Andacht

Was du nicht willst, dass man dir tu’. . .

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Theologen laden im Solinger Tageblatt zur Andacht ein – heute der katholische Stadtdechant Michael Mohr

Lieber Leserin,

Lieber Leser

„Was du nicht willst, dass man dir tu’. . .“ Haben Sie diesen Spruch auch ab und zu von Eltern oder Großeltern gehört? Bei mir jedenfalls weckt er Erinnerungen an die Kindheit. Die Philosophie spricht von der „Goldenen Regel“, und die gibt es in vielen Weltreligionen, nicht nur im Christentum. Wenn man nur ein wenig sucht, dann tut sich ein breites Spektrum auf, das vom Konfuzianismus über die abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) sogar bis in „weltliche“ Bereiche wie Philosophie, Ökonomie oder Medizinethik reicht.

Michael Mohr ist katholischer Stadtdechant.

Dabei gibt es zwei Herangehensweisen, die „Goldene Regel“ zu leben. Zunächst ist da das reine Verzichten auf Handlungen: Wenn du selbst nicht so behandelt werden willst, dann lass auch andere damit in Ruhe. Aber ich meine, dass es besser ist, selbst aktiv zu werden: Behandele alle anderen so, wie du selbst behandelt werden willst. Im Evangelium am kommenden Sonntag, dem Christkönigsfest, geht es unter anderem darum. Natürlich klingt es dort etwas anders: Wir sollen im Armen, im Schwachen, im Hungrigen und im Gefangenen Christus erkennen und ihm Gutes tun. Jesus Christus ist das sehr wichtig: Wenn wir in diesen Menschen nicht ihn erkennen, dann haben wir falsch gehandelt. Anders also als der Spruch: „Wer nichts tut, macht auch keine Fehler“ weist Christus uns hier sehr deutlich darauf hin, dass die „Goldene Regel“ eine aktive Haltung braucht: Erkenne die Not des Anderen und hilf ihm, denn du würdest auch Hilfe bekommen wollen!

Was so ehrenvoll klingt, ist, finde ich, sogar eine Vereinfachung. Denn wenn mir ein Armer, Schwacher oder Hungriger begegnet, dann fällt es mir leicht zu helfen. Oder zumindest daran zu denken, was Christus mir als Auftrag mitgegeben hat. Aber wenn es darum geht, im Alltag wirklich die „Goldene Regel“ im Kopf zu haben und umzusetzen, dann wird das auf einmal schwieriger.

„Wäre es nicht eine Idee, diese Zeit zu nutzen, um mehr auf die anderen als auf mich zu achten?“

Denn das bedeutet, zum Beispiel auch dann eine Maske zu tragen und auf Abstand zu achten, wenn es mir selbst eigentlich lästig ist. Ganz einfach, weil ich weiß, dass es um Rücksicht auf andere geht. Dann bedeutet das, selbst ab und zu zurückzustecken und zu verzichten. Ganz einfach, weil andere vielleicht den Termin beim Arzt, den Platz im Bus oder in der Kirche noch notwendiger brauchen als ich. Dann bedeutet das, auf andere zuzugehen und die Hand zur Versöhnung zu reichen, auch wenn ich unendlich genervt bin. Ganz einfach, weil ich selbst so eine Hand gerne entgegengestreckt bekäme.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen bei den Gedanken geht? Mir fallen auf einmal viele kleine Dinge ein, in denen mir das mit der „Goldenen Regel“ noch nicht richtig gelungen ist, obwohl es so einfach klingt. Und die Beispiele oben lassen sich kinderleicht ergänzen, sobald man bewusst in seinen Alltag schaut.

Wir stehen kurz vor dem Advent, einer Zeit also, in der wir Christen uns auf die Geburt Jesu vorbereiten. Auch wenn wir in einen anderen Advent als sonst gehen, ist es doch eine Zeit, in der viel vorbereitet wird und in der der Kalender sehr schnell sehr voll wird. Also eigentlich eine Zeit, in der es schwerfällt, bewusst in seinen Alltag zu schauen. In der Geschichte der Kirche ist der Advent allerdings auch eine Fastenzeit (was heute ziemlich in Vergessenheit geraten ist). Also eine Zeit der Besinnung, der Umkehr und eine Zeit, sich neu auszurichten auf Gott hin.

Wäre es nicht eine Idee, diese Zeit zu nutzen, um mehr auf die anderen als auf mich zu achten? Ganz einfach, weil ich andere so behandeln sollte, wie ich selbst behandelt werden möchte.

Ihr Pfarrer Michael Mohr

Zur Person

Michael Mohr studierte Theologie in Bonn, Salamanca und Köln. Die Diakonenweihe folgte 2007, die Priesterweihe 2008. Nach Kaplanstellen in Neuss, Wipperfürth und Grevenbroich ist er seit 2016 Pfarrer in Solingen, seit 2017 Stadtdechant.

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