Orangen mit fairem Geschmack kommen aus Italien

Mit dem Orangenverkauf möchten sich die Mitstreiter der Aktion für gerechtere Handelsbeziehungen starkmachen. Foto: Christian Beier
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Mit dem Orangenverkauf möchten sich die Mitstreiter der Aktion für gerechtere Handelsbeziehungen starkmachen.

Evangelische Kirche und Stadt Solingen fördern Direktvermarktung von Obst

Von Renate Bernhard

Ohligs „Süß statt bitter“ sollen sie sein – auch für die, die sie produzieren. Fünf Tonnen Navel-Orangen hat die evangelische Kirche jetzt für eine Direktvermarktungsaktion nach Nordrhein-Westfalen geholt. Ein Beispiel für gerechte Handelsbeziehungen will sie damit geben. Die ersten 280 Kisten à 30 Euro, zehn Kilo je Kiste, werden in diesen Tagen von der Solinger Initiatorin Christine Reinhardt-Bohne und ihrem Team aus der Gemeinde Reinoldi-Ruppelrath in der Jugendbildungsstätte Hackhauser Hof ausgegeben.

„Die Orangenernte ist in weiten Teilen Südeuropas eine Form moderner Sklaverei.“

Matthias Schmid, Pfarrer

Ute Reher ist eine der ersten Kundinnen. Sie kennt das Prinzip schon vom fairen Kaffee aus Solingens Partnerstadt Jinotega, für dessen Vertrieb sie sich einsetzt. „Für uns in Mitteleuropa ist es alltäglich, Früchte, Gemüse, Tee, Kakao und Schokolade zu genießen. Selten machen wir uns klar, dass die Menschen, die uns diese Genüsse bescheren, oft so miserabel bezahlt werden, dass sie nicht ausreichend zu essen haben – für mich eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.“

Die Orangen stammen aus Rosarno, einer kalabrischen Kleinstadt an der Stiefelspitze Italiens. Hier, wo auch Zitronen, Grapefruits und Mandeln blühen, ist 2010 nach dem Tod eines Erntehelfers und daraus folgenden Arbeiterprotesten eine Knospe des Widerstands aufgegangen. Aktivisten, Landwirte und Tagelöhner gründeten gemeinsam SOS Rosarno, denn so wie der globale Wettbewerb seinen zerstörerischen Wildwuchs treibt, sollte es nicht weiter gehen.

„Die Orangenernte ist in weiten Teilen Südeuropas eine Form moderner Sklaverei“, sagt Matthias Schmid, Ökumenepfarrer im Evangelischen Kirchenkreis Solingen. „Multinationale Konzerne und Handelsketten diktieren Preise, die nicht einmal die Produktionskosten decken.“ Zuletzt wurden 12 Cent pro Kilogramm Orangen geboten. Da bleibt nur, die Früchte verfaulen zu lassen oder sich selbst und die Menschen, die beim Ernten helfen, auszubeuten.

Noch schwächer als die Produzierenden seien die Migranten aus Afrika, ohne die die kalabrische Wirtschaft gleichwohl zusammenbrechen würde. Mit oft ungeklärtem Asylverfahren schuften sie bis zu 15 Stunden am Tag als rechtlose Wanderarbeiter und Tagelöhner oft für weniger als 25 Euro am Tag auf den Plantagen, nie ganz sicher, ob sie überhaupt bezahlt werden, berichtet das Bonner Südwind-Institut für Ökumene und Ökonomie, das sich für gerechte Wirtschaftsbeziehungen ein setzt. Viele von ihnen würden in Slums ohne Wasser und Strom hausen, etwa in Ruinen stillgelegter Fabriken, in Autos oder unter freiem Himmel.

SOS Rosarno existiert seit elf Jahren und hat sich verpflichtet, Tariflöhne zu zahlen, Erntehelfer mit regulären Arbeitsverträgen zu beschäftigen, ihnen damit den Einstieg ins Sozialsystem zu ermöglichen und ausschließlich Öko-Landbau zu betreiben. Der Verein organisiert den Verkauf im Direktvertrieb und unterstützt das von der evangelischen Kirche in Italien getragene Projekt „Mediterranean Hope“. Es bietet Italienischunterricht, sorgt für Obstspenden an Flüchtlingslager, berät ausgebeutete Landarbeiter. „Mit dem Kauf der Orangen kann jeder in Solingen dafür einen kleinen, aber wichtigen Beitrag leisten“, sagt Pfarrer Schmid.

Die Nachfrage zum Start war groß und wurde auch von Oberbürgermeister Tim Kurzbach mit einer 1000-Euro-Bestellung befördert. Schließlich hat Solingen im Februar als eine der ersten deutschen Städte und Gemeinden die Resolution „Kommunen für ein starkes Lieferkettengesetz in Deutschland“ unterzeichnet.

Ökologische, menschenrechtskonforme, faire Standards sind von nun an Kriterien bei städtischen Einkäufen. So werden in einer Nikolaus-Aktion die Orangen aus Rosarno samt Hintergrundinformationen in Solinger Kantinen, Altenstätten und Kitas verteilt. „Das passt hervorragend zu unserer Arbeit als faire Kita“, lobt Jutta Heun-Maas, Leiterin der Kita Hoppetosse. Auch Initiatorin Christine Reinert-Bohne und ihrem Team geht es um Bewusstseinsbildung. Sie möchten weitere Menschen motivieren mitzumachen – und hoffen auf Läden, die das Angebot aufnehmen. Ihr Traum: „Ein Orangennetzwerk.“

So viel kosten fair gehandelte Orangen

Der Preis: 1,40 Euro für Produktion und Ernte, 60 Cent für Transport, 1 Euro für Vertrieb, Steuern, Spende an „Mediterranean Hope“.

Die Erntehelfer: Erntehelfer bei SOS Rosarno arbeiten 7 Stunden und 40 Minuten pro Tag und sind für 55 Euro Lohnkosten am Tag auch sozialversichert.

Online-Treffen: Für alle, die sich engagieren wollen: 9. Februar 2022, 19 Uhr.

faireorangen@evangelische-kirche-solingen.de

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