Integration der geflüchteten Kinder aus der Ukraine

Personal an Schulen in Solingen soll aufgestockt werden

Dirk Bortmann ist Vorsitzender der GEW Solingen. Archivfoto: cb
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Dirk Bortmann ist Vorsitzender der GEW Solingen.

Bildungsgewerkschaften sehen noch Herausforderungen bei Beschulung ukrainischer Kinder.

Von Kristin Dowe

Solingen. Auf die Schulen in NRW kommen Herausforderungen zu – knapp 8800 ukrainische Kinder werden aktuell bereits im Land unterrichtet, so dass NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) zum einen die Mittel für Vertretungsunterricht um 3,5 Millionen Euro erhöhen und zum anderen 1052 Lehrerstellen zusätzlich für die Beschulung der geflüchteten Kinder schaffen will. Wie viele der Stellen in Solingen entstehen werden, sei noch unklar, da die Stellen noch nicht zugewiesen wurden, heißt es auf ST-Nachfrage bei der Bezirksvertretung Düsseldorf.
Im Sommer sollen rund 30 ukrainische Kinder in Solingen eingeschult werden

Dirk Bortmann, Vorsitzender des Solinger Stadtverbandes der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), ist skeptisch, dass die vom Land angekündigten Stellen tatsächlich die personellen Probleme insbesondere an den Grund- und Förderschulen lösen werden. „Das halte ich für eine Luftnummer. Da können noch so viele Stellen versprochen werden, wenn die Leute dafür einfach nicht da sind.“ Die Lehramtsanwärter, die jetzt mit ihrer Ausbildung fertig werden, reichten bei weitem nicht aus, um die regulären Stellen zu besetzen, kritisiert Bortmann. Dies sei nicht zuletzt auf die aus seiner Sicht ungerechten Gehaltsunterschiede bei Lehrkräften der Primar- und Sekundarstufe I und solchen der Sekundarstufe II zurückzuführen, was bei ersterer Gruppe für eine geringere Nachfrage bei Lehramtsinteressenten sorge. „Die Gesamtschulen sind schon rappelvoll und sie müssen schon die zusätzliche Belastung durch die Inklusion stemmen. Ich befürchte, dass sich die Situation durch die neuen Schüler aus der Ukraine noch verschärfen könnte.“ Derweil seien die Bemühungen der Schulen in Solingen groß, die geflüchteten Kindern so gut wie möglich aufzunehmen und eigene Klassen zusammenzustellen, bis die ukrainischen Kinder irgendwann am regulären Unterricht teilnehmen können. „Die Schulen dürfen nur nicht damit allein gelassen werden.“

Auch Jens Merten, Vorsitzender des Solinger Stadtverbandes Bildung und Erziehung (VBE), warnt davor, die Beschulung der ukrainischen Kinder als Selbstläufer zu betrachten: „Integration muss neu gedacht werden, denn wir dürfen nicht glauben, dass die in der Flüchtlingswelle 2015 entwickelten Verfahren und Strukturen ohne weiteres für die jetzige Situation passen. An erster Stelle müssen die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen stehen, die zu uns kommen.“ Dabei gehe es vor allem um „Schutz, Frieden und die Schrecken, die ihnen zuteilwurden“.

VBE-Kollegin Saskia Degenhardt lobt ausdrücklich die große Einsatzbereitschaft der Schulen mit Blick auf die geflüchteten Familien und fordert gleichzeitig: „Damit diese Solidarität hält, wenn es zu Einschränkungen an Schulen und Kitas kommt, muss die Politik ehrlich darüber aufklären, welche Konsequenzen die noch nicht abzusehende Zahl von Kindern und Jugendlichen für Schulen und Kitas haben kann, die wir aufnehmen und denen wir ein angemessenes Bildungsangebot machen wollen.“ Das Bildungssystem sei ohnehin seit Jahren unterfinanziert und weise eine zu dünne Personaldecke auf. Merten: „Wir werden in allen Schulen und Kitas enger zusammenrücken müssen. Das wird für uns alle eine große Herausforderung.“

Lesen Sie auch: So läuft die Ankunft für Geflüchtete aus der Ukraine in Solingen

Standpunkt: Schulen nicht allein lassen

Kommentar von Kristin Dowe

kristin.dowe@ solinger-tageblatt.de

So groß die Einsatzbereitschaft der Solinger Schulen auch ist, den aus der Ukraine geflüchteten Schülern einen möglichst guten Start in den Schulalltag zu bereiten – sofern man bei den teils stark traumatisierten Kindern und Jugendlichen überhaupt von Alltag sprechen kann –, so gewaltig werden die Herausforderungen für das gesamte Bildungssystem in den kommenden Monaten sein. Denn die personelle Situation ist gerade im Bereich der Grund- und Förderschulen ohnehin angespannt, und die Schulen werden die vom Schulministerium versprochene Verstärkung der Lehrkräfte dringend brauchen. Vor allem Sprachmittler werden gefragt sein, denn die ukrainischen Kinder und Jugendlichen werden erst mal Grundkenntnisse der deutschen Sprache erwerben müssen, bevor an regulären Unterricht für sie überhaupt zu denken ist. Wichtig dabei ist es, sie einfühlsam an die Hand zu nehmen und sie nicht zu überfordern. Sie haben Schreckliches durchgemacht. Die Politik darf die Schulen bei dieser Herkulesaufgabe nicht allein lassen und muss die finanziellen und personellen Ressourcen dafür zur Verfügung stellen. Damit die solidarische Stimmung nicht irgendwann kippt.

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