Die große Nachhaltigkeitsserie

Eine Woche ohne Auto? Der Selbstversuch

Volontärin Katharina Birkenbeul hat ihr Ziel erreicht: das Tageblatt-Haus an der Mummstraße.
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Volontärin Katharina Birkenbeul hat ihr Ziel erreicht: das Tageblatt-Haus an der Mummstraße.

Manchmal muss man einfach etwas ausprobieren: Volontärin Katharina Birkenbeul ist täglich sportlich auf dem Fahrrad unterwegs.

Von Katharina Birkenbeul

Bergisches Land. Ist das anstrengend. Jeden Tag zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu Freunden mit dem Fahrrad zu fahren, ist definitiv nicht ohne. Und abends wieder zurück. Doch: Um ein bisschen nachhaltiger zu leben, habe ich mich getraut und bin eine Woche mit dem E-Bike gefahren. Das Auto musste die ganze Zeit stehenbleiben.

Tag 1: 8.30 Uhr in Remscheid. Ich stehe mit meinem Fahrrad vor der Wohnung – neben meinem Auto. Das Wetter ist grau. Jetzt ist es verlockend, das Fahrrad doch einfach stehen zu lassen, wieder wie gewohnt ins warme Auto zu steigen und die rund 13 Kilometer zur Arbeit nach Solingen zurückzulegen. Aber ich habe mir etwas vorgenommen. Also: Los geht’s!

Die ersten Meter bereue ich es, meine Regenjacke nicht mitgenommen zu haben. Der Fahrtwind zieht durch den warmen Sportpullover und es fängt leicht an zu nieseln. Doch beides legt sich schnell. Dann kommt bereits der erste leichte Anstieg durch den Wald. Ganz ehrlich: Ich bin bereits zu diesem Zeitpunkt froh, ein E-Bike zu haben. Weiter geht es auf die erste große Straße. Ein bisschen Respekt vor den 70 km/h fahrenden Autos habe ich schon, aber als ich ankomme, ist die Straße wie leergefegt. Und dann geht es auf den ersten und einzigen Fahrradweg der Strecke – immer an der L 74 entlang von Müngsten nach Solingen-Kohlfurth.

Diesen Sonnenuntergang hätte ich mit dem Auto verpasst.

Dort angekommen, fahre ich zum ersten Mal auf dieser Route gemeinsam mit Pkw und Lkw über die Straße. Auch hier bin ich froh, dass mich ein Motor unterstützt, sonst wäre ich kaum so entspannt neben den größeren Fahrzeugen unterwegs.

Oben am längsten und steilsten Berg der Strecke angekommen, wartet die erste und einzige Schwierigkeit auf dem Hinweg auf mich: Ich muss von der rechten Fahrseite auf die Linksabbiegerspur kommen, während alle Fahrzeuge links überholen. Aber auch das ist gemeistert. Und auf den letzten Metern bin ich sogar mal schneller als die Autos, die mich zuvor überholt haben, denn die warten alle an der Linksabbiegespur, während ich geradeaus über die grüne Ampel fahre.

Nach 40 Minuten – zehn Minuten schneller als das Navi vorhergesagt hatte – ist das Ziel erreicht: das Tageblatt-Haus an der Mummstraße in Solingen. Gut, dass ich nun gezwungen bin, auch wieder nach Hause mit dem Fahrrad zu fahren.

Selbstversuch: Am zweiten Tag fallen die kleinen Dinge des Weges ins Auge

Tag 2: Musste ich mich gestern noch überwinden, aufs Fahrrad zu steigen und mich auf die Strecke konzentrieren, habe ich heute schon Zeit, auch mal abseits der Strecke zu gucken. Bis nach Solingen folgt die Hälfte meiner Strecke dem Wasser. Erst dem Morsbach und dann der Wupper – die Schäden des Juli-Hochwassers sind noch gut zu erkennen.

An dieser Stelle kreuzt die Wupper die L 74.

Das war mir zwar bekannt, so wirklich bewusst habe ich es aber erst beim Radfahren festgestellt. Auch, dass die Wupper statt auf der linken Seite irgendwann auf der rechten Seite der Landstraße verläuft, ist neu für mich. Oder dass es in der Umgebung des Entsorgungszentrums Bärenloch in Solingen nicht gut riecht. Und eine neue Straße wird auf dem Weg auch geteert. Außerdem kam mir noch die Erkenntnis des Tages: Jeder ist nur so schnell wie die Ampelschaltung.

Tag 3: Am dritten Tag auf dem Rad schaue ich den Autos, die mit 100 km/h über die Landstraße rasen, während ich mit 16 Kilometern pro Stunde nebenher tuckere, nicht mehr neidisch nach, sondern genieße die Sporteinheit. Da kann ich wenigstens nicht geblitzt werden. Zudem: Es hat sich Gewohnheit eingestellt. Hat mich auf der ersten Rückfahrt die Führung des plötzlich auftauchende Fahrradwegs auf der Mummstraße noch verwirrt, kenne ich meinen Weg nun aus dem Effeff.

Im Wald zwischen Morsbachtalstraße und Solinger Straße.

An den letzten Tagen wird das Fahrradfahren zur Gewohnheit

Tag 4: Meine Beine und mein Hintern tun weh. Aber heute teile ich mir zum ersten Mal meinen Weg zur Arbeit mit anderen Radfahrern, was sicherlich auch am Wetter liegt, das nicht nur sonnig, sondern auch ein klein bisschen wärmer ist als die Tage zuvor. Beim Einkaufen am Abend merke ich zudem, dass die Parkplatzsituation deutlich entspannter ist. Im Fahrradkeller bei der Arbeit oder im Fahrradständer beim Einkaufen ist immer Platz.

Tag 5/6/7: An den letzten drei Tagen benötige ich das Fahrrad nicht mehr so häufig, da mir der Arbeitsweg erspart bleibt. Und die Strecken, die ich noch zurücklegen muss, gehe ich zu Fuß. Allerdings wage ich mich an einen kleinen Ausflug mit dem Rad. Denn wie schon erwähnt: Das Fahrradfahren ist zur Gewohnheit geworden. Deshalb geht es an Tag 6 vom Zillertal in Remscheid zur Ronsdorfer Talsperre in Wuppertal und über den Grund in Remscheid wieder zurück. Zur Belohnung gönne ich mir ein Eis.

Die Ronsdorfer Talsperre im herbstlichen Gewand.

Fazit: Obwohl ich in meiner Freizeit viel Sport treibe, ist Fahrradfahren nicht so mein Ding. Doch so schlimm waren die täglich rund 80 Minuten auf dem E-Bike gar nicht. Die Sorge, dass mir Muskelkater zu schaffen machen wird, ist eingetroffen, die Angst vor respektlosen Autofahrern nicht. Dennoch würden weitere Fahrradwege den Städten nicht schaden. Am meisten überrascht hat mich aber, was es alles auf den Strecken, die ich sonst tagtäglich mit dem Auto zurücklege, zu entdecken gibt. Mein Fazit: Ich glaube, das mach’ ich irgendwann noch mal!

E-Bikes

E-Bikes: In den vergangenen Jahren ist die Nachfrage nach E-Bikes in Solingen gestiegen. Derzeit verkauft das Zweirad-Center Legewie rund 40 Prozent E-Bikes. „Ob sich das verstärkt, bleibt abzuwarten“, sagt Inhaber Heiko Legewie. „Es gibt auch den generellen Trend, vom Auto aufs Fahrrad umzusteigen.“ Bei Legewie habe man aber das Glück, beide Radarten ausstellen zu können, „und Kinderfahrräder gibt es gar nicht mit elektronischer Unterstützung.“ Grund für die Wahl eines E-Bikes in Solingen ist die Topographie, weiß Heiko Legewie, aber auch der Spaßfaktor und die Zeitersparnis würden für die Kunden zählen. Durch neue Leasing-Angebote steigen auch viele Arbeitnehmer auf E-Bikes um.

Das tut die Stadt: Auch die Stadt Solingen engagiert sich mit einer Reihe von Maßnahmen für den Radverkehr in der Stadt. „Da geht es etwa um sichere Abstellanlagen, um Verknüpfungspunkte zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln herzustellen und den Ausbau der Radinfrastruktur.“

Serie: In der ST-Serie „Natürlich nachhaltig“ beschäftigen wir uns mit dem Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz in den Bereichen Ernährung, Mobilität und Konsum. In der nächsten Folge geht es um Fleisch.

Alle Folgen dieser Serie finden Sie hier.

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