Mein Blick auf die Woche in Solingen

Ohligs als spannendes Experimentierfeld für ganz Solingen 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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In Ohligs tut sich gerade sehr viel: Es entstehen neue Wohngebiete, die Fußgängerzone und der Marktplatz werden saniert und dann gibt es da noch dieses Kleinod rund um die Lennestraße, das sich anschickt, zum Szeneviertel zu werden. ST-Chefredakteur Stefan M. Kob meint, dass Ohligs das Bayern Solingens ist und zum Vorbild für die ganze Stadt werden könnte.

In den anderen Solinger Stadtteilen schaut man gerade mit ein bisschen Neid nach Ohligs. Nicht nur, weil dort - geografisch bedingt - interessanter Zuzug zu verzeichnen ist: Der Solinger Westen profitiert am meisten vom überhitzten Immobilienmarkt am Rhein. Sondern auch, weil sich Ohligs gerade als spannendes Experimentierfeld erweist, wo man alte Gewissheiten lässig über Bord wirft und neue Wege geht, um dem Stadtteil ein anderes Gesicht zu geben: Weg vom langweiligen Solinger Bedenkenträger-Einerlei („haben wir immer so gemacht” oder „haben wir noch nie so gemacht”) hin zu einem urbanen Szeneviertel, das sich großspurig mit dem Prenzlauer Berg oder der Kölner Südstadt messen möchte.  

Die Stirnrunzel-Quote beim Lesen dieser Zeilen wird wohl bei über 85 Prozent liegen. Den notorischen bergischen Skeptikern sei aber gesagt: Wo, wenn nicht hier? Wann, wenn nicht jetzt? Ohligs ist sowas wie das Bayern Solingens. Hier gibt es die beste Infrastruktur. Hier sitzen potente High-Tech-Unternehmen, die sich wie das Ehepaar Novakovic auch noch mit Herzblut für ihren Stadtteil engagieren und investieren. Hier ist sogar das Wetter besser, weil die Westwinde die Wolken erst vor den Solinger Wupperbergen zusammenschieben.

Mit den Grundsatzentscheidungen, das O-Quartier zum Wohnen statt zum Shoppen zu planen und das frühere Union-Stadion in ein Wohnviertel zu verwandeln, wurden die Weichen auf Bevölkerungswachstum gestellt. Jetzt muss - und kann - der Stadtteil zeigen, dass er nicht nur als Schlafstadt taugt. Gleich drei gewichtige Initiativen kümmern sich in Ohligs darum: die Immobilien- und Standortgemeinschaft ISG, die Ohligser Werbegemeinschaft OWG - und die Ohligser Jongens, ein privater Verein engagierter Bürger. Während ISG und OWG hauptsächlich mit Aktionen und Festen die Ohligser City beleben wollen, gehen die Jongens weiter. Auf eine kurze Formel gebracht: Autos raus, Busse raus, Leute rein. Um zu beweisen, dass die Rechnung aufgeht, haben sie auf eigene Kosten eine Außen-Sitzgarnitur für die Lennestraße gemietet, die die Menschen anzieht wie ein Insektenhotel die Bienen und Hummeln.

Was daran besonders bestechend ist? Das Konzept „machen statt meckern”. Wer derart radikal denkt wie die Jongens, stößt zwangsläufig auf Widerstand. Vor allem, wenn man so fordernd und ungeduldig auftritt, wie es die Jongens zuweilen tun. Das geht gar nicht anders. Veränderungen machen den meisten Menschen Angst, weil die Komfortzone bedroht ist: Mag ja sein, dass in der Vergangenheit vieles schlecht war, aber wer sagt, dass es in der Zukunft besser wird? Darüber lässt sich jahrzehntelang diskutieren, ohne je eine Antwort zu finden. Wer aber einfach macht, kann vielleicht beweisen, dass es besser wird. Der Stadtverwaltung zeigen, dass der Verkehr nicht zum Erliegen kommt, auch wenn das Westviertel rund um die Lennestraße beruhigt ist. Die Händler überzeugen, dass die Kunden nicht ausbleiben, wenn Parkplätze wegfallen. 

Daher sollte das Rathaus froh sein, dass es Bürger gibt, die mit viel Eigeninitiative den lebenden Beweis erbringen wollen - und ihnen nicht unnötig Steine in den Weg legen, nur weil nicht immer alle Fragen vorher perfekt geklärt sind. Sagt nicht gerade Oberbürgermeister Tim Kurzbach, früher selbst ein Ohligser Jong, bei jeder passenden Gelegenheit „Die Stadt, das sind wir alle”, um eben jenes bürgerschaftliche Engagement einzufordern? 

Was sie in Ohligs jetzt nur noch schaffen müssen, dass alle drei Initiativen an einem Strang in dieselbe Richtung ziehen. Dann kann da was sehr Großes draus werden. Vielleicht jetzt nicht Berlin oder Köln. Aber mindestens ein Forschungslabor für ganz Solingen, wie die ganze Stadt attraktiver, lebendiger, urbaner und erfolgreicher werden kann. 

Apropos „die Stadt sind wir alle“: Die Bewachung der Rathäuser und Bürgerbüros durch meist breitschultrige grimmige Sicherheitskräfte, die vermutlich auch auf Rockkonzerten für Eindruck sorgen würden, sind noch ein Relikt aus den Lockdown-Hochzeiten: Die Barrikaden waren sicher notwendig, um Amtsbesuche zu unterbinden oder auf das absolute Minimum zu kanalisieren.

Hinzu kamen unruhige Zeiten: Immer öfter werden auch Verwaltungsmitarbeiter, die unpopuläre Entscheidungen zu exekutieren haben, selbst zur Zielscheibe von Bedrohungen und sogar tätlichen Angriffen. Gerade damals in dem aufgeheizten Klima der Demos von Querdenkern und Coronaleugnern war ein robuster Schutz der städtischen Zentralen richtig und wichtig. Nicht zu Unrecht hatten Rathausverantwortliche durchaus Sorge, dass im Zuge der Demos des „Solinger Widerstands” auch ein Sturm auf das Rathaus nicht ausgeschlossen werden konnte.

Aber die Zeiten haben sich - gottlob - beruhigt und inzwischen darf der Bürger auch wieder seine Stadt besuchen ohne wochenlange nervige Terminbuchungen im Voraus, nur um zum Beispiel einen beantragten Ausweis abholen zu dürfen. Da ist es höchste Zeit für die Verwaltung, das Sicherheitskonzept anzupassen. Richtig ist, dass eine Zugangskontrolle erhalten bleibt. Dass jeder in den Rathäusern herumlaufen darf, wie ihm beliebt, gehört der Vergangenheit an. Aber statt abschreckender Security ein freundliches Willkommens-Management einzusetzen, gehört zur Kultur einer Stadt, die für die Bürger da sein möchte. 

Unsere Themen in dieser Woche 

Energiepreise kennen nur eine Richtung: nach oben. Was raten die Solinger Stadtwerke ihren Kunden? 

An der Haasenmühle wird die ramponierte Brücke zur Wipperaue ersetzt: die Leichlinger Straße bleibt am Montag vier Tage gesperrt

Die Diskussion über den Verlauf der geplanten Veloroute nimmt Fahrt auf – und die Sorgen, dass in Merscheid viele Parkplätze verloren gehen. 

Seit dem 1. Juli sind die Bürgertests nicht mehr generell kostenlos: Wie wird die Gesetzesänderung in Solingen umgesetzt? 

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