ASD sei insbesondere im Bereich Kinderschutz aufwendig, zumal die Studienabsolventen mit unterschiedlichen Voraussetzungen ihre Tätigkeit aufnähmen. „ Für 2023 ist geplant, ein umfassendes Einarbeitungskonzept zu erstellen“, kündigt Mann an. Auch werde es im kommenden Jahr einen Fachtag zum Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche für die Abteilung geben.

Die zunehmende Belastung der Mitarbeitenden in den Jugendämtern sei ein Phänomen, das bei weitem nicht nur Solingen betreffe, weiß Birgit Köppe-Gaisendrees, Leiterin der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Bergisch Land, zu berichten. Der Verein arbeitet intensiv mit Jugendämtern in ganz NRW zusammen. „Das Problem, dass Stellen nicht besetzt werden, ist in den Behörden ein Dauerthema“, beobachtet sie. Gerade im Bereich Kinderschutz arbeiteten die Beschäftigten oft unter einem hohen psychischen Druck. „Bei vielen schwingt die ständige Sorge mit, etwas zu übersehen.“

Wenn es um die Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung geht, kämen gerade unerfahrene Mitarbeiter schnell an ihre Grenzen – zudem fehle es in den Behörden an einer umfassenden Einarbeitungszeit. Den Beschäftigten sei dies keineswegs anzulasten – im Gegenteil: „Ich erlebe bei den Mitarbeitern zum größten Teil ein großes Bemühen um das Wohlergehen der Kinder.“

Für Kinder, die sich in einer prekären Situation befinden, könne die hohe Fluktuation in den Behörden und ein häufiger Wechsel der Zuständigkeit gefährliche Konsequenzen haben. So sei gerade deshalb kontinuierliche Fortbildung unerlässlich, betont Köppe-Gaisendrees. „Die praktische Erfahrung ist am wichtigsten.“

Hintergrund

Im Pandemie-Jahr 2020 hatte die Zahl der akuten Kindeswohlgefährdungen mit 64 Fällen und insgesamt 753 Verfahren zu Gefährdungssituationen in Solingen einen Höchststand erreicht. In diesem Jahr hatte das Jugendamt bislang 387 Verfahren zu verzeichnen, darunter 32 akute Kindeswohlgefährdungen.

Standpunkt von Kristin Dowe: Kreativität gefragt

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Sicherlich ist der öffentliche Dienst nicht der einzige Sektor, der zurzeit händeringend Fachkräfte sucht – ist vom Personalmangel aktuell doch eine Vielzahl von Branchen betroffen. Doch in Jugendämtern kann das Problem für hilfebedürftige Familien gravierende Folgen haben, wenn Beschäftigte bei der Bearbeitung von Fällen kaum noch nachkommen und Berufseinsteiger nicht in dem Maße eingearbeitet werden können, in dem es eigentlich erforderlich wäre.

Gerade wenn es etwa um die Beurteilung von gefährlichen Situationen für Kinder und Jugendliche geht, brauchen Studienabsolventen noch Rückhalt und Unterstützung von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen. Eine dünne Personaldecke und hohe Fluktuation bei den Ansprechpartnern kann den Nährboden für Fehleinschätzungen bereiten, die den Beschäftigten dann nicht einmal vorzuwerfen sind. Wie in der freien Wirtschaft ist es für Behörden nicht einfacher geworden, als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. Hier sind kreative Lösungen gefragt.

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