Eisenbahnüberführung wird neu gebaut

Schnittert: Schranke bleibt 70 Minuten zu - Anwohner äußern Bedenken

Die Eisenbahnüberführung Schnittert wird noch bis April 2023 neu gebaut. Eine Durchfahrt ist seit voriger Woche nach Feierabend und am Wochenende möglich.
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Die Eisenbahnüberführung Schnittert wird noch bis April 2023 neu gebaut. Eine Durchfahrt ist seit voriger Woche nach Feierabend und am Wochenende möglich.

Stadt hält Sorgen um Sicherheit in Schnittert für unberechtigt. Die Bahn bestätigt: „Keine vermehrten Störungen“.

Von Björn Boch

Solingen. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Hofschaft Schnittert fühlen sich eingesperrt: Am Dienstag dieser Woche blieb die Bahnschranke am Übergang zum Caspersbroicher Weg ganze 70 Minuten lang unten. Eine alternative Route hinaus aus der Hofschaft gibt es derzeit nicht. „Abgesehen davon, dass wir ohne Ende Lebenszeit an der Schranke vergeuden: Was ist denn, wenn es bei uns in der Hofschaft mal brennt oder jemand einen Krankenwagen braucht?“, fragt Anwohnerin Petra Götzken-Wienzek.

Wie berichtet, saniert die Bahn die S-Bahn-Brücke an der Straße Schnittert – durch die Unterführung können die Menschen aus der Hofschaft normalerweise in Richtung Keusenhof und Kottendorfer Straße fahren. Das ging aufgrund der Bauarbeiten lange Zeit gar nicht.

Die Hofschaft Schnittert in Ohligs.

Seit voriger Woche habe die Deutsche Bahn – in Rücksprache mit der Stadt Solingen – das verkehrliche Konzept rund um die Eisenbahnüberführung Schnittert angepasst: „Unter der Woche kann der Straßenverkehr nach Feierabend wieder unter der Brücke rollen, am Wochenende sogar durchgängig. So hoffen wir, zu einer Entspannung der verkehrlichen Situation vor Ort beitragen zu können“, schreibt eine Bahnsprecherin dem Tageblatt.

Anwohner haben Angst im Notfall: Diese Lösung gibt es

Sorgen um die Sicherheit im Notfall seien laut Stadtverwaltung „unberechtigt“. Es sei geregelt, dass die Leitstelle mit dem Bauleiter Kontakt aufnimmt, wenn es in dem Gebiet zu einem Einsatz kommt. Dieser habe umgehend dafür zu sorgen, dass die Einsatzkräfte freie Durchfahrt haben. Ralf Seidel, Sachgebietsleiter Einsatzplanung bei der Solinger Feuerwehr, berichtet: „Am Montag war ich selbst Einsatzleiter und habe dort einen Räumungstest durchgeführt. Obwohl gerade eine Last an einem Teleskoplader hing, wurde die zugesicherte Räumungszeit eingehalten.“ Sie beträgt laut Stadt fünf Minuten.

Das sei zwar eine starke Leistung, dauere aber, wenn ein Leben dranhängt oder es brennt, zu lange, sagt Petra Götzken-Wienzek. Wie viele in der Hofschaft hat sie sich lange in Geduld geübt – die Arbeiten an der Brücke laufen schon seit Ostern. Aber die 70 Minuten Wartezeit jetzt – 40 Minuten dauerte es schon einmal vor einigen Tagen – waren einfach zu viel. „Es geht nicht, dass es so bleibt bis kommendes Jahr“, sagt sie. Zu den extremen Wartezeiten kämen immer wieder Situationen, in denen die Schranke grundlos nach einer Zugdurchfahrt 10 oder 15 Minuten unten bleibt.

Das bestätigt Jasmin Köller. Sie hat in dieser Woche an die Bahn geschrieben: „Die Situation ist eine absolute Katastrophe.“ Sie stand selbst 70 Minuten an der Schranke und verpasste einen Kinderarzt-Termin. „In der Zeit hatten sich vor den Schranken so viele Fahrzeuge gesammelt, dass es nicht mal alle in der offenen Phase rübergeschafft haben“, schreibt Köller an die Bahn. Antwort des Kundendialogs: „Anhand Ihrer Angaben ist es uns leider nicht möglich, Ihr Anliegen zu bearbeiten.“

Der Bahnübergang in Richtung Caspersbroicher Weg ist zeitweise die einzige Möglichkeit, die Hofschaft Schnittert zu verlassen. Die Schranke bleibt teils für sehr lange Zeit geschlossen.

Die Deutsche Bahn hat vor einigen Jahren neue Technik eingebaut. „Die funktioniert aber nicht“, so Petra Götzken-Wienzek. Die Bahn widerspricht: „Seit der Inbetriebnahme im Jahr 2012 laufen die beiden Bahnübergänge ordnungsgemäß. Wir konnten keine vermehrten Störungen der Anlagen feststellen“, so eine Sprecherin. Unweit des Übergangs Schnittert gibt es noch den Übergang Wilzhaus. Er ist analog geschaltet – die Anwohner kommen aber gut über Keusenhof in ihre Hofschaft.

Die Bahn bitte für die Unannehmlichkeiten um Entschuldigung. „Auf dem Streckenabschnitt sind viele Züge unterwegs. Da die Züge teilweise im Blockabstand fahren, öffnet sich der Bahnübergang nicht immer zwischen den einzelnen Fahrten und es kann so zu längeren Schließzeiten vor Ort kommen.“ Technisch laufe die Anlage einwandfrei – die Bahn werde die Situation aber in der kommenden Woche noch einmal analysieren.

Eine gute Nachricht hat die Bahn für die Hofschaft Schnittert: Der Abschluss der Arbeiten an der Brücke sei zwar erst für April 2023 geplant, die Gründungsarbeiten sollen aber Anfang des Jahres abgeschlossen werden. Der Abschluss der Arbeiten gehe mit der Öffnung der Straße Schnittert einher. „Voraussichtlich ab Anfang 2023 wird wieder Straßenverkehr unter der Brücke möglich sein“, so die Bahnsprecherin.

Geschichte

Schnittert leidet nicht das erste Mal unter eingeschränkter Erreichbarkeit. Im Sommer 2017 mussten die Übergänge Schnittert und Wilzhaus wegen einer Schienensanierung gesperrt werden. Damals gab es Ärger, weil Anwohner zu spät oder gar nicht informiert wurden. 2020 entgleiste eine Lok, worauf der Schnitterter Übergang erneut gesperrt wurde. Dem Wunsch, den Übergang zumindest für Fußgänger und Radfahrer zu öffnen, kam die Bahn nicht nach.

Passend dazu: Ausfälle der S 7 sorgen erneut für Ärger

Standpunkt von Björn Boch: Schwacher Trost

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Da stehen die Bewohner der Hofschaft Schnittert in dieser Woche also geschlagene 70 Minuten vor einer geschlossenen Schranke – und die Deutsche Bahn erklärt, dass technisch alles einwandfrei funktioniere. Das lädt natürlich dazu ein, wieder einmal auf den Chaos-Laden Bahn zu schimpfen, mit dem das Bergische Land besonders schlechte Erfahrungen gemacht hat – Stichwort: leere Züge auf der Müngstener Brücke.

Auf Tageblatt-Nachfrage, ob „keine vermehrten Störungen“ ernsthaft die Position der Bahn sei, erklärte eine Sprecherin immerhin, dass die Gegebenheiten vor Ort in der kommenden Woche noch einmal analysiert werden sollen. Das klingt erst einmal nach einem schwachen Trost für die Schnitterter, die schon lange mit der Situation hadern, bewusst aber erst spät den Weg an die Öffentlichkeit gesucht haben. Sie haben ebenfalls keine guten Erfahrungen mit der Bahn gemacht. Hoffentlich ändert sich das bald.

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