Theater

„Orlando“ fordert das Publikum

Claudia Gahrke und Marc Weigel lieferten zum Leben erweckte Literatur-Zitate aus „Orlando“.
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Claudia Gahrke und Marc Weigel lieferten zum Leben erweckte Literatur-Zitate aus „Orlando“.

Regisseur Andreas Schäfer begab sich auf die spannende Spur von Virginia Woolf.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Viel Beifall gab es am Sonntagnachmittag für die Premiere des „Orlando-Projekts“. Mehrfach durch die Pandemie verschoben, konnte das künstlerische Team um Regisseur Andreas Schäfer nun endlich das Ergebnis seiner intensiven Auseinandersetzung mit dem literarischen Werk der Schriftstellerin Virginia Woolf vorlegen. Sie spielt darin mit Aspekten von Geschlecht und Identität, befasst sich aber auch mit dem Prozess des Schreibens.

„Orlando“ – ein englischer Adeliger, der auf wundersame Weise vier Jahrhunderte durchlebt und im Laufe dieser Zeit von einem Mann zu einer Frau wird – wurde auf der Bühne zu einer intensiven Spurensuche des schöpferischen Prozesses mit den Mitteln eines Theater-„Labors“.

Gute anderthalb Stunden lang präsentierte das Ensemble eine dichte Collage aus Vielerlei: Eine Kunstinstallation als Kulisse, in der geschwärzte Buchrücken zu Rondellen zusammengefasst, wie Baumstümpfe die Bühne vom Saal abgrenzen, ergänzt von einer Live-Performance, in der Daniela Baumann als Schöpferin dieses Parts Virginia-Woolf-Fotografien mit Tusche nachzeichnete und schließlich unlesbar machte. Video-Sequenzen für gesprochene Worte, QR-Codes, handgeschriebene Original-Manuskripte oder Blickspaziergänge durch einen idyllischen englischen Park. Eine Leinwand für Video-Clips oder ein übergroßes Bild von Vita Sackville-West, dem literarischen Orlando-Vorbild sowie deren herrschaftlichem elterlichen Landsitz. Eine expressionistische Tanzperformance von Nicole Leu, eine Klavier-Präsentation von Herbert A. Mitschke und wie als Vorwort Akkordeon-Musik von Peter Holbeck. In all dem Musik des Trios Suprafon, die die Zuschauer in zum Teil gefühlte Ewigkeiten voller meditativer Klang-Momente schickte, mal als Begleiter für gezeigte Bilder oder Aktionen, mal als Solisten mit ungeteilter Publikumsaufmerksamkeit. Claudia Gahrke und Marc Weigel lieferten mit zum Leben erweckten Literatur-Zitaten aus „Orlando“ den roten Faden für die Zuschauer, die vom ersten Moment an gefordert waren, sich einzulassen, in dichten Dialog mit dem Gebotenen zu treten, Verknüpfungen herzustellen und die unterschiedlichen Stücke der Collage zu einem großen Puzzle zusammen zu fügen.

Am Ende liefert eine Künstliche Intelligenz den Text

„Wer schreibt den Text, die Zeilen, das Gedicht, der Autor oder letztendlich die vorkommenden Figuren selbst, die machen, was sie wollen“, wie Autorin Özlem Özgür Dündar in einem Video-Clip von einer Leinwand herunter in den Saal ausführte.

Am Ende nahm eine Künstliche Intelligenz als finaler Akteur das zuvor „gelieferte“ Material aller an der Spurensuche Beteiligten auf und lieferte „das Gedicht“, das Virginia Wolf nie geschrieben hat – und sicherlich nicht hätte.

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