Die Woche von Stefan M. Kob

O-Quartier: Danke für eine zehnjährige Leidensgeschichte

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Vermutlich zählt Gräfin Dr. Jeannine von Thun zu Hohenstein Veit zu den meist gehassten Menschen in Ohligs.

Dabei ist die ehemalige Besitzerin des Olbo-Geländes regelrecht ein Glücksfall für die Stadt. Denn hätte die adelige Investorin auf der Grundlage des seit 2012 gültigen Bebauungsplans ihr O-Quartier gebaut, stünde vermutlich heute ein ziemlich unansehnlicher Klotz mit Kik- und Tedi-Läden sowie einer Spielothek auf dieser zentralen Fläche am Markt – so zu besichtigen seit 2010 in Rödental bei Coburg (Admira-Center). Doch die Gräfin kam Gott sei Dank nicht zu Potte. Sie gewann offenbar nicht mehr genügend interessierte Läden für ihr Objekt – auch nicht, als sie die ursprüngliche Stadtgalerie zu einem öden Fachmarktzentrum schrumpfte. Zu diesem schrieb Walter Brune, Star-Architekt und erfolgreicher Projektentwickler, in einem Tageblatt-Gastbeitrag schon vor Jahren, dass dies ein „Killer-Center“ wäre – Wasser auf die Mühlen der O-Quartier-Kritiker Stanscheid, Wacker und Morsbach, die sich mit ihrer ablehnenden Haltung in der Solinger Politik zunehmend unbeliebt gemacht hatten. Denn Rathaus und Politik hielten lange an der Investorin fest – bis schließlich dem letzten Optimisten klar wurde, dass sich bei Olbo wohl nie etwas regen würde. Einen Teil der Fläche hatte sie schon 2015 an Gerd Fischer von plan 8 verkauft, der darauf 70 Wohnungen baute. Deren Bewohner gucken aber bis heute auf die Schuttberge der alten Olbo-Hallen, die bis heute nicht vollständig abgetragen sind. Auf Bitten, Drohungen oder gute Zurede reagierte die Gräfin wie immer – nämlich gar nicht.

stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Nach der Kommunalwahl verhärteten sich unter Oberbürgermeister Tim Kurzbach die Fronten endgültig. Die Stadt strich der Investorin via Baurecht die Hälfte der Handelsflächen aus der Planung. Und obwohl Dr. Jeannine von Thun zu Hohenstein Veit im Tageblatt-Interview vor elf Monaten noch störrisch mit rechtlichen Schritten und jahrelangem Stillstand drohte, wirkten die Daumenschrauben doch: Mit dem Verkauf an das Berliner Bauunternehmen Kondor Wessels ist nun der Weg frei, statt eines Einkaufszentrums ein neues Quartier mit über 300 Wohnungen im Herzen von Ohligs zu schaffen. Ein Riesenschritt – wenn er denn gegangen wird. Man kann es den Bürgern nicht verübeln, dass sie nach dieser zehn Jahre währenden Leidensgeschichte erst dann den Versprechungen glauben, wenn sich Baukräne drehen.

Aber für die zehnjährige Blockade muss man der Gräfin heute dankbar sein. Denn genau in dieser Zeit setzte sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass unter anderem durch den zunehmenden Druck des Online-Handels ein Plus an Einzelhandelsflächen tödlich ist. Stattdessen strebt Cityplanung heute ein Mehr an Wohnen und Dienstleistung an – als Kranz um einen attraktiven Einzelhandel. Während die Solinger Innenstadt diesen langen schmerzhaften Weg noch vor sich hat, könnte die Rosskur in Ohligs in wenigen Jahren gelingen.

Da kommt es extrem gelegen, dass die neue Interessen- und Standortgemeinschaft (ISG) gestartet ist und parallel die heutige Situation rund um die Düsseldorfer Straße verbessern kann. Denn es ist ja beileibe nicht so, dass man von einer heilen Einkaufswelt in Ohligs sprechen könnte, nur weil jetzt kein O-Quartier mehr stört. Deshalb müssen OWG und ISG die Ärmel aufkrempeln und ihr Städtchen fein gemacht haben, wenn in 2021 hunderte von Neubürger ihre Wohnungen am Markt bezogen haben.

TOP Passt dazu: Sparkasse verlegt ihre beiden Filialen ins Globus-Kaufhaus.

FLOP Passt nicht: Kirchen gehen die Sternsinger aus.

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