Buch über Kindheitserinnerungen

Nazis missbrauchen die Seele eines Kindes

Die Solingerin Annemarie „Annemie“ Johann-Wessel schrieb ein Buch über ihre Kindheitserinnerungen von 1938 bis 1948 – darunter die Zeit in Thüringen während der „Kinderlandverschickung“. Foto: Christian Beier
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Die Solingerin Annemarie „Annemie“ Johann-Wessel schrieb ein Buch über ihre Kindheitserinnerungen von 1938 bis 1948 – darunter die Zeit in Thüringen während der „Kinderlandverschickung“.

Annemarie Johann-Wessel hat zehn Jahre ihrer Jugendzeit unter den Nazis als Familiengeschichte aufgeschrieben.

Von Philipp Müller

Solingen. Ein kleines, silbernes Taschenmesser aus Solingen wechselt in den Apriltagen 1945 den Besitzer. Die 12-jährige Solingerin Annemarie, genannt Annemie, tauscht es mit einen amerikanischen Besatzungssoldaten in Thüringen gegen einen Riegel Schokolade. Es war ihr klar, das ist kein gutes Geschäft. Der „Feind“ hatte sie, die glühende Anhängerin des Führers, über das Ohr gehauen.

Die Episode ist Teil der Lebenserinnerungen von Annemarie Johann-Wessel. Sie wurde 1933 in Solingen geboren und lebt heute noch in ihrer Heimatstadt. Unter dem Titel „Unter der Sonne, die nicht schien“ hat die Autorin ihre Jugendzeit zwischen 1938 und 1948 festgehalten.

Doch der Untertitel des Buchs „Meine Kinder- und Jugendjahre von 1938 bis 1948 als Chronik einer Verblendung“ gibt die Richtung vor, um die es in diesem Buch neben der Haupterzählebene geht: Anhand ihrer Familie beschreibt sie, wie tief die Gräben in einer Familie sein können, wenn glühende Anhänger des NS-Regimes auf Gegner der Hitler-Diktatur treffen.

Das macht das Buch mit einer fast unschuldig wirkenden Erzählweise – kein Wunder, es sind zunächst Kindheitserinnerungen. Johann-Wessel ordnet sie aber immer wieder ein und lässt die Leser ahnen, wie aus Kindern regimetreue Soldaten im Geist und im Feld erzogen wurden. Diese heute unbegreifliche Zeit lässt sie mit viel Emotionen aufleben.

„Ihre Tochter ist jetzt ein Kind des Führers.“
Eine Lehrerin 1943 zur Mutter der Autorin Johann-Wessel

Die begabte Annemie wird ab der 5. Schulklasse auf einer Hauptschule unterrichtet. „Die kam in den Lehrfächern fast einem Gymnasium gleich, aber man brauchte kein Schulgeld zu bezahlen, was bei einer Höheren Schule sonst üblich war“, scheibt sie im Buch. Dort sei es natürlich im Unterricht auch darum gegangen, gute Nationalsozialisten zu erziehen, erläutert Ralf Rogge vom Solinger Stadtarchiv. Allerdings ohne den strengen Drill der Kaderschmieden (| Kasten). Trotzdem, erzählt die Autorin, sagte eine Lehrerin zu ihrer Mutter: „Ihre Tochter ist jetzt ein Kind des Führers.“

Die Solingerin erzählt von festen Ritualen an der Schule. Besonders nach dem 21. November 1943. Da wurden Schüler und Lehrer nach Thüringen verfrachtet. Die „Kinderlandverschickung“ brachte sie nach Tabarz. Wegen fehlender Busse dort sei es „in einzelne Gruppen eingeteilt auf einen kilometerweiten, beschwerlichen Weg durch tiefverschneite Tannenwälder“ gegangen. „Mit meinem Namensschild um den Hals und Puppe Anneliese im Arm stapfte ich mit.“

Die 87-Jährige sagt: „Die Jugend weiß gar nicht, was wir im Krieg erlebt haben.“ Auch das sei ein Grund, das Buch zu schreiben. Vor allem ihre Familie habe ihr geraten, alles einmal auszuschreiben. Ihre Tochter habe das dann bearbeitet. Gudrun Tossing, selbst Autorin, fungierte als Lektorin.

Beim Besuch des Tageblatts schießen der Autorin oft viele Gedanken durch den Kopf. Zur Zeit in Thüringen und der Rückkehr nach Solingen sagt sie: „Ich bin nicht als Zwölfjähriger zurückgekommen, sondern deutlich älter.“ Zum Glück habe sie schnell nach dem Krieg verstanden, wie sie von den Nazis missbraucht worden sei. Sie wurde gedanklich frei, ist es heute noch mit großer Leidenschaft.

Das Buch ist im Verlag tredition als Hardcover, Paperback und E-Book erschienen: ISBN: 978-3-347-12232-1

Hauptschule

Die Hauptschulen in der NS-Zeit seien Teil des mehrgliedrigen Schulsystems gewesen, erklärt der Leiter des Solinger Stadtarchivs, Ralf Rogge. Die Erziehung regimetreuer Schüler sei nicht auf eine Elite ausgerichtet gewesen wie in Nationalpolitischen Erziehungsanstalten.

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