Andacht

Pandemie – eine Art Winter für die Seele

Kurt Dohmen ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Seit vier Jahren ist er als katholischer Diakon im Solinger Westen tätig. Fotos: Paul Grünewald/Michael Schütz
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Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der katholische Diakon Kurt Dohmen.

Liebe Leserinnen und Leser,

in diesen Tagen war ich zu Besuch bei meiner Mutter und jammerte über diese dunkle, kalte und nasse Zeit zu Beginn des Jahres. Die schöne Weihnachtszeit ist vorüber und bis zum Frühling sind es zwei Monate, die ich am liebsten jedes Jahr streichen würde. Meine Mutter sieht das aber ganz anders. Ihre Augen vertragen helles Licht nicht gut, und sie genießt die Stille und das Ruhen der Natur in diesem Tagen.

Kurt Dohmen ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Seit vier Jahren ist er als katholischer Diakon im Solinger Westen tätig.

Nun denke ich an einen Spruch von Peter Feichtinger: „Wer die Stille meidet, meidet sich selbst.“ Ja, je nach Wahrnehmung ist die Winterzeit auch eine sehr wichtige Zeit. Durch die Pandemie sind wir seit Monaten gezwungen, viel Zeit allein oder im kleinen Kreis zu verbringen. Aber vielleicht ist die ganze Pandemie eine Art Winter für uns und unsere Seelen, damit wir mal nicht vor uns selbst weglaufen.

Jeder und jede muss natürlich selbst wissen, wie der richtige Weg durch Stille und Alleinsein führt. Manche lassen den ganzen Tag den Fernseher oder das Radio laufen oder finden andere Möglichkeiten, um sich abzulenken. Andere haben ausgemistet oder räumen auf. Ich finde, das ist ein guter Anfang, zu sich selbst zu kommen. Nicht wenige machen die Erfahrung, dass Ausmisten und Aufräumen auch der Seele guttut. Aber wirklich zu uns selbst finden wir wohl nur, wenn wir die Stille suchen oder wenigstens aushalten.

In den biblischen Texten der heiligen Messen in der Zeit nach Weihnachten geht es oft um Berufung. Samuel hört in der Stille der Nacht, wie sein Name gerufen wird, und als endlich klar ist, dass Gott ihn ruft, antwortet er: „Rede, denn dein Diener hört.“ Im Hören auf die Stille entdeckt Samuel seine Berufung. (1 Sam 3,3b–10.19)

Berufung, das klingt für viele so hochgestochen, als ob nur eine Berufung zum Priestertum oder in ein Kloster eine Berufung wäre. Für mich ist Berufung aber etwas viel weiter Gefasstes. Berufung heißt für mich, zu erkennen, wozu ich auf dieser Welt bin. Es geht im Leben nicht darum, die Kopie von jemand anderem zu sein.

Vielleicht muss es aber auch gar nicht um die großen Lebensentscheidungen gehen. Die Frage könnte auch sein: Wozu bin ich heute berufen? Was soll mein nächster Schritt sein? Der jung verstorbene Schauspieler Heath Ledger sagte einmal: „Jeder fragt, was man beruflich macht, ob man verheiratet ist oder ein Haus besitzt, als ob das Leben eine Art Einkaufsliste wäre. Aber niemand fragt jemals, ob du glücklich bist.“

Du selbst zu sein, ist die größte Errungenschaft

Wenn das so ist, ist es vielleicht an der Zeit, sich selbst diese Frage zu stellen: Bin ich glücklich? Eine solche Frage führt mich zu dem, was Gott von mir – heute – möchte, wozu er mich – heute – beruft. Andere Fragen können lauten: Wo spüre ich Lebendigkeit? Was erfüllt mich mit anhaltender Freude und innerem Frieden? Wie würde Jesus handeln? Bin ich auf dem Weg der Liebe?

Die Winterzeit kann eine Einladung sein, sich solchen Fragen zu stellen und herauszufinden, wozu Gott mich geschaffen hat. Und so schließe ich mit einem weiteren Zitat, diesmal vom Ralph Waldo Emerson: „Du selbst zu sein in einer Welt, die dich ständig anders haben will, ist die größte Errungenschaft.“

Ihr Diakon Kurt Dohmen

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