Pandemie

Obdachlose in Solingen trifft die Corona-Krise besonders hart

In Unterkünften für Wohnungslose wie dem Haus Bethlehem wird auf die Abstands- und Hygieneregeln geachtet. Foto: Christian Beier
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In Unterkünften für Wohnungslose wie dem Haus Bethlehem wird auf die Abstands- und Hygieneregeln geachtet.

In Notunterkünften gibt es zum Teil ein reduziertes Platzangebot.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Soziale Kontakte einzuschränken – für die meisten Menschen ist das in der Corona-Krise eine ungewohnte Erfahrung. Für viele Obdachlose dagegen Alltag. „Normalerweise ist es eine unserer Hauptaufgaben, Wohnungslosen soziale Teilhabe zu ermöglichen“, erklärt Caritas-Abteilungsleiter Norbert Lesweng. Genau das ist derzeit aber kaum möglich. Die Pandemie hat die Situation und Hilfe für Menschen ohne festen Wohnsitz erschwert.

Personen, die über einen längeren Zeitraum auf der Straße leben, gibt es in Solingen kaum. „Solche Fälle bekommen wir schnell gemeldet“, sagt Norbert Zimmermann. Er arbeitet in der Caritas-Beratungsstelle für alleinstehende Wohnungslose an der Goerdelerstraße. „In Solingen muss niemand auf der Straße leben“, bestätigt die Stadt. Mit Partnern versuchen die zuständigen Stellen, unfreiwillige Obdachlosigkeit, etwa durch den Verlust der Wohnung, abzuwenden. Für jede Person, die eine Unterbringung begehrt, habe man bislang eine Lösung gefunden, betont die Stadt.

„Wer momentan eine Bleibe hat, verlässt die nicht.“
Norbert Lesweng, Caritas-Abteilungsleiter

Kurzfristig finden sie in städtischen Unterkünften, dem Haus Bethlehem der Caritas oder bei Bekannten Unterschlupf. „Wer momentan eine Bleibe hat, verlässt die nicht“, betont Lesweng. Deshalb reichen etwa die Kapazitäten der Notübernachtung im Haus Bethlehem aus, obwohl statt elf nur fünf Plätze zur Verfügung stehen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Ähnlich ist das Vorgehen in der Notschlafstelle „Die 10“ für junge Erwachsene. Dort gibt es eigentlich zehn Plätze. Im Moment sind es sieben – alle belegt. „Wir kommen zurecht, die Nachfrage darf aber nicht explodieren“, sagt Lesweng.

Auch die Stadt stellt in ihren Anlaufstellen keine „zahlenmäßigen Auffälligkeiten durch die Pandemie“ fest. Dabei handelt es sich nicht um Massen-Unterkünfte, sondern um Zimmer, die einzeln oder von Paaren belegt werden. Dort gelten die bekannten Schutzregeln. Besuch ist auf eine fest definierte sowie eine weitere Person pro Tag beschränkt. Dass die Angebote in der Krise erreichbar sind, findet Lesweng unabdingbar: „Nach uns kommt nichts mehr.“

Dennoch hat die Pandemie die Lage für Obdachlose verschärft, betont Norbert Zimmermann: „Wir versuchen, zu verhindern, dass sich die Wohnungslosen komplett zurückziehen.“ Statt auf Gruppenangebote setzen die Caritas-Mitarbeiter auf Einzelkontakte. Ein aufwendiges Unterfangen: „Wir stoßen an unsere Belastungsgrenze.“

Erschwert wird die Situation dadurch, dass einige der Ehrenamtler zur Risikogruppe gehören und deshalb nicht im Einsatz sind. Positiv bewerten Lesweng und Zimmermann dagegen die Rückmeldungen aus der Bevölkerung: „Wir haben wahnsinnig viel Zuspruch und Hilfsangebote bekommen.“

Es sind ganz praktische Probleme, mit denen sich viele Obdachlose aktuell konfrontiert sehen. Ein Beispiel: Normalerweise ist Flaschensammeln eine beliebte Möglichkeit, um an etwas Geld zu kommen. Momentan ist das kaum einträglich. Eine andere Herausforderung: Einige Behörden und öffentliche Stellen sind nicht persönlich erreichbar. „Ein Handy haben viele Wohnungslose noch, aber keinen Computer mit Internetanschluss für Videokonferenzen und Drucker“, erklärt Norbert Lesweng. Die Caritas versucht auszuhelfen, berät intensiver.

Viele Obdachlose genießen es, sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten, wissen die Sozialarbeiter. Kommt es dabei zu Verstößen gegen die Corona-Regeln, lässt der Kommunale Ordnungsdienst Augenmaß walten. „Bei Kontaktverstößen wurde auf die Regeln hingewiesen. Sanktionen in Form von Bußgeldern gab es nicht“, erklärt die Stadt. Werden Obdachlose ohne Maske angetroffen, was nur „sehr selten“ der Fall sei, erhalten sie ein bis zwei Mund-Nase-Bedeckungen.

Lesweng und Zimmermann haben beobachtet, dass der überwiegende Teil der Wohnungslosen, mit denen sie in Kontakt stehen, die Corona-Maßnahmen befürwortet. Viele gehören zur Risikogruppe. Wer einen Obdachlosen auf der Straße trifft, sagt Lesweng, solle es mit ein paar warmen Wort versuchen. „Es ist derzeit für alle nicht einfach“, weiß der Caritas-Mann. „Aber manche haben es besonders schwer.“

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Solingen. Der Blog wird laufend aktualisiert.

Hintergrund

Im Haus Bethlehem der Caritas gibt es derzeit fünf Notübernachtungsplätze. Zudem gibt es in der mittel- und langfristigen Wohnhilfe jeweils Kapazitäten für 17 Menschen. In der Beratungsstelle in der City haben rund 100 Personen ihre Postadresse. Etwa 300 Klienten zählt die Caritas dort pro Jahr.

Standpunkt: Wichtiges Netzwerk

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Ein Kommentar von Manuel Böhnke

Norbert Leswengs Erzählungen sind eindrücklich. Alle Corona-Einschränkungen treffen auch Obdachlose – nur härter, erklärt der Abteilungsleiter des Caritasverbandes. Sie stehen mit noch weniger sozialen Kontakten als ohnehin schon da, haben Schwierigkeiten, mit Behörden und Ämtern in Kontakt zu treten und schlechtere Karten, Geld aufzutreiben, etwa beim Flaschensammeln. Von der Frage, wie Menschen ohne festen Wohnsitz eigentlich an Masken und Desinfektionsmittel kommen sollen, einmal ganz zu schweigen. Dass trotz der erschwerten Bedingungen und verringerten Kapazitäten in Notunterkünften Straßenobdachlosigkeit in Solingen eine untergeordnete Rolle spielt, zeigt zweierlei. Zum einen den großen, pragmatischen Einsatz von Norbert Lesweng und seinen Mitstreitern. Zum anderen das funktionierende Netzwerk, von dem Stadt und Caritas übereinstimmend berichten. Es reicht über das Rathaus und den Wohlfahrtsverband hinaus, unter anderem sind die Religionsgemeinschaften involviert. In vielen Fällen gelingt es dank der Zusammenarbeit, Obdachlosigkeit rechtzeitig abzuwenden.

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