Energiekrise

Neues Konzept der Stadtspitze: So soll Solingen Energie sparen

Matthias Knospe (Immobilienmanagement, v.l.), Dirk Wagner (Ressortgeschäftsführer), Stadtdirektorin Dagmar Becker, OB Tim Kurzbach, Krisenstabsleiter Jan Welzel und Peter Sossna (SWS Netze) informierten über die Pläne der Stadt.
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Matthias Knospe (Immobilienmanagement, v.l.), Dirk Wagner (Ressortgeschäftsführer), Stadtdirektorin Dagmar Becker, OB Tim Kurzbach, Krisenstabsleiter Jan Welzel und Peter Sossna (SWS Netze) informierten über die Pläne der Stadt.

Die Einsparungen treffen nicht nur die Verwaltung, sondern auch direkt die Solinger Bürger. Dazu ein ST-Kommentar.

Von Björn Boch

Solingen. Die Stadtverwaltung hat am Freitagnachmittag ihr Konzept vorgestellt, wie sie im Herbst und Winter Strom und Gas sparen möchte, um angesichts der Energiekrise möglichst wenig zu verbrauchen. „Wir müssen 20 Prozent Gas einsparen, dürfen aber maximal 20 Prozent mehr Strom verbrauchen“, erklärte Krisenstabsleiter Jan Welzel (CDU). Der Verbrauch beim Gas sei derzeit etwas niedriger als im Fünf-Jahres-Schnitt, aber noch nicht niedrig genug.

Bei vielen Maßnahmen sind die Bürgerinnen und Bürger der Stadt direkt betroffen, etwa an den Schulen oder beim Besuch im Schwimmbad. Warmwasser wird in vielen Bereichen ebenso abgeschaltet wie Außenbeleuchtung. Auch für die Mitarbeitenden der Stadt und die angeschlossenen Betriebe gelten besondere Regeln. Eine Übersicht.

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Schulen und Kitas: Es bleibt bei 20 Grad in den Klassenzimmern. Ressortgeschäftsführer Dirk Wagner betonte, dass man gerne weiter gegangen wäre. „Wir wollten ambitionierter sein, die Schulen wollten mitmachen, aber wir bleiben bei den Landesregeln.“ So hielten es auch Wuppertal und Remscheid. Für Kleinkinder wird etwas mehr geheizt, Warmwasser in den Kitas bleibt.

Sport: Mit 17 Grad werden die Turnhallen beheizt. Durch die Landesregel, dass es warmes Wasser für Duschen geben müsse, bedeute dies, dass Wassertanks dauerhaft erhitzt werden müssen. Da hätte die Stadt gerne mehr gespart. Erhalten blieben Angebote wie „Laufen unter Fluchtlicht“, betonte Stadtdirektorin Dagmar Becker (Grüne).

Die sparsamen LEDs seien auf 30 Prozent Leuchtkraft eingestellt. „Der Schaden eines Wegfalls steht in keinem Verhältnis zum Einsparpotenzial.“ Mit dem Fußballkreis hat man sich auf eine spielfreie Zeit (12. Dezember bis 4. Februar) geeinigt. In der Klingenhalle wird das Wasser 26 Grad, im Vogelsang 28 Grad warm sein.

Verwaltung: In allen Verwaltungsgebäuden inklusive Bürgerbüros, Theater und Stadtbibliothek sei die Temperatur mit Beginn der Heizphase auf 19 Grad reduziert worden. Das bleibt so. Nebenräume und Treppenhäuser werden auf 12 Grad geheizt. Heizzeiten werden eingeschränkt. In den meisten Gebäuden der Stadt ist die Warmwasseraufbereitung per Strom mit Untertischgeräten abgestellt, weil das energieintensiv ist.

Es gibt auch keine Beleuchtung mehr von außen, bis auf die Notbeleuchtung. „Es kann auch immer mal sein, dass noch irgendwo eine Lampe brennt“, so Wagner mit Blick auf zahlreiche Hinweise aus der Bürgerschaft.

Empfangszeiten in Mitte und Ohligs – bisher von 7 bis 19 Uhr – werden auf 7.30 bis 17 Uhr reduziert, freitags bis 14.30 Uhr. „Alle, die in der Lage sind, sollen im Homeoffice arbeiten“, so Wagner – von etwa 2000 betroffenen Mitarbeitenden der Stadt seien 1650 dazu in der Lage. Alle Aufzüge blieben wegen Barrierefreiheit zwingend in Betrieb, es gebe aber den „Appell der Treppennutzung“. Empfangszeiten werden reduziert. Eine dauerhafte Schließung einzelner Gebäude werde derzeit noch geprüft.

Weihnachtspause: Die Verwaltung wird zwischen 24. Dezember und 8. Januar weitgehend schließen, Gebäude werden „heruntergefahren“. Es werde in vielen Bereichen Notdienste und Ansprechpartner geben, etwa bei den Kitas, im Jugendschutz, bei den Stadtdiensten Gesundheit oder Ordnung. Betroffen sind neun Arbeitstage. Bedienstete erhalten zwei Tage Sonderurlaub und können drei Tage Homeoffice machen, der Rest müsse aus Urlaub oder Freizeitausgleich erbracht werden.

Kultur: Hier wird nichts geschlossen, Kultur habe bereits unter Corona sehr gelitten. Wenn sich die Lage verschärfe, werde die Stadt diese Entscheidung überdenken.

Oberbürgermeister appelliert an Bürger

OB Tim Kurzbach (SPD) verband die Pressekonferenz mit einem Appell: „Die nächste Krise ist da und wird uns mit voller Wucht treffen. Wir müssen mit aller Energie sparen“, sagte er doppeldeutig – alle müssen sparen, jede Form von Energie müsse gespart werden.

„Wir werden die Krise meistern, wenn sich jeder und jede als Teil der Stadtgesellschaft versteht und sich aufgefordert fühlt, mitzumachen.“ Das gelte nicht nur kurzzeitig. „Wir reden hier nicht über die nächsten vier Wochen. Gas- und Strommangel wird es eher Anfang 2023 geben.“ Deshalb gelte es, jetzt zu sparen, damit das möglichst spät oder gar nicht eintritt.

Es falle auch ihm nicht leicht, wieder zu appellieren und zu sensibilisieren. „Corona hat uns noch nicht losgelassen und wird im Herbst und Winter seine eigenen Geschichte erzählen. In sensiblen Bereichen könnte die Handlungsfähigkeit erneut gefährdet sein“, sagte er mit Blick auf die Krankenhäuser. Dazu kämen Probleme wie Lieferketten, Fachkräftemangel, Inflation und steigende Zinsen sowie eben die Energiemangel-Lage.

Mit aller Energie sparen: Da müsse die Stadtverwaltung mit herausragendem Beispiel vorangehen. Sie gehöre aber nicht zu den größten Emittenten, weil in den vorigen Jahren viel getan wurde. Der Anteil am Gasverbrauch etwa für die Stadt liege bei nur circa 2 Prozent, viel werde über Fernwärme und das MHKW abgedeckt. „Aber wenn wir uns Mut von den Bürgern wünschen, dann fordere ich das auch in hohem Maße von den Kolleginnen und Kollegen.“

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Wettbewerb

Neben einer Informationskampagne der Stadt soll es auch einen Kreativwettbewerb zum Thema Energiesparen in allen Bildungseinrichtungen geben. Dabei gehe es nicht darum, wer am meisten frieren könne, sondern um gute Ideen. So sollen neben dem Nachwuchs auch die Eltern erreicht werden.

Standpunkt von Björn Boch: Krise im Schongang

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Wird der Winter warm und das Gas reicht aus, wird es Stimmen geben, die im Nachhinein Panikmache diagnostizieren. Da ähneln sich Energie- und Coronakrise auf fatale Weise: Es gibt keinen Ruhm für Prävention. Und da der Oktober golden ist und die Temperaturen noch nicht so niedrig sind, scheinen Gasmangel und Heizkostenabrechnung weit weg.

Auch das ist eine Parallele zwischen Corona und der Energiekrise: Oft wurde erst gehandelt, wenn es richtig ernst wurde. Falls es ganz schlimm kommt – und man ist angesichts der Vorjahre geneigt, genau das zu befürchten – schlagen im Winter beide Krisen gleichzeitig zu. Dann kommt der nächste Stresstest für eine Gesellschaft, die diesbezüglich am Limit ist. Und dann wird mehr notwendig sein als ein bisschen weniger heizen und Verzicht auf warmes Wasser. Noch aber haben wir in vielen Bereichen – zum Glück – Krise im Schongang.

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